ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2016Ärztliche Versorgung auf dem Land: Die Kommunen sind gefordert

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Ärztliche Versorgung auf dem Land: Die Kommunen sind gefordert

Dtsch Arztebl 2016; 113(18): A-852 / B-722 / C-710

Osterloh, Falk

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Vieles haben Politik und Selbstverwaltung auf den Weg gebracht, um Ärzte für das Landleben zu begeistern – mit mäßigem Erfolg. Derzeit setzt sich die Erkenntnis durch: Um etwas zu erreichen, müssen KVen und Kommunen noch enger zusammenarbeiten.

Die KV-Sicherstellungspraxis in Sögel liegt in einem Wohn- und Geschäftshauskomplex, in dem auch eine Physiotherapiepraxis und eine Apotheke untergebracht sind. Foto: Radke Architekten
Die KV-Sicherstellungspraxis in Sögel liegt in einem Wohn- und Geschäftshauskomplex, in dem auch eine Physiotherapiepraxis und eine Apotheke untergebracht sind. Foto: Radke Architekten

Günter Wigbers mag das Landleben. Vor 50 Jahren wurde er in Werpeloh in der emsländischen Samtgemeinde Sögel geboren. Heute wohnt er nur ein paar Kilometer von seinem Geburtsort entfernt. Ihn reizt aber nicht nur die dörfliche Idylle. „Der ländliche Raum ist keine Pampa mehr“, sagt er. „Dort gibt es ein großes Angebot“. Das muss er auch sagen. Denn heute ist Wigbers (CDU) der Bürgermeister von Sögel, und er hat ein dringendes Anliegen: Er braucht Ärzte, weil es ohne Ärzte schwer werden wird, die gemeinschaftlichen Strukturen auf dem Land aufrechtzuerhalten. Vor kurzem hat beispielsweise das Berlin-Institut in einer Studie gezeigt, dass in Ostdeutschland viele Menschen aus kleineren Orten in die Mittel- und Oberzentren ziehen, weil sie dort unter anderem medizinisch besser versorgt werden.

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Kinderbetreuung ist wichtig

Auch für junge Ärzte ist das Landleben oft wenig attraktiv. Eine Umfrage des Hartmannbundes unter Medizinstudierenden hat im vergangenen Jahr ergeben, dass sich gerade einmal neun Prozent von ihnen gerne auf dem Land niederlassen würden. Das ist umso dramatischer, als in den kommenden Jahren viele niedergelassene Ärzte aus Altersgründen aus der Versorgung ausscheiden werden. Nachdem die Ärzteschaft stetig auf diese Situation hingewiesen hatte, hat die Bundespolitik reagiert. Mit dem GKV-Versorgungsstrukturgesetz und dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz hat sie zahlreiche Maßnahmen eingeführt, die jungen Medizinern Lust auf die Arbeit als Landarzt machen sollten, darunter finanzielle Anreize, eine flexiblere Bedarfsplanung oder die Förderung mobiler Versorgungskonzepte. Zudem wurde es den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) erleichtert, Eigeneinrichtungen zu betreiben. Die KVen hatten sich dieses Themas zuvor ohnehin schon mit einer Vielzahl von Initiativen angenommen. Trotz allem Engagement von Politik und Selbstverwaltung blieb der Erfolg aber überschaubar. Das liegt auch daran, dass die Maßnahmen, die zum Ziel führen könnten, außerhalb ihres Einflussbereichs liegen.

Das belegt die Hartmannbund-Umfrage. Auf die Frage, welche Voraussetzungen sie dazu bewegen würden, auf dem Land zu arbeiten, erklärte eine Mehrheit von 63 Prozent: wenn sie Unterstützung bei der Kinderbetreuung bekämen. 59 Prozent nannten eine kostenfreie Bereitstellung von Praxisräumen und 51 Prozent einen Arbeitsplatz für den Lebenspartner.

