ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2016Körperbilder: Pablo Picasso (1881–1973) – Lebensfülle und Erneuerung

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Pablo Picasso (1881–1973) – Lebensfülle und Erneuerung

Dtsch Arztebl 2016; 113(19): U3

Schuchart, Sabine

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Pablo Picasso: „La Femme enceinte“ („Die schwangere Frau“), Vallauris, 1950–15 mars 1959, Bronze, 109 x 30 x 34 cm: Der Körper der Schwangeren ist aus vier konstituierenden runden Formen aufgebaut: Kopf, Brüsten und dem ausladenden Leib. Beim Modellieren der etwas mehr als halb lebensgroßen Figur ließ sich Picasso von den prallen Formen alltäglicher Gebrauchsgegenstände leiten: Drei Wasserkrügen, einem größeren und zwei kleineren, die er in den Gips einfügte, um den aufgetriebenen Bauch und die Brüste darzustellen. Im späteren Bronzeguss verschmelzen diese zu einem in sich geschlossenen, ebenmäßigen Frauenkörper, der durch seine plastische „Gefäßhaftigkeit“ fasziniert. © RMN-Grand Palais/ Mathieu Rabeau © Succession Picasso 2016

Françoise Gilot, Picassos 40 Jahre jüngere Gefährtin der Nachkriegszeit, hat erzählt, was ihn zu seiner Skulptur „Femme enceinte“ veranlasste: Eine „Form von Wunschdenken“, so Gilot, nachdem sie seine Sehnsucht nach einem gemeinsamen dritten Kind nicht erfüllen wollte. Gilot, die einzige Frau, die den weltberühmten Künstler aus eigenem Entschluss verließ und nicht von ihm verlassen wurde, lebte von 1948 bis 1953 mit ihm in Vallauris in Südfrankreich. Es waren die Jahre, in denen sich Picasso mit großer Intensität seinem plastischen Werk widmete und dabei von den technischen Fertigkeiten der Werkstätten in Vallauris, seit der Antike ein berühmter Ort der Keramikherstellung, profitierte. Neben Picassos Atelier lag ein großes Feld, auf das Töpfer ihre Abfälle warfen und das er regelmäßig nach Fundstücken durchstöberte. Mit seinem großartigen Gespür für die latente Gestalt von Gegenständen inspirierten ihn diese zu immer neuen Kunstwerken, so auch „Femme enceinte“. Aus den verformten Tonkrügen, um die er den gewölbten Frauenkörper modellierte, schuf er einen bildnerischen, mit zahlreichen Bedeutungen aufgeladenen Archetypus: Gefäße als Symbol der Fruchtbarkeit und des weiblichen Körpers, für die Lebensfülle und Erneuerung des Lebens, aber auch für den menschlichen Körper als Gefäß des Geistes und der Seele und für dessen Zerbrechlichkeit. Die Krüge dienten ihm also nicht nur zur Generierung der Form, sondern als plastische Metaphern, mit denen er dem Betrachter wie in einem Gleichnis eine bestimmte Erfahrung von Wirklichkeit vermittelte.

Bei der hier abgebildeten Bronze handelt es sich um die zweite Version von Picassos „Schwangerer“ aus den 1950er Jahren. Sie unterscheidet sich von der früheren Figur, die heute im Besitz des Museum of Modern Art in New York ist, vor allem durch ihre ausgearbeiteten Füße. Die erste Version, so Gilot respektlos in ihren Erinnerungen, „hatte fast keine Füße, schwankte gefährlich und die Arme waren zu lang. Sie machte auf mich immer den Eindruck einer Kind-Frau, deren Abstammung vom Affen erst jüngsten Datums war.“ Beide Femmes enceintes sind aktuell in einer faszinierenden Skulpturenschau des Meisters im Pariser Musée Picasso zu sehen. Sabine Schuchart

Ausstellung

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„Picasso.Sculptures“

Musée national
Picasso-Paris,
5 rue de Thorigny,
75003 Paris;
Di.–Fr. 11.30–18 Uhr,
Sa./So. 9.30–18 Uhr;

www.museepicas-soparis.fr

bis 28. August 2016

Virginie Perdrisot u. a.: „Picasso. Sculptures“, Katalog zur Ausstellung, Sprache: Französisch, 356 S., Somogy Editions 2016; za. 34 €;

Françoise Gilot: „Leben mit Picasso“, 352 S. , Diogenes 1987, 14 €.

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