SUPPLEMENT: 50 Jahre Deutsches Ärzteblatt im Deutschen Ärzte-Verlag

Medizinethik in den Medien: Von der Verantwortung der Presse

Dtsch Arztebl 1999; 96(21): [59]

Klinkhammer, Gisela

Ärzte erwarten eine objektive, sachliche Berichterstattung. Journalisten, die medizinethische Themen behandeln, unterliegen jedoch häufig zahlreichen Sachzwängen.
Der schwer brandverletzte "englische Patient", Graf Laszlo Almasy (Ralph Fiennes), schiebt in dem gleichnamigen Film der Krankenschwester Hana (Juliette Binoche) mehrere Morphiumampullen zu. Tränenüberströmt spritzt sie ihm die gesamte Dosis. Gesprochen wird während dieser Szene kein Wort. Eine solche filmische Umsetzung des Themas "Euthanasie" ist keine Seltenheit. Der medizinethische Konflikt wird in dem mit neun Oscars prämierten Film nicht thematisiert, für die Gesamthandlung spielt die Szene nur eine untergeordnete Rolle. Das jedenfalls ist die Auffassung von Dr. med. Kurt W. Schmidt vom Zentrum für Ethik in der Medizin am St. Markus-Krankenhaus in Frankfurt am Main. Schmidt wies darauf hin, daß er keine Kritik gelesen habe, die auf die Sterbehilfe-Szene Bezug genommen habe.
Identifikation mit Einzelschicksalen
Auf einer Tagung in Loccum stellte er zahlreiche weitere Ausschnitte aus Spielfilmen vor, die sich mit medizinethischen Themen befassen. In dem Film "Lorenzo’s Oil" wird bei einem fünfjährigen Jungen die äußerst seltene Krankheit Adrenoleukodystrophie (ALD) diagnostiziert. In diesem Film informiert der Arzt und Drehbuchautor George Miller, in einer spannenden, auf einer wahren Begebenheit beruhenden Geschichte, nicht nur über die Suche nach einer Therapie, sondern er beschäftigt sich auch mit zahlreichen medizinethischen Konflikten, zum Beispiel dem Arzt-Patient-Gespräch, dem Umgang mit den hierarchischen Strukturen in einem Krankenhaus und der Forschung an Nichteinwilligungsfähigen.
Doch nicht nur Spielfilme, sondern vor allem die täglich über die Bildschirme flimmernden Arzt- und Krankenhausserien haben einen nicht unerheblichen Anteil an dem Umgang mit Medizinethik. Und das ist keineswegs negativ zu bewerten. So kann man nach Ansicht von Dr. Uwe Hasebrink vom Hans-Bredow-Institut in Hamburg ein moralisches Dilemma nur durch die Identifikation mit Einzelschicksalen verständlich machen. Der Medizinethiker Schmidt bestätigte diese positive Einschätzung. Er räumte jedoch ein, daß die Serien mit der Berufsrealität meistens wenig zu tun haben.
Sehr viel schwerer als diese publikumswirksamen Sendungen haben es oft Dokumentationen, medizinethische Themen zu vermitteln. Über die Sachzwänge, mit denen er sich regelmäßig auseinandersetzen muß, berichtete Dieter Stengel, der als freier Journalist Filme für den Bayerischen Rundfunk dreht. Die von ihm produzierten Beiträge, beispielsweise zu den Themen Hirntod oder Gentechnik, haben in der Regel eine Länge von 45 Minuten. Da er breite Schichten erreichen muß, kann er "nicht annähernd die Sprache der Wissenschaftler sprechen". Er ist außerdem immer an die Weisungen der festangestellten Redakteure gebunden. Beim Filmen von Patienten ist der Filmemacher selbst vor ethische Probleme gestellt. Stengel berichtete, daß er ihre Zustimmung erbittet und ihnen zusagt, daß die gedrehten Sequenzen keine Verwendung in anderen Filmen finden werden. Er sei außerdem auf Wunsch des Patienten jederzeit bereit, eine Kameraeinstellung zu verändern oder auch das Filmen ganz einzustellen. Dennoch müsse man sich bewußt sein, "daß der Patient in der Regel dem Wunsch des Arztes entspricht".
Von besonderer Relevanz ist die Wahl des Titels der Sendung. Dazu Stengel: "Zu schlechte Einschaltquoten am Anfang des Films sprechen für eine schlechte Wahl des Themas und für einen schlechten Titel. Dafür sind Redakteur und Filmemacher gleichermaßen verantwortlich. Schlechte Einschaltquoten im Laufe der Sendung sind immer Schuld des Filmemachers." Dieser müsse sich genau auf sein mögliches Publikum einstellen. Der typische BR-Seher sei über 50 Jahre alt, Volkshochschulbesucher ohne Abitur und harmoniebetont. Eine weitere wichtige Rolle spiele die Sendezeit. Die von ihm gedrehten Filme liefen in der Regel zwischen 19.30 und 20.15 Uhr, sagte Stengel. Konkurrenzbeiträge in anderen Programmen seien Serien und vor allem die "Tagesschau". In seinem kürzlich gesendeten Beitrag zu Chancen und Risiken der Gentechnik mit dem Titel "Gene als Schicksal" mußte er, um den Ansprüchen gerecht zu werden und akzeptable Einschaltquoten zu erreichen, "schöne, assoziativ verstärkende Bilder" zeigen. Die Texte waren "einfachst, aber dennoch wissenschaftlich korrekt". Der Film erreichte schließlich einen für wissenschaftliche Sendungen durchschnittlichen Marktwert von knapp acht Prozent.
