ArchivDeutsches Ärzteblatt21/1999Redaktion und Herausgeber: Vertrauen ist die Basis

SUPPLEMENT: 50 Jahre Deutsches Ärzteblatt im Deutschen Ärzte-Verlag

Redaktion und Herausgeber: Vertrauen ist die Basis

Dtsch Arztebl 1999; 96(21): [28] / B-600

Roemer, Ernst

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LNSLNS Bundes­ärzte­kammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung sind die Herausgeber des Deutschen Ärzteblattes. Langjährige Erfahrung hat gezeigt, daß Gestaltungsspielraum der Qualität der Zeitschrift am zuträglichsten ist.

Ein Händedruck für das jüngste Redaktionsmitglied und: "Dieses Haus betrete ich nie wieder!" Das war an einem Herbsttag 1958 der Abschied eines Chefredakteurs von seiner Arbeitsstätte in der Kölner Haedenkampstraße. Er hatte sich mit dem Herausgeber-Gremium seiner Zeitschrift überworfen und die Konsequenzen gezogen. Oder war es nicht vielmehr der Herausgeber, der "die Konsequenzen gezogen" hatte?
Offiziell ist im Oktober 1958 der 67jährige Hauptschriftleiter (so der damalige, aus dem 19. Jahrhundert überkommene Traditionstitel) der "Ärztlichen Mitteilungen - Deutsches Ärzteblatt", Dr. med. Berthold Rodewald, aus gesundheitlichen Gründen von seinem Redaktionsamt zurückgetreten. Die vorangegangenen Querelen um seine kritischen Publikationen gegen die damaligen Reformpläne des Bonner Arbeitsministeriums und insbesondere gegen einzelne seiner Beamten mögen ihn, der die Schriftleitung nur nebenamtlich, neben einer großen Praxis, besorgte, tatsächlich zermürbt haben.
Berufspolitischer Schachzug
In der Rückschau unverkennbar: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), deren Verhandlungsposition gegenüber dem Bundesarbeitsministerium und den Bundestagsabgeordneten der Regierungsfraktion infolge der publizistischen Attacken der eigenen Zeitschrift blockiert schien, opferte in einer kritischen Phase des politischen Spiels, um ein Patt oder gar Matt zu vermeiden, mehr als einen "Bauern", quasi einen Turm.
Vergeblich übrigens. Die Nachfolge-Redakteure hatten Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre und später reichlich Anlaß, gegen fortschreitende Regierungspläne noch viel massiver zu formulieren als zuvor, wohlgemerkt: in grundsätzlicher Übereinstimmung mit beiden Herausgebern, der Bundes­ärzte­kammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Jahrzehntelang: Offener Informationsfluß, freie publizistische Umsetzung der berufspolitischen Intentionen, fachmännisch-unabhängige Gestaltung der Zeitschrift, ohne interne Konflikte (von Kritteleien und Eifersüchteleien abgesehen, die auf jeder Vorstandsetage anderer deutscher Unternehmen rüpelhafter ausgelebt werden).
Das lag an den Führungspersönlichkeiten der Herausgeber-Organisationen, aber gewiß auch an der nach Rodewald vorgenommenen Umstrukturierung: Seit 1958 wird die Redaktion des Deutschen Ärzteblattes fachjournalistisch, also professionell, geführt, wird das Blatt in Übereinstimmung mit beiden Herausgebern von einer eher sterilen sozialhygienisch, volksgesundheitlich orientierten zu einer die Berufs- und Lebensbereiche der Ärzte und Ärztinnen lebendig ansprechenden Zeitschrift entwickelt.
Wie aber glauben die Herausgeber seither, Konflikte mit einer Redaktion verhindern zu können, die zwangsläufig in geradezu industriell-minutiös vorgegebenen Abläufen wöchentlich eine solche Zeitschrift wachsenden Umfangs und anschwellender Auflage nur in Selbständigkeit erarbeiten kann? Sie können ihrer Richtlinien-Kompetenz vertrauen.
