ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2016Migration: Zehntausend Schwestern aus Fernost

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Migration: Zehntausend Schwestern aus Fernost

Jachertz, Norbert

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Südkoreanische Krankenschwestern linderten vor sechzig Jahren den deutschen Pflegenotstand. Sie waren sehr beliebt.

Deutschunterricht 1966: Die jungen Frauen gehörten zu einer Gruppe von Krankenschwestern aus Südkorea, die im Rhein-Main-Gebiet arbeiteten. Foto: dpa
Deutschunterricht 1966: Die jungen Frauen gehörten zu einer Gruppe von Krankenschwestern aus Südkorea, die im Rhein-Main-Gebiet arbeiteten. Foto: dpa

Am 31. Januar 1966 landete in Frankfurt am Main eine Boing 707 der Japan Airlines, an Bord 128 Krankenschwestern aus Südkorea, bestimmt für neun Krankenhäuser und sechs Pflegeanstalten im Rhein-Main-Gebiet. Die Not war groß, die Erwartungen der mutigen und unternehmungslustigen jungen Frauen aus Fernost gleichfalls. Einen Monat später folgten weitere 118 Schwestern, Ende April noch einmal 132, macht zusammen 378. Vermittelt hatte sie der in Mainz und zeitweise in Frankfurt tätige Kinderarzt Sukil Lee, der sechs Jahre zuvor aus Südkorea eingewandert war. Lee handelte nach eigenen Angaben im Auftrag der südkoreanischen Botschaft in Bonn. Er arbeitete mit regionalen Krankenhausträgern, insbesondere dem Hofacker-Verband und der Stadt Frankfurt, zusammen. Nach der Ankunft der Schwestern kümmerte sich Lee „nebenbei“ noch monatelang um deren Probleme bei der Eingewöhnung.

Das war auch nötig. Denn die Schwestern hatten zwar „für den Patienten immer ein Lächeln übrig“, wie die Frankfurter Rundschau beobachtete, sprachen aber nicht deutsch und taten sich mit den so ganz anderen deutschen Verhältnissen anfangs schwer. Zum Beispiel klagten viele, nicht gemäß ihrer Qualifikation eingesetzt zu werden. Sie verstanden ihren Dienstvertrag nicht. Der sicherte ihnen zwar die tariflichen Arbeitsbedingungen zu; so erhielt eine Schwester in den ersten beiden Berufsjahren nach BAT/Kr III monatlich 627 DM, doch mussten die Koreanerinnen die Kosten des Fluges abstottern. Diese hatte das Krankenhaus nur vorgelegt, zur Refinanzierung hatte man sich einen Trick ausgedacht: Die Schwester hatte nämlich ihren „Anspruch auf Rückerstattung der Arbeitnehmeranteile zur Angestelltenversicherung“ an den Arbeitgeber abzutreten. Der Arbeitgeber ging dabei von einem auf drei Jahre befristeten Arbeitsvertrag aus, der allenfalls um ein Jahr verlängert werden konnte. Tatsächlich aber blieben viele Pflegekräfte weitaus länger. Nach fünf Jahren verfiel jedoch ihr Anspruch auf Rückerstattung der Beiträge. Welche Arbeitnehmerin aus Fernost verstand schon solche Feinheiten des deutschen Sozialversicherungsrechts?

Die geballte Schwesternanwerbung des Jahres 1966 gilt als Beginn der Zuwanderung südkoreanischer Krankenschwestern und Schwesternschülerinnen. Lees Vermittlungsbemühungen endeten damit. Er betätigte sich als Stationsarzt in der Universitätskinderklinik Mainz und ließ sich 1974 in Mainz nieder. Lee ist inzwischen 87 Jahre alt.

