ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2016Ökonomie und Ethos: Im Widerstreit

SEITE EINS

Ökonomie und Ethos: Im Widerstreit

Dtsch Arztebl 2016; 113(18): A-843 / B-715 / C-703

Maibach-Nagel, Egbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Wirtschaftlich, ausreichend, notwendig, zweckmäßig, kurz „WANZ“: Das ist laut Sozialgesetzbuch das Maß für den Leistungsanspruch von Patienten in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV). Über Ausmaß, Soll und Grenzen wird gestritten. Die Fronten in der Auseinandersetzung um „Wohl und Wehe“ der Patienten verhärten sich zusehends.

Der rigorose Kampf zwischen Ökonomie und Ethos in der medizinischen Versorgung spitzt sich weiter zu. Zum einen: Die Schere zwischen den GKV-Einnahmen, die aus Beiträgen allein des Lohnaufkommens stammen, und dem wegen medizinischen Fortschritts, alternder Gesellschaft und damit einhergehender Multimorbidität steigenden Leistungsbedarf geht auseinander. Zum anderen: Die Suche nach Auswegen ist durch die eng gesetzte Interpretationsbreite der WANZ-Formel stark eingeengt. Gesellschaft und Politiker haben die Suche nach wirklichen Befreiungsschlägen scheinbar aufgegeben. Sie bemühen sich, gefangen im engen Geflecht bestehender Verordnungen und Gesetzesformeln, um den Erhalt des Status quo. Auf dem Spiel steht eines der besten Gesundheitswesen der Welt. 

Anzeige

Für die Ärzteschaft und die ihr schutzbefohlenen Patienten hat die Entwicklung der vergangenen Jahre jedenfalls keine nachhaltigen Änderungen gebracht. Befreiungsschläge, beispielsweise der Versuch, durch Wettbewerb Preise und Angebot der untereinander konkurrierenden Krankenkassen zu verbessern, werden durch Gegensteuerung wie den Morbiditäts-Risiko­struk­tur­aus­gleich weitgehend entkräftet. Andere Sicherungsmechanismen wie IGeL oder die private Kran­ken­ver­siche­rung, die sogar auf der privaten Beziehung zwischen Arzt und Patient basieren, werden angesichts einer geschwächten Gesamtsystematik zunehmend hinterfragt, von Teilen der Politik als sozial ungerecht gebrandmarkt.

Viele der vom Gesetzgeber geschaffenen Regulierungsmechanismen, die absehbare Engpässe oder strukturelle Mankos ausgleichen sollen, verbessern den Flickenteppich des Systems vielleicht akut, aber nicht nachhaltig. Das Resultat sind dann Verteilungskämpfe innerhalb der Versorgung. Aktuelles Beispiel: Die Diskussion um das Für und Wider zur Öffnung der Krankenhäuser für die ambulante Versorgung. Was auf den ersten Blick Mangelsituationen bekämpfen sollte, schafft bei gleichem Gesamtbudget dann Kontroversen zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern.

Was den Ärzten bleibt, ist ein Arbeitsalltag, der von immer mehr Beteiligten als wenig zufriedenstellend erachtet wird. In Krankenhäusern wird der Widerspruch zwischen qua Ökonomie diktierter Zeitknappheit und eigentlich gebotener Patientenzuwendung immer mehr zum beklemmenden, ethisch fragwürdig empfundenen Hindernis. Das Übermaß an Bürokratie, der Zwang zur aufwendigen Dokumentation erschwert bei eng gesetzter Personalstruktur die ärztliche Aufgabe zusätzlich.

Alles eine Frage der Organisation? Wer das bejaht, greift zu kurz. Klar sind strukturelle Optimierungs-chancen ein Weg, der gegangen werden muss. Auch Maßnahmen, die im Rahmen der ärztlichen Selbstverwaltung verhindern, dass medizinische Qualität unterwandert wird, gehören zur Pflicht.

Das alles entlässt aber die Gesellschaft nicht aus der Verantwortung. Das Gesundheitswesen braucht den gesellschaftlichen Konsens – als ethisches Bekenntnis, nicht zur Bemessung des Budgets.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 7. Juni 2016, 18:19

Primat der Ökonomie in der Humanmedizin!

Bitte erst Nachdenken, dann Sprechen?
Wenn der Chirurg Prof. Dr. med. Hans-Fred Weiser als Präsident des Verbandes der Leitenden Krankenhausärzte Deutschlands (VLK) in einem Gastvortrag auf dem 119. Deutschen Ärztetag in Hamburg appelliert: "Ökonomisches Denken darf nicht im Vordergrund stehen", müsste er nicht auch darauf hinweisen, dass Medizinisches Denken immer weiter in den Hintergrund gedrängt wird.

Der Deutsche Ärztetag hat sich ebenso detailliert wie zerknirscht und zugleich laienhaft dilettantisch mit dem GOÄ-Reform-Desaster beschäftigt. Obwohl die Ökonomen in Politik, privater Kran­ken­ver­siche­rungswirtschaft, Beihilfestellen, Medien, Wissenschaft und Gesundheits-System-Forschung schon längst die Oberhand gewonnen haben.

Der Hamburger 119. Deutsche Ärztetag beschäftigte sich detailliert mit Arzneimittelpreisen im Zusammenhang mit Forschung und Entwicklung, deren Kalkulation bzw. sozialpolitische Rechtfertigung. Ohne auch nur den Hauch einer Chance zu erlangen, sich gegen die Macht von Forschungspolitik, Pharmakonzernen und Pharmazie-Vertriebsinteressen Gehör verschaffen zu können.

Gleichzeitig sind andere Berufsgruppen gegen medizinische Professionen auf dem Vormarsch. Krankenkasseninteressen, egal ob privat oder gesetzlich, gehen grundsätzlich mit ihren Versicherungs-Fachangestelten gegen ärztliche Fachkompetenz vor. Medizinische Versorgungseinrichtungen, institutionalisierte Pflegeinstitutionen, Heil- und Hilfsmittelanbieter übernehmen das Zepter.

Gipfel sind Versuche über "Health Literacy" Deutungshoheit, Alleinvertretungsanspruch, Wissensüberlegenheit über den gesamten Medizinbereich zu reklamieren. Alles, was Ärztinnen und Ärzte tun, lassen oder falsch machen könnten, wird mit einem umfassenden sozialpädagogischen Überprüfungs-, Aufklärungs- und Belehrungsanspruch konfrontiert, welche u. a. einen multimedial idealisierten Gesundheitsansatz verfolgt und Krankheitsentitäten am liebsten verleugnen möchte. Vgl. dazu meine Kontroverse auf DocCheckBlog:
http://news.doccheck.com/de/blog/post/3875-health-literacy-ist-das-kunst-oder-kann-das-weg/

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema