ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2016Medizinische Promotionen: Seriöse Forschung oder wissenschaftlicher Müll

THEMEN DER ZEIT

Medizinische Promotionen: Seriöse Forschung oder wissenschaftlicher Müll

Dtsch Arztebl 2016; 113(19): A-920 / B-782 / C-766

Sievers, Karen; Klotz, Karl-Friedrich; Westermann, Jürgen

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Es ist dringend notwendig, eine bislang von Vorurteilen geprägte Diskussion zu versachlichen. Wie die geeigneten Rahmenbedingungen für gute medizinische Promotionen aussehen könnten, zeigt das Beispiel Lübeck.

Foto: Fotolia/iStockphoto [m]
Foto: Fotolia/iStockphoto [m]

Zurzeit wird die Qualität medizinischer Promotionen in Deutschland harsch kritisiert. So hieß es in „Nature“, das kranke deutsche System der medizinischen Ausbildung und Promotion „vergifte“ die wissenschaftliche Literatur, und der „Spiegel“ sprach von „akademischer Ramschware“. Zuletzt wurde in der „Zeit“ gefordert, den Nicht-Entzug des Doktortitels Ursula von der Leyens damit zu begründen, dass unwissenschaftliches Arbeiten in der Medizin eben weitverbreitet und ein Entzug damit „unfair“ wäre. Derartige Anschuldigungen verwundern, insbesondere auch dann, wenn sie von Wissenschaftlern vorgebracht werden. Denn tatsächlich sind belastbare Daten zur Qualität von Promotionen – auch der medizinischen – äußerst rar.

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Auch der Wissenschaftsrat beklagt zwar die unzureichende Datenlage im Hinblick auf die „Beurteilung von Qualität und Leistungsfähigkeit des deutschen Promotionswesens“, vermag aber trotzdem eindeutig festzustellen, dass die medizinische Promotion „nur zu einem kleineren Teil einer originären Forschungsarbeit, wie sie in anderen Fächern üblich ist“ entspricht – ein Urteil, das weitere Autoren dann einfach wiederholen.

Vergleichende Studien fehlen

Dabei ist es hochwahrscheinlich, dass sich in jedem Fach auch Arbeiten finden, die nur zum Teil allgemeinen und fachspezifischen Standards an eine qualitätsvolle Promotion genügen – und es sollte nicht von Einzelfällen auf die Gesamtheit geschlossen werden. Dass bisher so gut wie keine fundierten Untersuchungen zum Vergleich der Promotionsqualität innerhalb von Fachbereichen vorliegen (also beispielsweise den medizinischen Fakultäten) oder zum Vergleich zwischen den Disziplinen (zum Beispiel Medizin und Biologie), hängt auch damit zusammen, dass das Promotionsverfahren seit jeher von jeder einzelnen Fakultät autonom geregelt wird („Freiheit von Forschung und Lehre“). Schon 2011 stellte der Wissenschaftsrat fest, dass Vergleiche zwischen Promotionsverfahren und -bedingungen verschiedener Fächer schwierig sind: Wissenschaftliche Arbeitsweise, Projektdauer, Begutachtungen sowie Benotungen und Promotionsquote unterscheiden sich teilweise erheblich. Auch das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung kommt anhand einer Auswertung für die Jahre 2001 bis 2012 fächerübergreifend zum Schluss, „dass unterschiedliche Standort- und Fächerkulturen entscheidender für die Notenvergabe sind als die eigentliche Promotionsleistung“.

Man sollte also davon ausgehen können, dass es die medizinische Promotion oder die geisteswissenschaftliche Promotion nicht gibt. Auch quantitative Parameter, wie der Beginn der Promotion, während oder nach Abschluss des Studiums, oder die Promotionsdauer, sagen nichts zur Qualität der einzelnen Arbeit aus. Die wirkliche Qualität einer Promotionsarbeit kann nur im Einzelfall beurteilt werden. Gewisse Verallgemeinerungen zur Qualität von Promotionsarbeiten lassen sich zurzeit höchstens auf Ebene einer einzelnen Fakultät vornehmen, und zwar dann, wenn man sich anschaut, welches Maßnahmenbündel sie geschnürt hat, um die Qualität ihrer Promotionen zu kontrollieren und weiterzuentwickeln.

Das Beispiel Lübeck

Am Beispiel des Lübecker Medizinstudiums soll aufgezeigt werden, wie ein gut strukturiertes Curriculum zusammen mit einer qualitätssichernden Promotionsordnung den Boden bereiten kann für ein wissenschaftliches Studium und eine hochwertige Promotion.

