THEMEN DER ZEIT

Sexueller Kindesmissbrauch: Helfen statt stigmatisieren

PP 15, Ausgabe Mai 2016, Seite 214

Bühring, Petra

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www.du-traeumst-von-ihnen.de wirbt im Internet für das Projekt „Primäre Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch durch Jugendliche“
www.du-traeumst-von-ihnen.de wirbt im Internet für das Projekt „Primäre Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch durch Jugendliche“

Jugendlichen und Männern mit pädophilen Neigungen präventiv Therapien und Unterstützung anzubieten, ist eine Form des Kinderschutzes. Das wurde bei einer Fachtagung in Berlin sehr deutlich.

Die vielfältigen therapeutischen und pädagogischen Angebote für „sexuell grenzverletzende Menschen“ vorzustellen und miteinander zu vernetzen war das Ziel der Fachtagung „Wegsperren – und zwar für immer?“, die Ende April in Berlin stattfand. „Diese Angebote für potenzielle und reale Täter sexueller Gewalt sind wichtig, um sexuelle Traumatisierungen von Kindern und Jugendlichen zu verhindern“, sagte Sigrid Richter-Unger von der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung e.V. bei der Pressekonferenz.

Kein Täter werden

Das größte und bekannteste therapeutische Angebot ist das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“, das 2005 unter Leitung von Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus M. Baier zunächst als Projekt an der Berliner Charité ins Leben gerufen wurde. Seit 2011 wird an elf Standorten bundesweit Männern mit einer pädophilen Neigung geholfen. „Wir konzentrieren uns auf diejenigen, die noch keine Tat begangen haben. Viele waren zu Beginn skeptisch, doch es ist eine Möglichkeit, diese Menschen zu erreichen“, sagte der Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité Universitätsmedizin Campus Mitte. Der Bedarf ist groß: Seit 2011 seien rund 6 000 Anfragen von Betroffenen eingegangen. 250 Therapien wurden abgeschlossen und 250 weitere Therapien laufen zurzeit. Diese dauern im Durchschnitt ein bis eineinhalb Jahre.

„Rund 25 Prozent der Täter, die sexuelle Übergriffe an Kindern begehen, sind unter 18 Jahre alt“, betonte Baier. Deshalb wurde Ende 2014 das Versorgungsangebot „Primäre Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch durch Jugendliche“ von der Charité Campus Mitte und der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Vivantes Klinikums Berlin-Friedrichshain initiiert, das sich speziell an zwölf bis 18-Jährige mit sexuell auffälligen Verhaltensweisen und Fantasien im Zusammenhang mit Kindern richtet. Ziel ist es, den Jugendlichen möglichst früh in ihrer Entwicklung Unterstützung bei der Bewältigung und Kontrolle ihrer sexuellen Impulse anzubieten. Im Internet wirbt die Seite www.du-traeumst-von-ihnen.de für das Projekt. Auch hier ist der Bedarf groß: Eltern würden teilweise aus weit entfernten Teilen Deutschlands mit dem Flugzeug nach Berlin reisen, um ein Gespräch mit den Spezialisten des Projekts führen zu können, berichtete Baier. Die Betroffenen kommen aus allen sozialen Schichten.

Grenzen respektieren lernen

„Wichtig ist, die Jugendlichen nicht zu stigmatisieren, sondern sie dabei zu unterstützen, mit dieser sexuellen Ausrichtung umzugehen“, betonte Sexualmediziner Baier. Finanziell unterstützt wird das Projekt vom Bundesfamilienministerium. Der Arzt forderte eine Verstetigung der Finanzierung: „Dieser Bereich sollte im Gesundheitssystem angesiedelt sein und von den Krankenkassen getragen werden.“

Dass Jugendliche erreichbar sind, bestätigte auch Bernd Priebe von der Bundesarbeitsgemeinschaft „Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit sexualisiert grenzverletzendem Verhalten“ (BAG-KISGV). Die bundesweit rund hundert Einrichtungen der Jugendhilfe und Beratungsstellen, die sich der BAG angeschlossen haben, arbeiten mit Jugendlichen, die zunächst keine eigene Therapiemotivation mitbringen. „Es ist gut möglich, mit den Jugendlichen an der Auseinandersetzung mit ihren Grenzverletzungen zu arbeiten und mit ihnen Perspektiven für Sexualität und Partnerschaft zu entwickeln, in der Grenzen respektiert werden“, betonte Priebe.

Der Sozialarbeiter machte darauf aufmerksam, dass man von einer flächendeckenden Versorgung für die betroffenen Jugendlichen „weit entfernt“ sei, weil es nur wenige entsprechend spezialisierte Einrichtungen gebe. „Viele Eltern nehmen zwei bis drei Stunden Anfahrtsweg in Kauf, um die betroffenen Jugendlichen zur Therapie zu bringen“, sagte er. Wichtig sei zudem mehr Vernetzung mit dem Gesundheitssystem, das heißt mit psychiatrischen Kliniken und niedergelassenen Kinderpsychiatern sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten.

Petra Bühring

@www.kein-taeter-werden.de
www.du-traeumst-von-ihnen.de
www.bag-kjsgv.de

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