ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2016Erinnerungskultur: Schwere Last und leichte Sprache

THEMEN DER ZEIT

Erinnerungskultur: Schwere Last und leichte Sprache

Dtsch Arztebl 2016; 113(19): A-924 / B-784 / C-768

Jachertz, Norbert

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Das „Erkenntnistransfer-Projekt“ zur NS-„Euthanasie“ ist abgeschlossen.

Drei Jahre lang hat eine Gruppe von Medizinhistorikern aus München, Heidelberg und Berlin daran gearbeitet, Forschungsergebnisse zu „Euthanasie“ und auch Zwangssterilisation in der Zeit des Nationalsozialismus in allgemein verständlicher Form und doch wissenschaftlich einwandfrei öffentlich zu machen. Sie hat ihr Projekt am 7. und 8. April mit einem Abschlusskolloquium im Wissenschaftszentrum Bonn mit Ausblicken auf den Forschungsstand im In- und Ausland beendet. Die Tagung beschäftigte sich insbesondere damit, wie der Wissenstransfer zu gestalten sei.

Begegnung auf Augenhöhe

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Sichtbares Ergebnis der Arbeit der Projektgruppe ist der Gedenk- und Informationsort an der Berliner Tiergartenstraße 4, der an die Krankenmorde in der NS-Zeit erinnert. Zu dem Gedenkort für die Opfer haben viele beigetragen: ein Runder Tisch engagierter Bürger, der Bundestag und nicht zuletzt das Land Berlin. Die Arbeitsgruppe um Prof. Dr. med. Gerrit Hohendorf, vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der TU München, hat bei der Konzeption mitgewirkt und die Textvorlagen erarbeitet.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) förderte das Vorhaben (mit dem programmatischen Titel „Erinnern heißt gedenken und informieren“) als eines ihrer vielen „Erkenntnistransfer-Projekte“. Dahinter steckt die Idee von der öffentlichen Wissenschaft. Auch komplizierte Sachverhalte sollen der Allgemeinheit vermittelt werden. Und eben auch solch schwierige Themen wie die NS-Krankenmorde. Die Medizinhistoriker des Projekts haben sich dabei auch auf unsicheres Terrain gewagt: Soll man in das Erinnern und Informieren auch Menschen mit Behinderung einbeziehen, also jene im NS stigmatisierte Gruppe? Ist ihnen zuzumuten, von 300 000 ermordeten und 350 000 sterilisierten Menschen zu erfahren, die als lebensunwert behandelt wurden? Dürfen sie von Ärzten und Krankenschwestern hören, die das besorgten, von Krankenanstalten, die auslieferten? Bei dem Abschlusskolloquium in Bonn wurde dazu aus der Gedenkstätte Grafeneck berichtet, Sozialpädagogen hätten Bedenken geäußert. Die Betroffenen sind offenbar stark berührt, sie äußerten ihre Gefühle offener als andere Besucher. Das aber, so die überwiegende Meinung in Bonn, dürfe nicht dazu führen, Behinderten die Geschichte vorzuenthalten. Sie müssten freilich angemessen informiert werden, wer weine, müsse getröstet werden. Keineswegs dürfe es eine Sonderbehandlung behinderter Menschen geben. Sie hätten ein Anrecht auf „Begegnung auf Augenhöhe“. Betroffene reagieren im übrigen oft recht pragmatisch auf die schlimmen Botschaften aus der Vergangenheit: „Wenn ich merke, ich kann nicht mehr, dann gehe ich raus. Und wenn mein Kopf voll ist, dann warte ich und komme später wieder“, kommentierte eine junge Frau mit Behinderung die Diskussion.

Umstrittene Namensnennung

Rein technisch lässt sich „Barrierefreiheit in der Geschichtsvermittlung“ lösen – wenn auch nicht einfach – durch „leichte Sprache“ und Gebärdensprache. Beides wird beim Gedenkort T 4 in Berlin geboten. Schwere Texte in leichte Sprache zu übersetzen, scheint freilich nicht ganz einfach zu sein. Der Sachverhalt muss vom Übersetzer gründlich verstanden sein, ehe er ihn „leicht“ formuliert. Zum Übersetzungsprozess gehört vor allem auch der ständige Abgleich der „leichten“ Texte mit Betroffenen. Eine von ihnen in Bonn: „Ich frage solange nach, bis ich es verstanden habe.“

Pragmatisches Verhalten ist auch bei einer seit Jahren umgewälzten Frage angezeigt: Dürfen die Namen von „Euthanasie“-Opfern auf Gedenksteinen oder in Gedenkbüchern genannt werden? In Bonn standen sich die altbekannten Positionen gegenüber: Die einen möchten den Opfern ihren Namen und damit ein Stück Identität wiedergeben. Ihnen stehen Angehörige entgegen, denen es unangenehm ist, wenn öffentlich bekannt wird, dass es in der Familie ein „Euthanasie“-Opfer gegeben hat. Die härtesten Gegner einer Namensnennung scheinen aber in den Archiven selbst zu sitzen. Auf einer Tagung bei der Stiftung Topographie (Berlin) am 29. Juni soll ein Versuch gemacht werden, einen Kompromiss zu finden. Man war in Bonn skeptisch. Bis auf Weiteres bleibt nur, weiterhin vor Ort eine Lösung zu finden. Mit dem Wechsel der Generationen könnte sich das Problem ohnehin erledigen.

Norbert Jachertz

Tiergartenstrasse 4

Foto: dpa
Foto: dpa

Der Gedenkort T 4, unter freiem Himmel in Berlin, ist öffentlich zugänglich. Er wird von der Stiftung für die ermordeten Juden Europas betreut (www.stiftung-denkmal.de). Der Gedenkort hat auch eine eigene, materialreiche website: www.t4-denkmal.de .Neben dem stationären Gedenkort bietet die Stiftung Topographie des Terrors (www.topographie.de) eine Wanderausstellung an, die gleichfalls auf dem Erkenntnis-Transfer-Projekt basiert.

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