An diesem Punkt kommt Günter Wigbers ins Spiel. Frühzeitig hat er die ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, teils gemeinsam mit der KV Niedersachsen, umgesetzt. Mit Erfolg. „Wir haben 2010 damit begonnen, Angehörigen von Heil- und Pflegeberufen Darlehen für den Wohnungsbau zu gewähren“, erklärte er Ende April auf einer Fachtagung des Bundesverbandes Managed Care (BMC) in Berlin. „Zwei Hausärzten und drei Fachärzten haben wir dabei jeweils ein Darlehen von 40 000 Euro gegeben. Damit wollten wir sie auch an den Wohnort binden.“ Zudem seien Zuschüsse für einen Praxisumbau in Höhe von insgesamt 109 000 Euro gewährt worden. „Wir haben darüber hinaus einen Headhunter für 35 000 Euro beauftragt“, so Wigbers weiter. „Das hat aber nichts gebracht.“

Weiterhin hat der Ort vier Medizinstudierende mit Stipendien in Höhe von 350 Euro pro Monat unterstützt. Dafür haben sich die Studierenden bereit erklärt, nach ihrer Ausbildung einige Jahre in der Gemeinde zu arbeiten. „Zwei von ihnen studieren in Rumänien, weil sie in Deutschland keinen Studienplatz bekommen haben“, erzählte Wigbers. „Mir blutet das Herz, wenn junge Leute aus unserer Gemeinde Medizin studieren möchten und dafür nach Rumänien gehen müssen.“ Denn dies seien die angehenden Ärzte, die später in ländlichen Regionen arbeiten wollten. Deshalb bräuchte man in Deutschland mehr Studienplätze.

Mit dem Versorgungsstärkungsgesetz wurde den Kommunen die Möglichkeit eröffnet, ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) zu gründen. Bislang ist dies aber kaum geschehen. „Wir müssen darüber nachdenken, warum die Kommunen die Möglichkeit nicht nutzen, die wir ihnen gegeben haben“, sagte Roy Kühne (CDU), Mitglied des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestags. Er könne jedoch die Kommunen durchaus verstehen, die sagten, sie wollten das unternehmerische Risiko nicht eingehen, das mit der Gründung eines MVZ verbunden ist. „Man könnte hier über eine Anschubfinanzierung nachdenken, so wie es ja auch bei den E-Autos geschehen ist“, sagte er. Allerdings sei es nicht gewährleistet, dass Kommunen auch Ärzte fänden, wenn sie in einer ländlichen Region ein MVZ gegründet haben.

Ein interessantes Novum

„Wenn eine Kommune als Träger eines MVZ auftritt, muss sie auch wirtschaftlich die Verantwortung übernehmen. Wie jeder Vertragsarzt auch, kann sie dann zum Beispiel für Behandlungsfehler haftbar gemacht werden“, erklärte Dr. iur. Horst Ritter, Rechtsanwalt bei der Kanzlei „Ehlers, Ehlers & Partner“. Er bezeichnete es als „interessantes Novum“, dass es der Gesetzgeber den Kommunen nun ermöglicht habe, über die Gründung von MVZ auch im ambulanten Bereich aktiv zu werden. Es werde allerdings noch einige Zeit dauern, bis sie dort Fuß gefasst hätten. In jedem Fall, empfahl Ritter, sollten die Kommunen Kontakt mit den Kassenärztlichen Vereinigungen aufnehmen, bevor sie aktiv werden, um die Probleme im Dialog zu lösen.

Dass den Kommunen das Problem der ärztlichen Versorgung unter den Nägeln brennt, sie sich aber mit der Gründung eines MVZ überfordert fühlen, zeigt eine aktuelle Umfrage unter allen Bürgermeistern und Landräten Niedersachsens. „Zwei Drittel haben erklärt, es gebe bei ihnen Probleme mit der Nachbesetzung ärztlicher Stellen“, erklärte Bertolt Kuhn von der Medizinischen Hochschule Hannover, der die Umfrage durchgeführt hat. Und noch etwas mehr als zwei Drittel meinen, die ärztliche Niederlassung bedürfe kommunaler Unterstützung.“ Am meisten werden von den Befragten Augenärzte vermisst, dann Hausärzte, Kinderärzte, Orthopäden und HNO-Ärzte.