Fleißig und intelligent

Begonnen hatte die Anwerbung koreanischer Pflegekräfte – freilich bescheidener – schon früher. Zunächst waren katholische Orden am Werk. Sie suchten Nachwuchs. Darüber ist wenig bekannt. Zwischen 1962 und 1965 schließlich wurden 53 arme Kinder aus Korea, vor allem Waisen, in Deutschland zu Krankenschwestern ausgebildet, beteiligt waren daran drei von Methodisten betriebene Krankenhäuser der Diakonie. Initiator war ebenfalls ein Arzt, T. S. Lie, der in Kliniken in Duisburg und später in Wuppertal als Assistenzarzt arbeitete. Aus den kleinen Anfängen sollte sich ein großes Anwerbeprogramm entwickeln. Denn die jungen Schwesternschülerinnen erwiesen sich als fleißig, intelligent und sehr freundlich gegenüber den Patienten. Das sprach sich herum.

Der Evangelische Krankenhausverband im Diakonischen Werk fragte alsbald nach fertig ausgebildeten Schwestern und Schwesternhelferinnen. Lie vermittelte. Zwischen 1966 und 1968 kamen so 400 diplomierte Schwestern und 800 Schwesternhelferinnen nach Deutschland. Ihre Arbeitsverträge glichen denen aus dem Rhein-Main-Gebiert. Auch Lie verbrachte neben dem aufreibenden Beruf viel Zeit damit, „seinen“ Schwestern und Helferinnen die Eingewöhnung in Deutschland zu erleichtern. Lie wandte sich der Wissenschaft zu. An der Bonner Chirurgischen Universitätsklinik bereitete er 1968 mit einem Team die erste Lebertransplantation in Deutschland vor. Sie gelang 1969. Im selben Jahr habilitierte er sich. Lie ist heute gleichfalls 87.

Was aus privater Initiative begann, wurde ab 1969 öffentlich-rechtlich kanalisiert: ein „Interministerieller Arbeitskreis für Fragen der Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer“ entwickelte „Grundsätze für die Anwerbung koreanischer Krankenschwestern“. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG), das Bundesarbeitsministerium, die (damalige) Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung und die Botschaft der Republik Korea vereinbarten ein Verfahren mit einer Fülle von Vorgaben. Die Vereinbarung mündete 1971 in einen Vertrag zwischen der DKG und der staatlichen „Korean Overseas Development Corporation“. Diese wählte die Pflegekräfte aus und sorgte für deren Reise nach Deutschland. Der koreanische Staat versprach sich von diesem Arbeitskräfteexport Deviseneinnahmen. Die Rechnung ging auf. Die Migranten überwiesen einen Großteil ihrer Löhne an ihre Familien in der Heimat.

Die Bundesregierung verbot während eines Konjunkturabschwungs 1973 („Ölkrise“) weitere Anwerbungen. Doch konnten Verträge mit koreanischen Arbeitnehmern, darunter die Schwestern, um drei bis vier Jahre verlängert werden. Bis zum Anwerbestopp waren über 10 000 Krankenschwestern und Krankenpflegehelferinnen aus Südkorea nach Westdeutschland und Berlin gekommen. Hinzu kommen solche aus der frühen Phase der Migration. Der Mainzer Migrationsforscher Detlef Garz schätzt sie auf 1 500.

„Wir sind keine Handelsware“

1977 aber sollte endgültig Schluss sein mit der Zuwanderung aus Südkorea, die Schwestern abgeschoben werden. In der Öffentlichkeit kam das nicht gut an. Die Presse stand durchweg aufseiten der bei Patienten wie Ärzten sehr beliebten Koreanerinnen.

Alsbald stellte sich heraus, dass die Schwestern weiter gebraucht wurden. Die DKG veröffentlichte einen „dringenden Appell“, die Frauen im Land zu lassen, weil nicht genügend deutsches Personal zur Verfügung stehe. „Die koreanischen Schwestern haben dafür gesorgt“, zitierte die „Welt“ einen DKG-Geschäftsführer, „dass seinerzeit die Krankenhausversorgung nicht zusammenbrach. Da haben wir heute doch die verdammte Pflicht, diese Kräfte hierzubehalten.“

