ArchivDeutsches Ärzteblatt21/1999Klebeumbruch: Die Tücken der manuellen Gestaltung

SUPPLEMENT: 50 Jahre Deutsches Ärzteblatt im Deutschen Ärzte-Verlag

Klebeumbruch: Die Tücken der manuellen Gestaltung

Marx, Catrin

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LNSLNS Schnell gewöhnt man sich an die Annehmlichkeiten des EDV-Einsatzes in der Redaktion. Doch liegt die Zeit
noch nicht weit zurück, in der das Seitenlayout einer Zeitschrift nicht am PC-Bildschirm erfolgte, sondern als Klebeumbruch in Handarbeit gestaltet wurde.


lebeumbruch bedeutet, daß die Layoutseiten, die das gesetzte Manuskript in einen Artikel im Deutschen Ärztebatt verwandelten, noch mit Papier und Klebstoff zusammengebastelt wurden. Diese Vorgehensweise war nicht ohne Tücken, aber auch nicht ganz reizlos für die Herstellenden, denn sie verlangte allen eine Menge Vorstellungskraft und rechnerische Fähigkeiten ab. Da die für das Layout zuständigen Umbruchredakteure ständig vom unverwechselbaren Duft des gummierten Papierklebers "Fixogum" umgeben waren, konnte damals ihr Arbeitsplatz mit der Nase lokalisiert werden. Leider war es beim "Bauen" der Seiten selten möglich, die Fenster zu öffnen, denn die Manuskripte lagen in Hunderte von kleinen Papierschnipseln zerlegt, eng bedruckt, Zeilen und einzelne Buchstaben in unterschiedlichen Schriftarten und Größen, auf dem Arbeitsplatz - ein einziger Windstoß hätte vieles zunichte gemacht. Zu dem zerlegten Manuskript gesellten sich dann die Schwarzweißkopien der Grafiken und Abbildungen, die natürlich noch nicht auf Format gebracht waren. In diesem Chaos fanden sich des weiteren ein Typometer zur Bestimmung von unterschiedlichen Schriftgrößen und Höhen von Buchstaben sowie die "Graphia 190 DBGM-Norma", in der Redaktion auch als "das Drehkreisscheiben-Berechnungsinstrument" bekannt. Mit diesem mathematischen Wunderwerk ließen sich die veränderten Breiten eines Bildes errechnen, wenn die Höhe verändert wurde. Soweit zu dem "aufwendigen" Handwerkszeug der damaligen Zeit.
Während des Klebeumbruchs reagierte der Umbruchredakteur mit Unverständnis, wenn er sieben Autoren neben der Titelzeile auf der ersten Seite des Beitrags unterbringen sollte. Der medizinisch-wissenschaftliche Redakteur konterte auf die Nachfrage, ob das denn wirklich sein müsse, daß es sich dabei um einen wissenschaftlich fundierten Beitrag einer international renommierten Arbeitsgruppe handelt, und er konnte nur achselzuckend die Devise austeilen: "Die müssen auf jeden Fall alle auf die erste Seite, sonst haben wir programmierten Ärger." Den Umbruchredakteur stellte diese Anforderung vor das Problem, daß er für die Unterbringung der sieben Autorennamen eine längere Titelzeile benötigte. Eine zweispaltige Titelzeile, die über zwei Zeilen lief, war dann für ihn nicht ausreichend. Er brauchte auf jeden Fall im Titel eine dritte Zeile, also klebte er den Blindsatz auf, einen sogenannten Platzhalter. So gab er den "Schwarzen Peter" an den Redakteur weiter. Den traf nun beinahe der Schlag. Als erstes grübelte er darüber, mit welchem Argument er dem Autor und der Schriftleitung eine solche eklatante Änderung plausibel machen könnte, denn Titel sind in der medizinischen Fachwelt Arbeitstitel, die ein Thema oder eine Problemstellung eng umgrenzen. Während er noch mit dem Typometer den zur Verfügung stehenden Platz der Zeile ausrechnete, um die Zahl der Buchstaben zu bestimmen, die ihm für den Blindsatz zur Verfügung standen, fiel es ihm glücklicherweise ein: beim Redigieren des Manuskriptes für das Satzbüro der Druckerei in Geldern hatte er vergessen, die Dachzeile, also eine Zeile über der Titelschlagzeile, anzugeben. Damit entstand genügend Platz, um die Namen der sieben Autoren unterzubringen. Text freischlagen
Weitere Schwierigkeiten warteten auf ihn, als der Umbruchredakteur mit einem jovialen Lächeln das Zimmer betrat und die restlichen Klebeseiten hinlegte. Dem Beitrag fehlten, damit er eine dritte Seite komplett ausfüllen konnte, etwa 20 Zeilen. Ein schier unlösbares Problem ergab sich für den Redakteur. Er konnte nicht in einer Publikation über die kraniofaziale Chirurgie im Kindesalter in dem erforderlichen Umfang Text ergänzen. Da half ihm nur noch ein gedankliches Planspiel weiter. Wenn er die Druckerei bat, bei den Korrekturen die Schrift ein bißchen - für den Betrachter kaum wahrnehmbar - zu verbreitern, könnten bei drei Seiten ungefähr fünf Zeilen gewonnen werden. Bei einer Vergrößerung der beiden Abbildungen auf ein anderthalbspaltiges Format würden etwa weitere 10 Zeilen hinzukommen. Vielleicht wäre es auch möglich, durch nachträglich eingefügte Absätze noch zwei weitere Zeilen herauszuschinden. Allerdings müßte beim Plazieren der Absatzzeichen darauf geachtet werden, daß die nachfolgende Zwischenüberschrift nicht zu weit nach unten rückt, damit sie nicht am unteren Spaltenrand "hängt". Im übrigen führt das Absatzzeichen nicht unbedingt zu zwei weiteren Zeilen. Die Frage war: Sind genügend Zeichen in dem Satz vorhanden, um eine weitere Zeile zu erzeugen?
Akribisches Auszählen
Auch hier half nur akribisches Auszählen weiter. Mittlerweile waren 17 der 20 geforderten Zeilen in den Gedanken des Redakteurs vorhanden. Vielleicht könnte die Bildunterschrift der einen Abbildung gelängt werden, so daß sie der der anderen Abbildung angeglichen wäre, was mehr Text zur Folge hätte. Das brächte ebenfalls zwei weitere Zeilen. Die Gedanken wurden schnell auf den Klebeseiten zu Papier gebracht. Eine Zeile fehlte. Die jedoch, dachte sich damals der Redakteur, hebe ich mir für die nächste überarbeitete Fassung aus der Druckerei auf. Unser "damals" endete mit Heft 39 des Deutschen Ärzteblattes 1994. Catrin Marx

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