Die häufigsten Maßnahmen, die die Kommunen bereits ergriffen haben, sind Kuhn zufolge eine finanzielle Förderung der Ärzte (30 Prozent der Befragten machten diese Angabe), eine Beratung der Ärzte (24 Prozent), eine Kooperation zum Beispiel mit den KVen (19 Prozent), die Bereitstellung von Praxisräumen (17 Prozent), eine Imagekampagne (15 Prozent), die Gewährung von Darlehen (zehn Prozent), die Bereitstellung von Grundstücken (zehn Prozent) und die Förderung von Studierenden (acht Prozent). Flankierend helfen die Kommunen Ärzten dabei, eine Kinderbetreuung zu bekommen.

„Man kommt viel weiter, wenn sich Vertreter von KVen und Kommunen kennenlernen“ Mark Barjenbruch, KV Niedersachsen. Foto: KV Niedersachsen
„Man kommt viel weiter, wenn sich Vertreter von KVen und Kommunen kennenlernen“ Mark Barjenbruch, KV Niedersachsen. Foto: KV Niedersachsen

„60 Prozent der Befragten sind der Meinung, selbst ein MVZ zu gründen, sei kein geeignetes Mittel, um die Versorgung zu verbessern“, fuhr Kuhn fort. Zum einen fehle den Kommunen dafür das Geld, hieß es zur Begründung, zum anderen sei es nicht die Aufgabe einer Kommune, ein MVZ zu gründen. Manche erklärten zudem, ihre Gemeinde sei für ein MVZ zu klein, andere, ihnen fehle die Kompetenz.

Auch die KV Niedersachsen ist in Sögel bereits aktiv geworden. Hier entstand in Kooperation mit der Kommune die erste Sicherstellungspraxis des Bundeslandes. Der Vorstandsvorsitzende der KV, Mark Barjenbruch, betont dabei die Bedeutung einer guten Zusammenarbeit: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass man viel weiter kommt, wenn sich Vertreter von KVen und Kommunen kennenlernen. Sonst schaut jeder nur auf seine Zuständigkeiten und zieht sich darauf zurück. Wenn man die Menschen kennt, ist man auch eher an einem gemeinsamen Projekt interessiert.“

Keine andere Wahl

Die Aufgabe müsse es sein, so Barjenbruch weiter, dass „man den Ort so attraktiv macht, dass Ärzte dort wohnen und arbeiten wollen“. Diese Aufgabe könne man besser lösen, wenn man mit dem Bürgermeister zusammenarbeite, der sich vor Ort auskenne, als wenn man den Job als KV alleine regeln müsste, so Barjenbruch.

Günter Wigbers ist mit der KV zufrieden. „Ich muss auch mal eine Lanze brechen für die KV“, sagte er. Denn im Zulassungsausschuss hätten die KV und die Krankenkassen einen Sonderbedarf für die Region im Bereich der Dermatologie anerkannt. Deshalb könne nun ein Dermatologe in der Gemeinde arbeiten, der dringend gebraucht werde. Diese Flexibiliserung der Bedarfsplanung wurde im Versorgungsstärkungsgesetz angestoßen.

Die Kommune sei zudem auch im stationären Bereich aktiv. „In den letzten zehn Jahren haben wir fast drei Millionen Euro in unser kommunales Krankenhaus investiert“, berichtete Wigbers. „Das ist enorm viel Geld für uns.“ Doch wenn es um die medizinische Versorgung gehe, habe eine Gemeinde keine andere Wahl.

Falk Osterloh

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