ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2016Das Gespräch mit Dr. med. Christiane Fischer, Geschäftsführerin von „Mezis – Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte“ „Eine andere Medizin ist möglich“

POLITIK: Das Gespräch

Das Gespräch mit Dr. med. Christiane Fischer, Geschäftsführerin von „Mezis – Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte“ „Eine andere Medizin ist möglich“

Dtsch Arztebl 2016; 113(19): A-918 / B-780 / C-764

Korzilius, Heike

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Mezis („Mein Essen zahl’ ich selbst“) setzt sich für eine Medizin ein, die unbeeinflusst ist von den Verkaufsinteressen der Pharmaindustrie. Mezis-Geschäftsführerin Fischer über Lücken im Korruptionsgesetz, unabhängige Fortbildung und die Hochpreispolitik der Arzneimittelhersteller

„Berufsoptimistin“: Christiane Fischer studierte Medizin und evangelische Theologie. Von 1998 bis 2013 war sie Geschäftsführerin der BUKOPharmakampagne, die sich vor allem kritisch mit den Geschäften der Pharmaindustrie in armen Ländern beschäftigt. Seit 2013 ist sie Geschäftsführerin von Mezis. Foto: Deutscher Ethikrat/Reiner Zensen
„Berufsoptimistin“: Christiane Fischer studierte Medizin und evangelische Theologie. Von 1998 bis 2013 war sie Geschäftsführerin der BUKOPharmakampagne, die sich vor allem kritisch mit den Geschäften der Pharmaindustrie in armen Ländern beschäftigt. Seit 2013 ist sie Geschäftsführerin von Mezis. Foto: Deutscher Ethikrat/Reiner Zensen

Christiane Fischer (48) hat zum Gespräch in ihr Wohnhaus in einem schon fast ländlich geprägten Stadtteil von Hamm geladen. Es dient Mezis, der Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte, deren ärztliche Geschäftsführerin sie seit 2013 ist, gleichzeitig als Büro. Der Verein trat 2007 nach eigenen Worten an, um gegen Interessenkonflikte und Korruption von Ärzten vorzugehen und den Einfluss der Pharmaindustrie auf die ärztliche Arbeit zurückzudrängen. Denn damit, so Mezis, setze man das Vertrauensverhältnis zu den Patientinnen und Patienten auf Spiel.

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In der Politik Gehör finden

750 Mitglieder zählt die Initiative heute. Angesichts von rund 400 000 Ärztinnen und Ärzten in Deutschland nimmt sich die Zahl bescheiden aus. „Wir haben vor neun Jahren mit elf Mitgliedern einen Verein gegründet. Als Berufsoptimistin denke ich, wir haben uns sehr stark nach oben entwickelt“, entgegnet Fischer. „Wir werden nie die Mehrheit sein. Aber wir sind eine gute, qualifizierte Minderheit, die zeigt, dass eine andere Medizin möglich ist.“

In der Politik findet Mezis durchaus Gehör, wie jüngst im Gesetzgebungsverfahren zum Anti-Korruptionsgesetz, das der Bundestag am 15. April verabschiedete. Mit dem Gesetz wurde der Straftatbestand „Bestechlichkeit im Gesundheitswesen“ in das Strafgesetzbuch eingeführt (§ 299 a und b). Danach soll künftig jeder, der einen Angehörigen eines Heilberufes besticht, ebenso bestraft werden wie der, der sich bestechen lässt. Fischer, die seit 2012 auch dem Deutschen Ethikrat angehört und vor kurzem erneut in das Gremium berufen wurde, trat vor dem Gesundheitsausschuss des Bundestages als Sachgutachterin zum Anti-Korruptionsgesetz auf. Zwar habe man die eigenen Vorstellungen nicht eins zu eins umsetzen können, räumt die Mezis-Geschäftsführerin ein, „aber wir wurden gehört. Und jetzt haben wir den langen Atem und versuchen, das Gesetz zu verbessern.“

Fischer kritisiert insbesondere, dass nur direkte Bestechung und Bestechlichkeit bestraft würden, nicht aber jegliche Form der Vorteilsnahme und Vorteilsvergabe. In diesem Zusammenhang sei es sehr bedauerlich, dass der Bezug zur Musterberufsordnung der Bundes­ärzte­kammer aus dem Gesetz gestrichen wurde. Dadurch wäre eine Verletzung der berufsrechtlichen Pflichten zur Wahrung der heilberuflichen Unabhängigkeit ebenfalls unter Strafe gestellt worden.

Ärzte werden kritischer

Pharmaunternehmen, die Ärzte zum Essen einladen oder Fortbildungen in exklusiven Hotels sponsern – versuchte Einflussnahmen wie diese waren der Auslöser für die Diskussionen um Bestechlichkeit, aus der Mezis hervorgegangen ist. „Wir sind Teil der internationalen ‚No Free Lunch‘-Bewegung“, sagt Fischer. Erst Anfang März habe der Verein Pate gestanden bei der Gründung von „No Free Lunch India“. Denn: „Korruption ist ein globales Problem.“

Doch wie reagieren die Kolleginnen und Kollegen in Deutschland auf die Initiative? Umfragen legten nahe, dass lediglich fünf Prozent der Ärztinnen und Ärzte von sich selbst glaubten, dass sie in ihrem Verordnungsverhalten durch Geschenke von Pharmaunternehmen beeinflusst würden, sagt Fischer. 21 Prozent hielten hingegen ihre Kollegen für bestechlich. Dabei belegten wissenschaftliche Untersuchungen in den USA und Kanada, dass häufige Besuche von Pharmavertretern, verbunden mit Geschenken, sich nachweisbar darauf auswirkten, welche Arzneimittel ein Arzt verordne. „Ich glaube allerdings, dass in den letzten Jahren bei den Ärzten ein größeres Bewusstsein dafür entstanden ist, dass es dem Ruf schadet, wenn man Geschenke annimmt. Das reicht vom Kuli bis zur großen Reise“, meint Fischer. „Es ist überhaupt ein größeres Bewusstsein für korruptives Verhalten entstanden und dafür, dass man sich anders verhalten kann. Da haben wir viel bewirkt.“

Doch bei der Arbeit von Mezis geht es nicht nur darum, den Einfluss der Pharmaindustrie auf das Verschreibungsverhalten der Ärzte zurückzudrängen. „Unser nächstes größeres Projekt zielt auf das Pharmasponsoring von Fortbildungsveranstaltungen“, erklärt die Mezis-Geschäftsführerin. Die Forderung: Für die Teilnahme an gesponserten Veranstaltungen darf es keine Fortbildungspunkte mehr geben. Hier seien in erster Linie die Ärztekammern gefragt, die die Fortbildungspunkte gewährten, meint Fischer. Das Argument, Fortbildung werde dann zu teuer, lässt sie nicht gelten: „Die Sterne-Anzahl eines Hotels ist nicht äquivalent zur Güte der medizinischen Fortbildung.“ Pfarrer und Lehrer zum Beispiel zahlten ihre Fortbildungen schon seit jeher selbst. Und das müsse nicht teuer sein. „Ich kann eine Fortbildung auch im Krankenhaus, in Räumen der Ärztekammer oder der Volkshochschule machen“, sagt Fischer. Eine pharmaunabhängige Fortbildung würde das gesamte Fortbildungsspektrum verändern und letztlich dazu führen, dass Medikamente rationaler verordnet würden, ist sie überzeugt.

