ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2016Prävalenz von Sehbeeinträchtigungen bei Bewohnern von Seniorenheimen

MEDIZIN: Originalarbeit

Prävalenz von Sehbeeinträchtigungen bei Bewohnern von Seniorenheimen

The prevalence of visual impairment in retirement home residents

Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 323-7; DOI: 10.3238/arztebl.2016.0323

Thederan, Luisa; Steinmetz, Susanne; Kampmann, Sabine; Koob-Matthes, Anna-Maria; Grehn, Franz; Klink, Thomas

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Hintergrund: Ältere Menschen weisen häufig Augenerkrankungen mit reversiblen Sehbeeinträchtigungen, aber auch irreversiblen Schäden auf. Es ist unbekannt, wie häufig diese Erkrankungen bei Bewohnern in Seniorenheimen vorkommen.

Methode: Bei 203 Bewohnern von Seniorenheimen in der Umgebung von Würzburg wurden Anamnese, Sehschärfe, vorderer Augenabschnitt am Spaltlampenmikroskop, Augenhintergrund (mit optischer Kohärenztomographie), Augeninnendruck sowie Daten zur augenärztlichen Versorgung erhoben.

Ergebnisse: In 6 Seniorenheimen wurden 119 Frauen und 84 Männer im Alter zwischen 55 und 101 Jahren untersucht. 44 (21,7 %) Bewohner wiesen akut behandlungsbedürftige ophthalmologische Befunde auf. Die häufigsten Diagnosen des vorderen Augenabschnitts waren Keratokonjunktivitis sicca (160; 78,8 %), Katarakt (88; 43,3 %), Nachstar (15; 7,4 %), Glaukom (33; 12,3 %) und Lidfehlstellungen (25; 12,3 %). Am Augenhintergrund bestand bei 45 Bewohnern (22,2 %) eine trockene altersbedingte Makuladegeneration (AMD), bei 7 (3,4 %) eine frische feuchte AMD und bei 7 (3,4 %) eine epiretinale Gliose. 81 Bewohner (39,9 %) konnten keine Angaben zu früheren augenärztlichen Untersuchungen machen, 42 Bewohner (20,7 %) waren länger als 5 Jahre nicht beim Augenarzt gewesen. Nach Refraktionsausgleich konnte die mittlere Sehschärfe von 0,25 Dezimalvisus auf 0,33 gebessert werden.

Schlussfolgerung: Die Bewohner in den untersuchten Seniorenheimen wurden nicht ausreichend augenfachärztlich versorgt. Hervorzuheben ist, dass auch reversible Augenerkrankungen teilweise nicht behandelt wurden. Die augenärztliche Betreuung muss durch eine bessere Vernetzung aller an der Versorgung beteiligten Fachgruppen optimiert werden.

LNSLNS

Die steigende Lebenserwartung und der demografische Wandel in Deutschland haben zur Folge, dass altersbezogene Augenerkrankungen zunehmen. Diese können mit reversiblen Sehbeeinträchtigungen einhergehen, aber auch mit irreversiblen Schädigungen beziehungsweise mit der Gefahr zu erblinden. Beispiel für letzt genannte Form sind die Makuladegeneration, die diabetische Retinopathie sowie das Glaukom (1, 2). Solche Erkrankungen müssen rechtzeitig erkannt und behandelt werden, um ein gutes Sehen bis ins hohe Alter zu ermöglichen.

Durch eine höhergradige Sehbeeinträchtigung im fortgeschrittenen Alter wird das Lesevermögen eingeschränkt oder es fällt sogar komplett aus. Infolge der Sehstörung nehmen die sozialen Kontakte ab und die Bewältigung des täglichen Lebens wird erschwert (3). Hierdurch kann auch die Mobilität der älteren Menschen stark eingeschränkt und das Sturzrisiko deutlich erhöht sein (47). Häufig leiden ältere Menschen aufgrund ihrer Sehbeeinträchtigung auch an einer depressiven Erkrankung (3).