Die Grundlagen für eine anspruchsvolle Promotion werden im Studium gelegt. Wie jedes Hochschulstudium soll auch die Humanmedizin originär für die wissenschaftliche Arbeit qualifizieren, die mit einer Promotion vertieft werden kann. Der Lübecker Campus bietet aufgrund seiner Überschaubarkeit und dem Schwerpunkt im Bereich „Life Science“ beste Voraussetzungen für die enge Kooperation der naturwissenschaftlichen, klinisch-theoretischen und klinisch-praktischen Bereiche mit entscheidenden Vorteilen für Forschung und Lehre: Grundlagen und Methoden werden forschungsbasiert auf hohem Niveau vermittelt; in der Forschung arbeiten Doktoranden und Wissenschaftler aller Fächer Hand in Hand und im Mentorenprogramm werden Studierende sowohl von Medizinern als auch Naturwissenschaftlern betreut. Das Curriculum ist so organisiert, dass es eine Promotion optimal flankiert. Das fünfte Semester beginnt für alle Studierenden mit einer Einführung in das „problemorientierte Lernen“, bei dem eine Fragestellung wissenschaftlich aufgearbeitet wird und die Ergebnisse im Rahmen einer Posterpräsentation begutachtet werden. Für alle Promovenden werden mit den örtlichen Graduiertenkollegs ein übergreifendes Doktorandenseminar sowie strukturierte Promotionsstipendien angeboten. Gleichzeitig ist die Pflichtveranstaltung „Biometrie und Statistik“ zeitlich frei wählbar, so dass die Medizinstudierenden die Belegung an methodische Bedarfe eines Promotionsprojektes anpassen können. Schließlich werden kurz vor dem Abschluss stehende Dissertationsprojekte mit einem Poster auf dem jährlich in der Lübecker Innenstadt ausgerichteten Doktorandentag im Sinne eines „öffentlichen Kolloquiums“ Kommilitonen, Dozenten und Lübecker Bürgern vorgestellt und diskutiert. Diese strukturellen Rahmenbedingungen unterstützen die formalen qualitätssichernden Vorgaben der Promotionsordnung: Jeder Promovend muss den Besuch eines Doktorandenseminars nachweisen; die Promotionskommission ist vollständig unabhängig und vergibt das Korreferat anonym; Begutachtung und Benotung erfolgen entsprechend den Empfehlungen des Wissenschaftsrates. Die medizinischen Doktorarbeiten, deren Ergebnisse in 60 Prozent der Fälle auch erfolgreich publiziert werden (ein Zeichen hoher Qualität) tragen auch in Lübeck dazu bei, dass medizinische Forschungsvorhaben einen Großteil der für die Lebenswissenschaften zu vergebenden DFG-Fördermittel der Universität einwerben.

Ein regelmäßiger Kritikpunkt besteht darin, dass mit der Arbeit an der medizinischen Promotion in der Regel vor dem Staatsexamen begonnen wird. Tatsächlich fangen Doktoranden in Lübeck ihre Arbeit meist erst im 4. Studienjahr an, was auch in anderen Studiengängen prinzipiell möglich ist. Da Qualität aber nur entstehen kann, wenn ausreichend Zeit vorhanden ist, ist das Lübecker Curriculum so organisiert, dass die vorlesungsfreie Zeit ungestört für eine Promotion genutzt werden kann. Darüber hinaus widmen sich die meisten Lübecker Medizindoktoranden zwei Semester ausschließlich ihrer Arbeit (vor oder auch nach dem Staatsexamen), so dass Bearbeitungszeiten resultieren, die in der gleichen Größenordnung liegen wie in anderen Fächern.

Diskussion versachlichen

Bei jeder Promotion, und zwar unabhängig von der Fachrichtung, muss die Qualität im Mittelpunkt stehen. Dafür trägt jede einzelne Fakultät die Verantwortung. Durch entsprechende Maßnahmen muss sie dafür sorgen, dass nur die geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten mit der Promotion beginnen und dass diese dann in bestmöglicher Weise strukturell unterstützt werden. Die Fakultät stellt schließlich durch ein objektives und transparentes Begutachtungsverfahren die individuelle Qualität einer Promotionsarbeit fest und damit sicher. Die zurzeit stattfindenden Gespräche zwischen Vertretern der Hochschulrektorenkonferenz und des Medizinischen Fakultätentags werden mit großer Wahrscheinlichkeit dazu beitragen, eine bislang von Vorurteilen geprägte Diskussion zu versachlichen. Damit besteht die Hoffnung, dass wir in Zukunft gemeinsam den Qualitätsstandard der Promotion in Deutschland weiter verbessern und auch sichtbar machen können. Dies ist wichtig, denn exzellente Doktorandinnen und Doktoranden sind die Voraussetzung für erfolgreiche Wissenschaft in Deutschland.

Dr. phil. Karen Sievers,
Universität zu Lübeck,
Studiengangskoordinatorin Humanmedizin

Prof. Dr. med. Karl-Friedrich Klotz,
Universität zu Lübeck, Vorsitzender der Promotionskommission der Sektion Medizin

Prof. Dr. med. Jürgen Westermann,
Universität zu Lübeck,
Studiengangsleiter Humanmedizin

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