Dasselbe gelte für Behandlungsleitlinien. „Wir brauchen in Deutschland unabhängige Leitlinienkommissionen“, fordert Fischer. „Es reicht nicht, Interessenkonflikte zu erklären. Es darf gar nicht erst dazu kommen.“ Wenn Fachgesellschaften von der Industrie gesponsert würden und Leitlinienautoren Inter-essenkonflikte hätten, liege es doch auf der Hand, dass unter solchen Bedingungen keine unabhängigen Behandlungsstandards entwickelt werden könnten. Damit Fehlverhalten im Gesundheitswesen nicht unbemerkt bleibt, stellt Mezis auf seiner Webseite (www.mezis.de) ein Formular bereit, über das Verstöße angezeigt werden können. Aktuell funktioniert der Melder für CME-zertifizierte ärztliche Fortbildungen, bei denen Interessenkonflikte vorliegen.

Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt von Mezis ist die Preisgestaltung bei Arzneimitteln. „Wir wollen die Gründe für die zum Teil völlig überzogenen Arzneimittelpreise analysieren“, sagt Fischer. „Preise werden weder von Forschungs- und Entwicklungskosten noch von den Produktionskosten bestimmt, sondern alleine vom Markt“, zitiert sie den Vorsitzenden der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig. Und das führe zu Verwerfungen.

Arzneimittel, die noch unter Patentschutz stehen, haben in der Regel immer ein relativ hohes Preisniveau. Doch Fischer zufolge gibt es auch immer mehr patentfreie Arzneimittel, die „wahnsinnig teuer“ sind. Die Kosten für das Medikament Daraprim, das sich bereits seit 60 Jahren auf dem Markt befinde und ursprünglich in der Tropenmedizin, heute aber gegen Toxo-plasmose bei HIV eingesetzt werde, hätten sich beispielsweise von 13,50 Dollar auf 750 Dollar vervielfacht. Dasselbe gelte für das Krebsmedikament Carmustin. Da habe sich der Preis über Nacht verdreifacht. „Das sind alte Medikamente, für die es nur einen kleinen Einsatzbereich gibt und dadurch oft nur noch einen Anbieter“, erklärt Fischer. Hier könne der Monopolist den Preis diktieren.

Umgekehrt war es beim Krebsmedikament Alemtuzumab, das nur für eine kleine Gruppe von Patienten infrage kam. Es wurde weltweit vom Markt genommen, um es kurze Zeit später in einer anderen Indikation – Multiple Sklerose – mit neuem Patent zum 44-fachen Preis einzusetzen. „Die Pharmaindustrie muss ganz anders reguliert werden“, fordert Fischer. Auch Forschungsanreize müssten anders gesetzt werden. Denn das gegenwärtige Patentrecht habe nicht dazu geführt, dass Medikamente am Bedarf orientiert erforscht und entwickelt würden.

Heike Korzilius

„Mein Essen zahl’ ich selbst“

Faltblatt für Kollegen: Der Flyer mit Informationen über Mezis kann unter www.mezis.de heruntergeladen werden.
Faltblatt für Kollegen: Der Flyer mit Informationen über Mezis kann unter www.mezis.de heruntergeladen werden.

Die Idee für die Initiative „Mein Essen zahl’ ich selbst“ (Mezis) entstand 2006 im Rahmen einer Tagung zum 25-jährigen Bestehen der BUKO Pharma-Kampagne. Der Verein unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte gründete sich ein Jahr später in Frankfurt. Inzwischen hat er 750 Mitglieder. Die Initiative finanziert sich aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Zuwendungen gemeinnütziger Organisationen.

Mezis will bei Ärztinnen und Ärzten das Bewusstsein schaffen, dass Zuwendungen der Pharma- und Medizinprodukteindustrie in jeglicher Form unzulässig sind. Der Verein fordert die generelle Offenlegung von Interessenkonflikten und will Autoren mit relevanten Interessenkonflikten von der Entwicklung von Leitlinien ausschließen. Für industrie-gesponserte Fortbildungen soll es keine CME-Punkte mehr geben. Außerdem setzt sich Mezis für industrieunabhängige Patienteninformationen ein und will den kritischen Umgang mit der Pharmaindustrie bereits im Medizinstudium verankern.

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