Trend zur Boulevardisierung
Hartmut Wewetzer von "Der Tagesspiegel" hat die wichtigsten medizinischen und medizinethischen Themen aufgelistet, mit denen sich die Berliner Zeitung in letzter Zeit beschäftigt hatte. Dazu gehörten die "Reizthemen" Amalgam, Transplantationsgesetz, Hirntod, Organhandel, Geburtsschäden, "Todescomputer", Meningitisepidemie, Influenzaepidemie, Menschenklone als Organbanken und vor allem die Krankheit Krebs. Das Ziel, das er mit seinen Beiträgen erreichen will, ist der mündige Leser, der das Wissen gegen die Angst stellt. Häufig könnten sich auch Journalisten seriöser Publikationsorgane dem Trend zur Boulevardisierung nicht entziehen.
Im Deutschen Ärzteblatt ist manches anders als in anderen Publikationsorganen. Richtlinien der Bundesärztekammer, die medizinethische Themen betreffen, werden in dem offiziellen Organ der deutschen Ärzteschaft im Wortlaut abgedruckt. Teilweise werden diese Bekanntgaben auch in redaktionellen Beiträgen dargestellt; die Bundesärztekammer informiert darüber auf Presseseminaren. In den redaktionellen Beiträgen sind wissenschaftliche Vereinfachungen unnötig, ja unerwünscht, schließlich sind die Leser ein Fachpublikum. Die Beiträge sollten zwar bei Leseranalyen nicht völlig abgeschlagen werden, einen unmittelbaren Einfluß auf die Zahl der Bezieher hat ein einzelner Beitrag im Deutschen Ärzteblatt allerdings nicht. Prof. Dr. med. Joachim Jähne von der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie in Hannover bedauerte es allerdings, daß über bestimmte Themen nur im DÄ und nicht in der Laienpresse informiert würde.
Gerard J. Boer vom Niederländischen Institut für Hirnforschung in Amsterdam, begrüßte es, daß in den Niederlanden - auch in der Tagespresse - in der Regel offen über umstrittene medizinethische Themen berichtet werde. So forsche sein Institut an der Transplantation fötaler Zellen in die Hirnzellen von Parkinsonkranken. In einer niederländischen Zeitung sei über dieses Projekt unter dem Titel "Foetus tegen Parkinson" anschaulich, informativ und ohne Verurteilung berichtet worden. Die Überschrift in einer deutschen Wochenzeitung "Der Fetus als Organfabrik" sei eher dazu angetan, dem Leser Angst einzujagen.
Beispiele für den Einfluß und die Verantwortung der Presse gibt es viele. "Von den Vorstellungen der Journalisten und den daraus entwickelten Begrifflichkeiten gehen oft lebenswichtige Entscheidungen aus. So hängt es zum Beispiel von der Darstellungsweise eines Berichts über Transplantationsmedizin ab, wie sich die Spendenbereitschaft entwickelt", sagte Dr. Achim Block von der Smith-Kline-Beecham-Stiftung in Göttingen. Hasebrink führte aus, daß die Medienberichterstattung zu einer deutlichen Verhaltensänderung gegenüber AIDSKranken geführt habe. Prof. Dr. med. Ruth Mattheis, Ärztekammer Berlin, berichtete, daß die Vorstellung einer von der Ärztekammer Berlin entworfenen Patientenverfügung auf einer Pressekonferenz innerhalb kürzester Zeit zu 15 000 Bestellungen geführt habe. Ärzte erhofften sich in der Regel von den Journalisten eine sachliche, differenzierte Berichterstattung, brachte es Sandra Goldbeck-Wood, Redakteurin beim British Medical Journal, auf den Punkt. Und umgekehrt hätten die Journalisten ein Anrecht auf sachliche Informationen von den Ärzten, ergänzte Gisela Bockenheimer-Lucius vom Arbeitskreis "Medizin in den Medien" der Akademie für Ethik in der Medizin.
Chancen ergeben sich künftig vor allem auch aus den zunehmend an Bedeutung gewinnenden neuen Medien. So sind beispielsweise sämtliche Beiträge des Deutschen Ärzteblattes im Internet abrufbar, ergänzt durch aktuelle Nachrichten, die im Heft selbst nicht zu finden sind. Auch das British Medical Journal ist, so Sandra GoldbeckWood, "eine Papierzeitschrift mit elektronischer Version oder umgekehrt". Doch auch die Gefahren des Internet sind bekannt: Es können völlig ungefilterte Informationen jedweder Anbieter abgerufen werden. Gisela Klinkhammer


Der Beitrag beruht auf einer Tagung "Medizinethik in den Medien", die, gefördert von der Hanns-Lilje-Stiftung, Ende Januar in der Evangelischen Akademie Loccum stattfand. Der Veranstalter, das Zentrum für Gesundheitsethik, beabsichtigt, sämtliche Vorträge und zahlreiche Diskussionsbeiträge in einem Dokumentationsband zu veröffentlichen.


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