Untersuchungen in Deutschland haben gezeigt, dass 1,6 % der über 80-Jährigen (1 556/100 000) bereits erblindet sind (8, 9). Dabei ist unbekannt, wie hoch der Anteil sehbehinderter älterer Menschen in stationären Pflegeeinrichtungen ist. Daten zur Epidemiologie häufiger Augenkrankheiten und zur Versorgung mit optischen Hilfsmitteln wurden bisher nicht ausreichend erhoben. Ziel dieser Studie war es, eine objektive Datengrundlage zur Beantwortung dieser Fragen zu schaffen.

In der vorliegenden Studie wurde neben der Sehfähigkeit und vorhandenen Augenkrankheiten auch die augenfachärztliche Versorgungsstruktur in Altenwohnheimen analysiert. Die dafür erforderlichen Untersuchungen erfolgten in den Räumlichkeiten der jeweiligen Senioreneinrichtung, so dass sowohl mobile als auch immobile Bewohner an unserer Studie teilnehmen konnten. Die Ergebnisse dieser Studie sollen Aufschluss über die optische und ophthalmologische Versorgungssituation in Seniorenheimen geben. Dazu wurde zum einen geprüft, ob eine Verbesserung der Organisation augenfachärztlicher Betreuung für Bewohner dieser Einrichtungen erforderlich ist. Zum anderen wurde untersucht, ob eine interdisziplinäre Zusammenarbeit und Vernetzung aller Berufsgruppen, die an der Versorgung und Betreuung von älteren Menschen mit Sehbeeinträchtigungen beteiligt sind, vor Ort eingeleitet und etabliert werden kann.

Methoden

Die Studienteilnehmer wurden durch die Projektleiter der Blindeninstitutsstiftung und der Universitätsaugenklinik Würzburg rekrutiert. Es wurden ausschließlich Bewohner aus Seniorenheimen des Caritasverbandes für die Diözese Würzburg e. V. sowohl in städtischen als auch in ländlichen Regionen untersucht. Alle Bewohner des jeweiligen Seniorenwohnheims wurden zur Teilnahme an unserer Studie eingeladen. Die Teilnahme an diesem Projekt war freiwillig.

Es gab keine Ausschlusskriterien wie zum Beispiel Demenz oder Bettlägerigkeit. Nachdem die Bewohner beziehungsweise deren Angehörige oder Betreuer über das Vorhaben informiert worden waren und eine schriftliche Einwilligungerklärung zur freiwilligen Teilnahme abgegeben hatten, konnten die Probanden der jeweiligen Einrichtung in die Studie eingeschlossen werden.

Von 391 Bewohnern aus sechs Seniorenwohnheimen des Caritas Verbandes für die Diözese Würzburg waren 206 an einer Studienteilnahme interessiert. Zwischen Juni 2014 und Dezember 2014 konnten 203 Bewohner in unsere deskriptive Prävalenzstudie eingeschlossen und untersucht werden. Drei Bewohner, die wegen Abwesenheit, Krankheit oder nachträglicher Studienabsage nicht teilgenommen haben, wurden nicht berücksichtigt. Es liegt ein positives Votum der Ethik Kommission der medizinischen Fakultät der Universität Würzburg für die Durchführung dieser Studie vor.

Die Untersuchungen wurden von Mitarbeitern der Blindeninstitutsstiftung und der Universitätsaugenklinik Würzburg in den jeweiligen Seniorenheimen vor Ort durchgeführt. Folgende Parameter wurden erhoben:

  • ophthalmologische Anamnese
  • lokale und systemische Medikation
  • bisherige Refraktion beziehungsweise Brillenkorrektur
  • aktueller bestkorrigierter Visus
  • Augeninnendruckmessung mittels eines Rebound-Tonometers
  • Spaltlampenuntersuchung der vorderen Augenabschnitte
  • Funduskopie in Miosis
  • Untersuchung der Makula und der peripapillären Nervenfasern in Miosis mittels optischer Kohärenztomographie (OCT).