Richtlinien
So hieß es zum Beispiel im Arbeitsvertrag des Deutschen Ärzte-Verlags mit dem per 1. Januar 1966 angestellten verantwortlichen Hauptschriftleiter lapidar:
"Die Richtlinien für die grundsätzliche Haltung der Zeitschrift bestimmen die Herausgeber: der Hauptschriftleiter ist verpflichtet, sie einzuhalten."
Schriftlich definiert wurde die grundsätzliche Haltung der Bundes­ärzte­kammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zu Auftrag und Tendenz ihres Organs erstmals von der Herausgeber-Versammlung im Deutschen Ärzte-Verlag 1973, und zwar so:
"Die in ihrer redaktionellen Tätigkeit selbständige Schriftleitung des Deutschen Ärzteblattes hat im Auftrag der Herausgeber - der Bundes­ärzte­kammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung - die Aufgabe, die deutschen Ärzte und interessierte Fachkreise über alle wesentlichen Angelegenheiten der Gesundheits-, Sozial-, Gesellschafts-, Berufs- und Standespolitik zu unterrichten und dazu Stellung zu nehmen. Sie hat sich außerdem der medizinisch-wissenschaftlichen Fortbildung des Arztes sowie aktueller medizinischer Berichterstattung und Kommentierung zu widmen. Ergänzend hat sie einen Lesemagazinteil für alle - neben der Berufsausübung im engeren Sinne - besonders interessierenden Lebensbereiche des Arztes und der mithelfenden Familienangehörigen zu gestalten.
Die Schriftleitung des Deutschen Ärzteblattes ist auf die Grundsätze der Freiheitlichkeit und Unabhängigkeit der ärztlichen Berufsausübung als Voraussetzung der bestmöglichen ärztlichen Versorgung der Patienten verpflichtet."
Damit ließ und läßt sich hervorragend arbeiten, zusammenarbeiten. Gegen denkbare Versuche, die Herausgeber für jedes politische Wort der Redaktion in die Verantwortung zu ziehen, ja haftbar zu machen, wie 1958 geschehen, sichern zusätzlich Formulierungen in dem seit Jahren wöchentlich wiedergegebenen Impressum der Zeitschrift:
"Offizielle Veröffentlichungen der Bundes­ärzte­kammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung als Herausgeber des Deutschen Ärzteblattes - Ärztliche Mitteilungen sind ausdrücklich als solche gekennzeichnet. Die mit DÄ gezeichneten Berichte und Kommentare sind redaktionseigene Beiträge; darin zum Ausdruck gebrachte Meinungen entsprechen der Auffassung der Schriftleitung. Mit anderen Buchstaben oder mit Verfassernamen gezeichnete Veröffentlichungen geben in erster Linie die Auffassung der Autoren und nicht in jedem Fall die Meinung der Redaktion wieder."
Indes scheint das Trauma von 1958 nachzuwirken; zur Klarstellung des geltenden Statuts wünschte die KBV 1996 eine Ergänzung um folgenden Satz:
"Die Aufgabenstellung der Herausgeber im Gesundheitswesen ist zu beachten und bei gesundheits-, sozial- und berufspolitischen Beiträgen zu wahren."
Tautologisch bekräftigt der Satz das Redaktionsstatut mit einer Selbstverständlichkeit, denn das Deutsche Ärzteblatt hat so wenig etwa ein allgemeinpolitisches Mandat wie die Herausgeber-Organisationen. Lange betrachtet, wirkt der Satz auch wie eine Selbstverpflichtung des Herausgebers/der Herausgeber, so wie 23 Jahre zuvor mit der Verpflichtung der Redaktion auf die Grundsätze der Freiheitlichkeit und Unabhängigkeit der ärztlichen Berufsausübung auch die eigenen unverbrüchlichen Grundsätze bekräftigt wurden. - Die Basis ist Vertrauen, gegenseitig. Ernst Roemer, Hauptschriftleiter/ Chefredakteur 1966-1991

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