ArchivDeutsches Ärzteblatt25/1999„Euthanasie„ und ärztliche Beihilfe zum Suizid – Verurteilt: Jack Kevorkian alias „Dr. Death„

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„Euthanasie„ und ärztliche Beihilfe zum Suizid – Verurteilt: Jack Kevorkian alias „Dr. Death„

Dtsch Arztebl 1999; 96(25): A-1708 / B-1448 / C-1348

Benzenhöfer, Udo

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LNSLNS Dr. Jack Kevorkian wurde von einem Schwurgericht im amerikanischen Bundesstaat Michigan wegen Mordes verurteilt, weil er einen schwerkranken Mann auf dessen Verlangen durch eine Injektion getötet hatte.
Jack Kevorkian wurde am 28. Mai 1928 in Pontiac (Michigan) als Sohn armenischer Immigranten in bescheidenen Verhältnissen geboren (1, 2, 3). Nach dem Besuch der High School in Pontiac studierte er Medizin an der University of Michigan in Ann Arbor. Er schloß das Studium 1952 erfolgreich ab. 1953/54 leistete er Militärdienst als "Medical Officer" in Korea. Anschließend spezialisierte er sich im Fach Pathologie.
Seinen Spitznamen "Dr. Death" erhielt er schon Mitte der 50er Jahre im Detroit Receiving Hospital. Nach eigener Aussage untersuchte er nachts auf "Death Rounds" moribunde Patienten. Er war offensichtlich vom Phänomen des Todes fasziniert. 1956 publizierte er eine Studie im angesehenen American Journal of Pathology, aus der hervorging, daß er am Michigan Medical Center den Augenhintergrund von sterbenden und gerade gestorbenen Menschen fotografiert hatte, um eine Methode zur genauen Feststellung des Todeszeitpunktes zu finden. 1956 schlug er vor, an zum Tode verurteilten Verbrechern medizinisch zu experimentieren. Ein 1958 vor der American Association for the Advancement of Science in Washington gehaltener Vortrag über dieses Thema erregte Aufsehen. Es wurde ihm nahegelegt, die University of Michigan zu verlassen. Von 1959 bis 1966 arbeitete er als Pathologe am Pontiac General Hospital. Wiederum erregte er Aufsehen, diesmal durch seine Versuche zur Transfusion von Leichenblut auf Lebende. Von 1970 bis 1976 war Kevorkian Leiter der Pathologischen Abteilung des Saratoga General Hospital in Detroit. Bis zu dieser Zeit verfaßte er auch drei schmale Bücher: eine kurze Geschichte der medizinischen Sektion, einen philosophischen Traktat und ein mit Limericks gespicktes Diät-Buch. 1976 gründete Kevorkian eine Filmproduktionsfirma. Er verlegte seinen Wohnsitz nach Los Angeles und drehte einen Film über Händels "Messias" (der allerdings nie gezeigt wurde). 1979 war er kurz als Pathologe in Owosso (Michigan) angestellt. Seit 1986 lebt Kevorkian in Royal Oak (Michigan) im wesentlichen von Sozialhilfe und Ersparnissen.
"Euthanasie" war für ihn spätestens seit Mitte der 80er Jahre ein wichtiges Thema. 1987 hielt er sich kurz in den Niederlanden auf, um sich über die "Euthanasie"-Praxis dort zu informieren. Im Juni 1987 inserierte er in Regionalzeitungen und bot "Death Counseling" für terminal Kranke an. Zeitungen und Agenturen verbreiteten diese Nachricht und machten ihn überregional bekannt. In einem 1988 in "Medicine and Law" erschienenen Beitrag schlug er vor, "Obitoria" einzurichten, in denen Menschen auf Verlangen von Ärzten "euthanasiert" werden könnten. Im Zuge seiner Überlegungen zu diesen "Sterbestätten" konzipierte Kevorkian Ende der 80er Jahre eine "Todesmaschine", die er zunächst "Thanatron", dann "Mercitron" nannte. Es war ein Injektionsapparat, der, vom Sterbewilligen mittels eines Schalters bedient, elektromotorgetrieben über einen intravenösen Zugang zunächst Thipental und dann Kaliumchlorid injiziert. 1989 hatte er das erste "Mercitron" fertiggestellt (auch dies wurde durch Presse und Fernsehen rasch bekannt). Damit waren die Voraussetzungen geschaffen, um zu Amerikas berühmtestem "Sterbehelfer" zu werden. "Medizid"
Am 4. Juni 1990 verhalf Kevorkian der 54jährigen Janet Adkins aus Portland (Oregon) zum Tode. Janet Adkins, die an Morbus Alzheimer litt, hatte Ende 1989 über ihren Ehemann Kontakt mit Kevorkian aufgenommen, auf seinen Rat hin nahm sie - ohne Erfolg - vom Dezember 1989 bis März 1990 an einem Behandlungsprogramm mit einem neuentwickelten Medikament teil. Kevorkian, der nie eine psychiatrische Ausbildung genossen hatte, beurteilte sie trotz ihrer Alzheimer-Krankheit als "mental competent", nur ihr Gedächtnis habe gelitten. Er dokumentierte den Sterbewunsch der Frau auf Video. Der erste "Medizid" mittels "Mercitron" fand in Kevorkians VW-Bus auf einem Campingplatz in der Nähe von Holly (Michigan) statt. Er hatte zuerst daran gedacht, ihn in einem Heim oder in einer Klinik vorzunehmen, doch alle Einrichtungen, die er diesbezüglich fragte, lehnten (verständlicherweise) sein Ansinnen ab. In Michigan gab es, anders als in Oregon, dem Staat, aus dem Janet Adkins stammte, kein Gesetz, das Beihilfe zum Suizid verbot.
