ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2016Literarische Orte: Am großen Strom der kleinen Leute

KULTUR

Literarische Orte: Am großen Strom der kleinen Leute

Dtsch Arztebl 2016; 113(17): A-836 / B-708 / C-698

Jachertz, Norbert

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Ulla Hahn schreibt über das „Kenk vun nem Prolete“, das die „Bööscher“ liebt, und den Dondorfer Rhein, der nichts Besonderes bietet.

„Ruhig dehnt sich der Rhein in seinem Bett“ – Er beruhigt die Augen, das Herz, die Gedanken, schreibt Ulla Hahn. Foto: Fotolia/hanseat
„Ruhig dehnt sich der Rhein in seinem Bett“ – Er beruhigt die Augen, das Herz, die Gedanken, schreibt Ulla Hahn. Foto: Fotolia/hanseat

Der Leser, der Ulla Hahns Epos über Kindheit und Jugend, Niederlagen und Aufbruch eines Arbeiterkindes vom Rhein liest, taucht tief in die 50er und 60er Jahre ein. Ein Entwicklungsroman, der zugleich treffend die Zeitgeschichte vermittelt. Über 2 000 Seiten folgt der Leser berührt und gespannt dem Leben von Hilla Palm, dem Alter ego der Erzählerin, und ihrer alltäglichen, nervigen und dann wieder so liebenswerten Familie.

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Hilla entstammt einer Arbeiterfamilie vom kleinbürgerlichen Typus, die das Leben an der Armutsgrenze als gottgegeben hinnimmt und dank Gemüsegarten und Nebenjobs einigermaßen über die Runden kommt. Hilla aber, das Kenk vun nem Prolete, will raus aus dem Armutskreislauf. Durch Bildung. Sie verschlingt die Bööscher – Ulla Hahns Protagonisten sprechen durchweg kölsch – und lässt sich von Eltern und Tanten nicht davon abbringen, nicht einmal durch grobe väterliche Gewalt. Gefördert wird Hilla hingegen von Lehrern und vom Pastor, der in dem ausgeprägt katholischen Milieu, dem Hilla verhaftet ist, eine ausschlaggebende Rolle spielt. Man bedenke, wir begegnen Hilla erstmals in den 50er Jahren, als die Kirche das Leben unangefochten bis ins Bett hinein bestimmte.

Der Rhein als Zuflucht und Tröster

Hillas langer Weg von Dondorf nach Köln, vom kargen Verschlag neben dem Plumpsklo bis zur Uni, weist manche Brüche auf. Wir können und wollen den Lebenslauf, für den die Autorin immerhin drei dicke Bände benötigte, hier nicht nacherzählen. Auf einen Absturz aber muss man eingehen. Nach einem Ball der katholischen Jugend im benachbarten Langenfeld (im Buch Großenfeld) wird Hilla von drei Männern vergewaltigt. In einem Waldstück, auf einer Lichtung. Sie vermag niemandem davon zu erzählen, fühlt sich gar – ganz Kind der 50er – schuldig.

Die „Lichtung“ und „Hilla Selberschuld“ durchziehen fortan das Leben der jungen Frau. Eindrücklich beschreibt die Erzählerin das Verbrechen und die anhaltenden psychischen und körperlichen Folgen, ohne je das Unwort Vergewaltigung auszusprechen. Erst als Studentin in Köln offenbart sich Hilla ihrem Freund und die „Kapsel“ in ihr, die „Wand“, die sie „von den Menschen und der Wirklichkeit“ trennte, löst sich auf. Ulla Hahn, die selbst vergewaltigt wurde, hat sich die Wiedergabe der Schrecken – fünfzig Jahre nach dem Geschehen – förmlich abgerungen, und das Trauma schreibend erneut bewältigt.

Nach dem Verbrechen taumelt Hilla zum Rhein, um sich zu reinigen, buchstäblich und sinnbildlich. Der Rhein als Zuflucht und Tröster. Er steht seit Hillas Kindertagen für das Zuverlässige. Unter einer Weide am Ufer hat ihr der Großvater die Welt erklärt. Mit ihm hat sie Buchstabensteine und Wutsteine gesucht, flache Kiesel. Die fein geäderten erzählen Geschichten. In die hässlichen schwarzen spricht man seine Wut hinein, um sie dann in den Fluss zu werfen und damit die Wut loszuwerden.

Besuchen wir also jetzt endlich den Rhein und Dondorf. Hillas Welt hat sich radikal geändert. Erst auf den zweiten und dritten Blick findet sich der Besucher, der Dondorf sucht und in Monheim landet, zurecht. Die Stadt Monheim liegt am Rhein zwischen Leverkusen und Düsseldorf, in einer industriell geprägten Region. Eine Agglomeration, nicht Stadt, nicht Land, geht in die andere über. Das einzig Beständige scheint der Rhein zu sein.

Ulla Hahn ist in Monheim aufgewachsen. Zu ihrer Zeit war das ein dörfliches Städtchen mit vielleicht 5 000 Einwohnern, heute zählt die Kernstadt 30 000 Einwohner. Monheim gilt als das „Wunder am Rhein.“ Als wir das „Wunder“ besuchen, um Hilla (und Ulla) auf die Spur zu kommen, feiert die „Rheinische Post“ gerade die Stadt, weil sie „mit einem riesigen Plus“ abgeschlossen hat. Der Haushaltsüberschuss ist einer findigen Industriepolitik zu verdanken. So umschließt denn auch ein stetig wachsender industrieller Ring die Stadt.