Darüber hinaus wurde die augenfachärztliche Versorgungsstruktur in stationären Senioreneinrichtungen erfasst.

Außerdem wurde die individuelle Ausstattung der Bewohner mit optischen Hilfsmitteln überprüft und es wurden gegebenenfalls vergrößernde Sehhilfen mit den Mitarbeitern der Blindeninstitutsstiftung ausprobiert.

Alle ophthalmologischen Parameter wurden nur einmal erhoben, es erfolgten keine Verlaufskontrollen. Die Daten wurden mit den Programmen WinStat beziehungsweise Excel statistisch ausgewertet. Die Messwerte wurden als Mittelwert mit Standardabweichung (M ± SD) angegeben. Für die Darstellung der Visusverbesserung nach Refraktionsanpassung wurde der verbundene t-Test verwendet. Ein p-Wert ≤ 0,05 wurde als signifikant gewertet. Für die Häufigkeitsverteilung wurden die Absolutwerte und die Werte in Prozent angegeben (n [%]).

Ergebnisse

Bei den Studienteilnehmern handelte es sich um 119 Frauen und 84 Männer im Alter zwischen 55 und 101 Jahre (82,4 ± 9,2 Jahre). Pro Einrichtung wurden zwischen 9 und 72 (im Mittel 33,8) Bewohner untersucht. Davon befanden sich 64,5 % länger als zwei Jahre in einer stationären Senioreneinrichtung.

Auf die Frage, wann die letzte Kontrolle beim niedergelassenen Augenarzt erfolgt war, konnten 81 Bewohner (39,9 %) keine genauen Angaben machen. 42 Bewohner (20,7 %) hatten sich länger als 5 Jahre keiner augenärztlichen Kontrolle unterzogen. 29 Bewohner (14,3 %) waren innerhalb der letzten 2 bis 5 Jahre, 11 (5,4 %) innerhalb der letzten 1 bis 2 Jahre und 13 (6,4 %) innerhalb des letzten Jahres in augenärztlicher Behandlung gewesen. 27 Bewohner (13,3 %) waren dagegen innerhalb der letzten 6 Monate augenärztlich kontrolliert worden (Grafik). 105 der Bewohner (51,7 %) konnten den Namen ihres behandelnden Augenarztes nennen.

Letzter Augenarztbesuch der Heimbewohner (Angaben in Jahren)
Letzter Augenarztbesuch der Heimbewohner (Angaben in Jahren)
Grafik
Letzter Augenarztbesuch der Heimbewohner (Angaben in Jahren)

Bei der Anamneseerhebung wurden die Bewohner zunächst zu ihren aktuellen ophthalmologischen Beschwerden befragt. Hierbei war eine Mehrfachnennung möglich. 145 (71,4 %) Bewohner waren subjektiv beschwerdefrei. 29 Bewohner (14,3 %) gaben Visusminderung und verschwommenes Sehen als Hauptgrund ihrer Beschwerden an. 9 Bewohner (4,4 %) nannten tränende Augen und 12 (5,9 %) gerötete und verklebte Augen. Weitere Beschwerden waren Doppelbilder, Fleckensehen oder Druckgefühl.

Die Erhebung der bekannten ophthalmologischen Vorerkrankungen und Operationen ergab bei 12 Bewohnern ein Glaukom (5,9 %), bei 4 Bewohnern (2,0 %) eine trockene und bei einem Bewohner (0,5 %) eine feuchte altersabhängige Makuladegeneration (AMD) (Tabelle). 19 Bewohner (9,4 %) erhielten regelmäßig Tränenersatzmittel. In der Tabelle sind die ophthalmologischen Vorerkrankungen, die Anzahl der bisher durchgeführten Therapien sowie die Operationen dargestellt.