Die koreanischen Schwestern solidarisierten sich, ungewöhnlich genug für diese so unauffällig lebenden Zuwanderer, und protestierten öffentlich. „Wir sind keine Handelsware. Wir gehen zurück, wann wir wollen,“ war auf einem Flugblatt zu lesen, das beim Evangelischen Kirchentag 1977 in Berlin verteilt wurde. Die Schwestern forderten eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis nach fünf Jahren Tätigkeit. Die Proteste hatten einen gewissen Erfolg. Unter dem Strich dürften etwa 30 Prozent der Pflegekräfte in Deutschland geblieben sein, etwa 30 Prozent wanderten nach Kanada und in die USA weiter, der Rest kehrte nach Ablauf der Vertragsfrist nach Südkorea zurück, veranschlagt Yonson Ahn, die in Frankfurt am Main Koreastudien lehrt. Die Rückkehrerinnen hatten es in ihrer Heimat oft schwer, eine Anstellung zu finden. Das lag weniger am Arbeitsmarkt. Arbeitgeber argwöhnten vielmehr, die Remigrantinnen hätten „infolge ihrer Migration das traditionelle gefügige Frausein einer Koreanerin verloren und Vorstellungen von Geschlechtergleichheit importiert.“ (Yonson Ahn). Auch Heiraten bot keinen Ausweg. Die Rückkehrerinnen galten als zu selbstbewusst und zudem als zu alt. Denn mit Ende zwanzig zählte eine Frau in Korea bereits als old miss.

Heute leben die meisten Schwestern, die in Deutschland bleiben konnten, im Ruhestand. Nur einige wenige wanderten in die alte Heimat zurück. Doch was ist Heimat? Interviews mit Schwestern zeugen von Gespaltensein. „Ich bin auf dem Papier Deutsche. Ich bin Migrantin, die weder Deutsche noch Koreanerin ist,“ zitiert Jung-sook Yoo eine Krankenschwester, die 1966 nach Deutschland kam und mit einem Deutschen verheiratet ist. Eine andere, die einen Koreaner geheiratet hat: „Ich vermisse Korea, aber mein Lebensmittelpunkt ist hier. Ich meine nicht, dass ich Liebe zu Deutschland habe. Ich habe keine andere Wahl.“

Norbert Jachertz

1.
Young-Seun Chang-Gusko, Nataly Jung-Hwa Han, Arnd Kolb (Hg.): Unbekannte Vielfalt – Einblicke in die koreanische Migrationsgeschichte in Deutschland, Köln (Edition DOMiD) 2014. Hier insbesondere die zitierten Beiträge von Detlef Garz, Ahn Yonson und Yvonne Schulz Zinda.
2.
Yoo Jung-Sook: Koreanische Immigration in Deutschland. Interessenvertretung und Selbstorganisation. Dissertation. Hamburg (Kovac) 1996
3.
Hong Young-Sun: Cold War Germany, the Third World, and the Global Humanitarian Regime. New York (Cambridge University Press ) 2015. Enthält in Kapitel 8 („Far Away, But Yet So Close“) eine kritische Aufarbeitung der Zuwanderungsge-schichte.
4.
Archiv DOMiD (Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e. V.), Köln, insbesondere der Bestand Sukil Lee
5.
Privatarchiv T. S. (Tschong-Su) Lie
1.Young-Seun Chang-Gusko, Nataly Jung-Hwa Han, Arnd Kolb (Hg.): Unbekannte Vielfalt – Einblicke in die koreanische Migrationsgeschichte in Deutschland, Köln (Edition DOMiD) 2014. Hier insbesondere die zitierten Beiträge von Detlef Garz, Ahn Yonson und Yvonne Schulz Zinda.
2.Yoo Jung-Sook: Koreanische Immigration in Deutschland. Interessenvertretung und Selbstorganisation. Dissertation. Hamburg (Kovac) 1996
3.Hong Young-Sun: Cold War Germany, the Third World, and the Global Humanitarian Regime. New York (Cambridge University Press ) 2015. Enthält in Kapitel 8 („Far Away, But Yet So Close“) eine kritische Aufarbeitung der Zuwanderungsge-schichte.
4.Archiv DOMiD (Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e. V.), Köln, insbesondere der Bestand Sukil Lee
5.Privatarchiv T. S. (Tschong-Su) Lie

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