Die kleine Altstadt lässt ahnen, wie es in Hillas „Dondorf“ ausgesehen hat. Da sind noch ein paar gründerzeitliche Villen der alten Fabrikpatrone. Da ist der mittelalterliche Schelmenturm (im Buch Schinderturm), durch dessen Tor Hilla mit ihrem Vater zu einem herzzerreißenden Gespräch an den Rhein ging, da steht auf dem Kirchberg St. Gereon, wo der Pastor zum Befremden der Gemeinde nach dem Vatikanischen Konzil die Messe mit dem Gesicht zum Volk hin las. Da ist das alte Rathaus aus den 1930er Jahren, als die Alt Schulstraße
Goebbelsstraße hieß. Schräg gegenüber das St. Josef-Krankenhaus, in dem Hillas Oma frühmorgens die Kartoffeln schälte, hat die Gesundheitsreformen nicht überstanden; es ist seit drei Jahren geschlossen und wurde Tatort für den „Tatort“.

So dörflich wie Dondorf im Roman erscheint, war es auch zu Hillas Zeiten nicht. Als Schülerin jobbt sie bei Maternus (gemeint ist Schwarz Pharma, heute UCB), sie beginnt eine kaufmännische Lehre in „der Papp“, der Rheinischen Pappenfabrik, inzwischen von einem Konkurrenten geschluckt. Dondorfs früherer Hauptarbeitgeber Shell hat seine Raffinerie längst aufgegeben, dafür expandiert der große Konzern (Hahn meint Bayer) unaufhaltsam in Hillas Welt hinein.

Bildungsförderung im Ulla-Hahn-Haus: Im Elternhaus der Autorin werden ganz in ihrem Sinne Jugendliche mit Sprache und Literatur vertraut gemacht. Fotos: Thomas Spekowius; Julia Braun
Bildungsförderung im Ulla-Hahn-Haus: Im Elternhaus der Autorin werden ganz in ihrem Sinne Jugendliche mit Sprache und Literatur vertraut gemacht. Fotos: Thomas Spekowius; Julia Braun

Die Sehnsucht, in den Zug zu steigen, der Welt entgegen

Von Umbruch kündet vor allem auch Hillas/Ullas unmittelbare Umgebung. Das Wohnhaus der Eltern und Großeltern, Neustraße 2 (im Buch Altstraße), eine Doppelhaushälfte, Backstein und grüne Fensterläden, wurde zwar konserviert. Doch wirkt es wie ein Fremdkörper im heutigen Stadtbild. Zusammen mit der anderen Haushälfte bildet es das „Ulla-Hahn-Haus“, in dem Jugendliche mit Sprache und Literatur vertrautgemacht werden. Das ist ganz in Hahns Sinne. Sie unterstützt denn auch zusammen mit Klaus von Dohnanyi, mit dem sie seit 1996 verheiratet ist, das Projekt. Die Gärtnerei Holthausen (im Buch: Schönenbach) samt dem herrschaftlichen Wohnhaus mit seinen Geheimnissen, einem Sehnsuchtsort von Hilla, musste einem Hochhaus weichen. Eine Bausünde der 1960er Jahre. Der Betonklotz markiere, begriff Hilla später, den Beginn des Wandels vom Dorf zur Stadt. Vor dem ziemlich hässlichen Klotz breitet sich heute zeitgemäß ein Shoppingcenter, verbunden mit Rathaus, aus. Das Ensemble bildet das neue Stadtzentrum. Von hier führt eine überbreite Allee zum Rhein.

Zu Hillas endgültigem Abschied stand die Familie am Gartentörchen (das es heute ebenso wenig wie einen Garten gibt) der Alt-/Neu-Straße. „Der Vater im Blaumann; unter den Augen Säckchen faltiger müder Haut. Die Großmutter in ihrer dunkelblauen Arbeitsschürze, grau verfärbt vom Staub der Kartoffeln. Die Mutter, beide Fäuste in den Taschen der Kittelschürze vergraben.“ Ein Bild, das im Leser haften bleibt. „Tief in den Augen des Vaters sah ich die Sehnsucht, mit mir in den Zug zu steigen, der Welt entgegen, der Stadt entgegen, raus aus dem Dorf, dem Haus, das die Großmutter ihm noch immer nicht überschrieben hatte. Sein eigener Herr sein. Stadtluft macht frei.“

Hilla zog es nach Köln, zu den Bööschern der Universität. Weg von Dondorf. Es bleibt der Zwiespalt: „Ich war doch in Dondorf zu Hause. Und ich wollte am liebsten weg sein und blieb doch am liebsten hier.“

In Köln floss zum Glück für Hilla auch der Rhein, wenn auch eingezwängt zwischen gemauerten Ufern. Der Rhein und zwar der Dondorfer Rhein bleibt die Konstante in Hillas Leben. Sie und ihre Schöpferin, Ulla Hahn, werden nicht müde, diesen „Rhein für kleine Leute“ zu besingen, den Strom, „der maßhält, behäbig dahinfließt, mit sich selbst zufrieden, keinen beeindrucken will, kleinbürgerlich, mit naher Verwandtschaft zu schwerer Arbeit.“ Das klingt, als wolle Ulla Hahn den Lauf des Rheins mit dem Lebenslauf ihrer Heldin verknüpfen und sie schließlich mit Hilfe des großen Stroms zur Ruhe kommen lassen: „Ruhig dehnt sich der Rhein in seinem Bett, beruhigt die Augen, das Herz. Die Gedanken.“

Norbert Jachertz

Ulla Hahn: „Das verborgene Wort“ (2001), 623 Seiten, dtv-Taschenbuch, 9,95 Euro; „Aufbruch“ (2009), 587 Seiten, dtv-Taschenbuch,12,90 Euro; „Spiel der Zeit“ (2014), 607 Seiten, gebunden, DVA, 24,99 Euro. Die wörtlichen Zitate im Artikel sind dem „Aufbruch“ entnommen.

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