Bereits bekannte und therapierte sowie neu entdeckte ophthalmologische Diagnosen der Heimbewohner
Bereits bekannte und therapierte sowie neu entdeckte ophthalmologische Diagnosen der Heimbewohner
Tabelle
Bereits bekannte und therapierte sowie neu entdeckte ophthalmologische Diagnosen der Heimbewohner

Bei Erhebung des ophthalmologischen Status ergaben sich neu diagnostizierte und behandlungsbedürftige Diagnosen (Tabelle), die im Folgenden beschrieben werden.

Vorderer Augenabschnitt

Bei 81 Bewohnern (39,9 %) bestand eine fortgeschrittene (provekte) und bei 6 Bewohnern (3,0 %) eine ausgeprägte (prämature) Katarakt. Bei einem Bewohner (0,5 %) war eine dichte (mature) Katarakt vorhanden. Eine Operationsempfehlung wurde mit den jeweiligen Bewohnern besprochen. Unter Berücksichtigung des Allgemeinzustandes und des persönlichen Leidensdrucks des einzelnen Patienten konnten wir bei 45 Bewohnern zu einer Kataraktoperation raten.

Bei 105 Bewohnern (51,7 %) bestand eine Pseudophakie (Zustand nach Kataraktoperation mit Kunstlinse). 82 Bewohner waren beidseitig und 23 einseitig operiert. Ein Nachstar lag bei 15 Bewohnern (7,4 %) vor, bei denen wir eine Kapsulotomie empfahlen.

Bei 160 Bewohnern (78,8 %) wurde eine nichtbehandelte Konjunktivitis sicca und bei 50 (24,6 %) eine Lidrandentzündung diagnostiziert. Bei 25 Bewohnern (12,3 %) lagen behandlungsbedürftige Liderkrankungen im Sinne von Lidfehlstellungen oder Lidhautveränderungen vor, bei denen eine Behandlung angeraten wurde.

Augenhintergrund

Zusätzlich zur Untersuchung des Augenhintergrundes in Miosis wurde eine OCT-Bildgebung von Makula und Papille durchgeführt. Allerdings war bei 68 Bewohnern (33,5 %) die OCT-Untersuchung nicht möglich, weil Bettlägerigkeit beziehungsweise Immobilität die erforderliche Untersuchungsposition am Gerät nicht zuließ. Bei 83 Bewohnern (40,9 %) zeigte sich ein Normalbefund von Makula und Papille. Bei 45 Bewohnern (22,2 %) wurde eine trockene Makuladegeneration festgestellt, die regelmäßig durch einen Augenarzt kontrolliert werden sollte. Als bisher nicht bekannte behandlungsbedürftige Diagnosen des Augenhintergrundes bestand bei 7 Bewohnern (3,4 %) eine feuchte Makuladegeneration, bei 2 Bewohnern (1,0 %) ein zystoides Makulaödem und bei 7 Bewohnern (3,4 %) eine epiretinale Gliose (Tabelle).

Visus

Der mittlere unkorrigierte Visus der von uns untersuchten Seniorenheimbewohner betrug 0,81 ± 0,56 logMAR (Logarithmus des minimalen Auflösungswinkels in Winkelminuten), entsprechend einem mittleren Dezimal-Visus von 0,16. Bei 87 Bewohnern (42,9 %) bestand ein Visus von 0,63 ± 0,54 logMAR mit aktueller Brillenkorrektur (mittlerer Dezimal-Visus 0,25). Nach objektiver und subjektiver Refraktion konnte ein bestkorrigierter Visus von 0,54 ± 0,57 logMAR erzielt werden (mittlerer Dezimal-Visus 0,32). Die Visusverbesserung nach Refraktionsanpassung war statistisch signifikant (p < 0,0001). In 32 Fällen (15,8 %) konnte der Visus um zwei oder mehr EDTRS-Visusstufen (EDTRS, Early Treatment Diabetic Retinopathy Study) verbessert werden.

Bei 11 Bewohnern (5,4 %) konnte die Sehprüfung nur über ein nonverbales Testverfahren erhoben werden. Dabei ergab sich ein Visus von 0,94 ± 0,26 logMAR (mittlerer Dezimal-Visus 0,1). Bei 7 Bewohnern (3,4 %) war keine Visusprüfung durchführbar. Insgesamt hatten 28 Bewohner (14 %) bei der Visusprüfung mit ihrer bisherigen Korrektur einen Visus ≥ 0,8. Nach der von uns angepassten bestmöglichen Korrektur erreichten 55 Bewohner (27 %) einen Visus ≥ 0,8. Mit der bisherigen Korrektur hatten 75 der Bewohner (37 %) eine mäßige Seheinschränkung (Visus von > 0,32 und < 0,8). Nach Anpassung der optimalen Refraktion reduzierte sich dieser Anteil auf 49 Bewohner (24 %). Demnach erfüllten vor einer Korrekturanpassung 53 und nach Korrekturanpassung 72 der Studienteilnehmer die Kriterien für einen Lesevisus. Insgesamt 116 Bewohner (57,1 %) empfanden das Lesen durch eine bessere Ausleuchtung weniger anstrengend.

16 der untersuchten Bewohner (8 %) waren blind (Visus am besseren Auge ≤ 0,02). Eine Visusverbesserung durch Refraktionsanpassung war bei ihnen nicht möglich. Das Streudiagramm (eGrafik) zeigt den unkorrigierten Visus (logMAR) im Vergleich zum Visus mit eigener Brille beziehungsweise dem bestkorrigierten Visus.

Darstellung der Verbesserung des Visus unkorrigiert
Darstellung der Verbesserung des Visus unkorrigiert
eGrafik
Darstellung der Verbesserung des Visus unkorrigiert

Bei 120 Bewohnern (59,1 %) wurden augenoptische Maßnahmen, wie zum Beispiel eine Brillenanpassung, eine Anpassung vergrößernder Sehhilfen oder eine sehgerechte Ausstattung empfohlen. Von ihnen waren 37 Bewohner (30,8 %) länger als 5 Jahre nicht mehr in augenärztlicher Behandlung gewesen. 87 Bewohner (72,5 %) lehnten eine entsprechende Versorgung ab, da sie subjektiv keine Verbesserung empfanden.

Augeninnendruck

Der Augeninnendruck wurde bei jedem Bewohner mittels des Rebound-Tonometer gemessen. Der intraokulare Druck lag zwischen 6,6 und 40,0 mm Hg. 25 Bewohner (12,3 %) hatten einen bisher nicht bekannten oder nicht behandelten erhöhten Augendruck von 21 mm Hg oder höher, bei 6 Bewohnern (3,0 %) lag der Augeninnendruck über 30 mm Hg. Bei 12 Bewohnern (5,9 %) war bereits ein Glaukom bekannt, davon wurden 11 Bewohner (91,7 %) mit lokaler augendrucksenkender Medikation behandelt. Drei Bewohner mit vorbekanntem Glaukom (25,0 %) waren trotz der augendrucksenkenden Therapie nicht ausreichend eingestellt (Augeninnendruck > 21 mm Hg).

Zusammenfassung der Ergebnisse

Insgesamt lagen bei 44 Bewohnern (21,7 %) akut behandlungsbedürftige bisher nicht diagnostizierte ophthalmologische Diagnosen vor. Bei 91 Bewohnern (44,8 %) empfahlen wir eine regelmäßige Kontrolle beim Augenarzt.

Diskussion

Unsere Studie zeigt, dass die augenfachärztliche Versorgung in den untersuchten Pflegeheimen des Caritas Verbands für die Diozöse Würzburg nicht ausreichend gewährleistet ist. Mehr als die Hälfte der von uns untersuchten Bewohner befanden sich länger als zwei Jahre in einer stationären Seniorenwohneinrichtung. Knapp ein Viertel davon war länger als fünf Jahre nicht mehr in augenärztlicher Kontrolle. Nur knapp ein Viertel der von uns untersuchten Bewohner klagte bei der Befragung über ein Augenleiden. Hauptgrund der Beschwerden war vor allem eine Visusminderung. Nach Anpassung der optimalen Refraktion konnte der Visus bei den untersuchten Bewohnern statistisch signifikant verbessert werden.

In unserer Studie lagen bei jedem fünften Bewohner bisher nicht diagnostizierte akut behandlungsbedürftige augenärztliche Diagnosen vor. Etwa die Hälfte der Bewohner sollte regelmäßig von einem Augenarzt untersucht werden.

Bei nahezu der Hälfte der Bewohner wurden eine Brillenanpassung, eine Anpassung vergrößernder Sehhilfen oder eine sehgerechte Ausstattung empfohlen. Bei mehr als der Hälfte der Bewohner wäre durch eine verbesserte Ausleuchtung ihrer Wohnbereiche die Lesefähigkeit zu verbessern. Unsere Ergebnisse entsprechen einer Studie von Sadowski et al. von 2000 (10), in der 77 Bewohner in 3 Seniorenheimen untersucht wurden. In dieser Studie konnten 45 % der Patienten mit ihrer vorhandenen Sehhilfe keinen Lesevisus erreichen.

Nach den Angaben der Literatur sind die meisten der Menschen über 60 Jahre auf eine Sehhilfe angewiesen (1114). Altersbedingte Augenerkrankungen werden mit steigender Lebenserwartung häufiger vorkommen und zunehmend die Mobilität sowie soziale Kontakte der betroffenen Menschen beeinflussen (3, 7, 11).

In der direkten Kooperation zwischen den verschiedenen Disziplinen (Ophthalmologie, Orthoptik, Ophthalmorehabilitation) war es in unserem Projekt einerseits möglich, krankhafte Augenveränderungen zu erkennen und deren Behandlung in die Wege zu leiten, andererseits aber auch, Angebote rehabilitativer und sozialer Maßnahmen sowie die individuelle sehgerechte Ausstattung in der räumlichen Umgebung zu initiieren. Zusätzlich wurden hierdurch das Pflegepersonal und die Einrichtungsleitung gegenüber dem Problem „Sehen im Alter“ sensibilisiert.

Bisher ist die Datenlage in Deutschland bezüglich der ophthalmologischen, orthoptischen und ophthalmorehabilitativen Versorgung des Sehvermögens älterer Menschen in Pflege- und Seniorenwohnheimen nicht ausreichend erfasst worden. Die Anzahl sehbehinderter Menschen (Visus am besseren Auge ≤ 0,3) wird vom Berufsverband der Augenärzte in Deutschland nur grob zwischen 0,5 und 1 Mio. Personen geschätzt, die Anzahl blinder Menschen (Visus am besseren Auge ≤ 0,02) wird mit circa 160 000 angegeben. 50 % aller Sehbehinderten sind über 70 Jahre alt (12). 80 % der Pflegebedürftigen sind über 65 Jahre alt und circa ein Drittel der Pflegebedürftigen wird stationär in Senioreneinrichtungen versorgt.

In der Studie zur „Ärztlichen Versorgung in Alten- und Pflegeheimen“ (SÄVIP) wurde festgestellt, dass die augenfachärztliche Versorgung deutlich unterrepräsentiert (32 % der Heime im letzten Jahr ohne augenärztliche Besuche) ist und verglichen mit anderen Facharztbesuchen an vorletzter Stelle steht (15, 16). Im Vergleich dazu werden 72 % der in der SÄVIP-Studie befragten Heime wöchentlich oder häufiger von einem Allgemeinmediziner aufgesucht (15).

Eine bereits 2013 durchgeführte Studie mit 13 Pflegeheimbewohnern in Niedersachsen ergab, dass drei noch lesen konnten, wobei bei zwei der Visus durch eine Brillenanpassung zu bessern war. Bei fünf Bewohnern lag eine fortgeschrittene Katarakt vor (17).

In einer Studie zeigten Crews et al. (18), dass eine Sehminderung zu einer erhöhten Komorbidität führen kann. Weiterhin kommt es bei den Betroffenen zu einer Einschränkung sozialer Kontakte und zur Verringerung der Aktivität. Zusätzlich kann die Sehbeeinträchtigung bei älteren Menschen zu einer erhöhten Sturzneigung und daraus resultierenden Komplikationen führen (4, 19, 20).

Die augenfachärztliche Versorgung der Heimbewohner ist außerhalb der Praxis oder Klinikambulanz (also in den Seniorenwohnheimen oder Pflegeeinrichtungen selbst) nicht in ausreichender Qualität zu gewährleisten. Im Rahmen unserer Studie war es möglich, die notwendigen Untersuchungen mit normalerweise nicht transportablen Untersuchungsgeräten (Spaltlampe und OCT) und in Zusammenarbeit mit einer Orthoptistin durchzuführen. Wulf-Homilius (17) empfiehlt deshalb einen gemeinsamen Transport von Heimbewohnern zum Augenarzt, wenn Sehstörungen sowie kontrollbedürftige Diagnosen wie zum Beispiel Diabetes mellitus bestehen. Ein Hausbesuch im Heim sollte sich auf nicht transportfähige oder Bewohner mit Demenz beschränken.

Resümee

Unsere Prävalenzstudie verdeutlicht, dass der augenärztliche Versorgungsbedarf in Seniorenheimen hoch ist und aktuell nicht ausreichend gedeckt ist. Durch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit und Vernetzung aller fachlichen Unterdisziplinen, die an der Versorgung von älteren Menschen mit Sehbeeinträchtigungen beteiligt sind, sollten nachhaltige Organisationsstrukturen aufgebaut werden, um die Betreuung zu verbessern.

Danksagung
Wir danken dem Caritasverband für die Diözese Würzburg e . V., der Bayerischer Blinden- und Sehbehindertenbund e. V., der LowVision-Stiftung gGmbH sowie der Johann Wilhelm Klein Akademie GmbH für die Unterstützung des Projekts.

Das Projekt steht unter der Schirmherrschaft von Staatssekretär a .D. Walter Kolbow.

Das Projekt wurde vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege sowie der Stiftung „Daheim im Heim“ und der Edith-Mühlschlegel-Stiftung finanziell gefördert sowie von der Firma Heidelberg Engineering (Heidelberg) durch die kostenlose Bereitstellung eines Gerätes zur Durchführung einer Spektral-Domänen-optischen-Kohärenztomografie (SD OCT) unterstützt.

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 26. 11. 2015, revidierte Fassung angenommen: 15. 2. 2016

Anschrift für die Verfasser
Dr. med. Luisa Thederan
Universitäts-Augenklinik Würzburg
Josef-Schneider-Straße 11, 97080 Würzburg
Thederan_L@ukw.de

Zitierweise
Thederan L, Steinmetz S, Kampmann S, Koob-Matthes AM, Grehn F, Klink T:
The prevalence of visual impairment in retirement home residents. Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 323–7. DOI: 10.3238/arztebl.2016.0323

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

Zusatzmaterial
eGrafik:
www.aerzteblatt.de/16m0323 oder über QR-Code

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Letzter Augenarztbesuch der Heimbewohner (Angaben in Jahren)
Letzter Augenarztbesuch der Heimbewohner (Angaben in Jahren)
Grafik
Letzter Augenarztbesuch der Heimbewohner (Angaben in Jahren)
Bereits bekannte und therapierte sowie neu entdeckte ophthalmologische Diagnosen der Heimbewohner
Bereits bekannte und therapierte sowie neu entdeckte ophthalmologische Diagnosen der Heimbewohner
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Bereits bekannte und therapierte sowie neu entdeckte ophthalmologische Diagnosen der Heimbewohner
Darstellung der Verbesserung des Visus unkorrigiert
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