Mordanklage
Dennoch wurde Kevorkian am 3. Dezember 1990, also sechs Monate nach dem von ihm gemeldeten Suizid von Janet Adkins, wegen Mordes angeklagt. Er wurde kurzzeitig inhaftiert, doch am 13. Dezember 1990 stellte der zuständige Richter in Clarkston (Michigan) das Verfahren ein. Der Staatsanwalt ging in die Berufung. In einem von diesem Verfahren unabhängigen Zivilprozeß lehnte es eine Richterin zunächst ab, dem Begehren der Staatsanwaltschaft zu entsprechen und eine einstweilige Verfügung zu erlassen, die Kevorkian daran hindern sollte, vor einer endgültigen gerichtlichen Klärung weiteren Menschen Beihilfe zum Suizid zu leisten. Im Februar 1991, zwei Monate nach der Einstellung des Verfahrens gegen Kevorkian wegen Mordes, erließ dieselbe Richterin dann jedoch eine einstweilige Anordnung, die ihm weitere "Medizide" in Michigan zunächst untersagte.
Doch trotz dieses Verbotes leistete Kevorkian weiter Beihilfe zum Suizid. Nur noch eine Patientin starb dabei durch das "Mercitron", die weiteren "Medizide" wurden mittels einer ebenfalls von Kevorkian entwickelten Kohlenmonoxyd-Methode verübt. Ein Kanister mit Kohlenmonoxyd wurde dabei mit einer Gesichtsmaske verbunden. Nach dem Öffnen eines Zuleitungsventils (in einer später entwickelten Variante mußte nur noch eine Heftklammer entfernt werden, die den Zuleitungsschlauch abklemmte) atmeten die Sterbewilligen das tödliche Kohlenmonoxyd ein.
Nur wenige Wochen, nachdem Kevorkian am 23. Oktober 1991 zwei Frauen Beihilfe zum Suizid geleistet hatte, wurde ihm im November 1991 die Approbation als Arzt in Michigan entzogen (Kevorkian war damit aber immer noch in Kalifornien, seinem zweiten Wohnsitz, approbiert; die Approbation in Kalifornien wurde ihm dann 1993 entzogen). Weger dieser "Medizide" Nr. 2 und 3 entschied eine Grand Jury im Februar 1992, Kevorkian wegen Mordes anzuklagen, doch am 21. Juli 1992 wies der zuständige Richter in Rochester (Michigan) diese Anklage mit der Begründung ab, daß ärztliche Beihilfe zum Suizid in Michigan "kein Verbrechen" sei. Der Staatsanwalt legte Widerspruch gegen dieses Urteil ein. In der Folgezeit half Kevorkian drei weiteren Menschen zum Suizid.
Ende November 1992 verabschiedete das House of Representatives in Michigan ein wenig später vom Senat bestätigtes Gesetz, wonach Beihilfe zum Suizid in Michigan strafbar werden sollte. Das Gesetz sollte am 1. April 1993 in Kraft treten. Doch zuvor wurde Kevorkian erneut aktiv, sieben weitere "Medizide" (die meisten betrafen Krebspatienten) folgten bis zum 18. Februar 1993 (4, 5). Die Politiker in Michigan reagierten: Das Gesetz, das Beihilfe zum Suizid unter Strafe stellte, wurde im Sinne einer einstweiligen Anordnung am 25. Februar 1993 mit sofortiger Wirkung in Kraft gesetzt. Am 7. Dezember 1994 beschloß der Senat von Michigan, daß das bislang nur vorläufig geltende Gesetz, das Beihilfe zum Suizid untersagte, dauerhaft gültig sein sollte. Das House of Representatives schloß sich dem wenig später an. Doch Kevorkian ließ sich von diesen legislativen Initiativen der Politiker in Michigan nicht von weiteren "Mediziden" abhalten. Am 24. Juli 1996 reichte Kevorkian, der inzwischen 33 Patienten beim Suizid assistiert hatte, eine Petition beim US-Supreme Court ein. Er wollte ein höchstrichterliches Urteil über die Frage der Zulässigkeit der ärztlichen Beihilfe zum Suizid erreichen. Doch der Supreme Court lehnte die Annahme des Verfahrens ab. Damit war die Debatte um eine Gesetzesänderung in Michigan nicht abgeschlossen. 1998 wurde ein Gesetzentwurf vorgestellt, der es Ärzten erlaubt hätte, Patienten tödliche Mittel zu verschreiben (damit wäre natürlich das Gesetz, das direkte Beihilfe zum Suizid verbot, de facto aufgehoben worden). Doch in der Volksabstimmung vom 3. November 1998 wurde dieser Entwurf (29 Prozent pro; 71 Prozent contra) abgelehnt (6). Wohl als Reaktion darauf übergab Kevorkian Ende November 1998 dem US-Fernsehsender CBS ein Videoband, das zeigte, wie er am 17. September 1998 einem sterbewilligen 52jährigen Mann, der an Amyotropher Lateralsklerose litt, eigenhändig ein tödliches Mittel injizierte. Kevorkian hatte damit die Grenze von der Beihilfe zum Suizid zur aktiven Tötung unzweifelhaft überschritten. Bei der Übergabe des Bandes sagte er zu Reportern, daß er seine Festnahme provozieren wollte, um so die öffentliche Debatte über "aktive Euthanasie" zu befördern.
CBS zeigte am 22. November 1998 Ausschnitte aus dem Band. Am 23. November 1998 erhob die Staatsanwaltschaft von Oakland Mordanklage gegen Kevorkian. Ende März 1999 wurde er verurteilt (7). Das Strafmaß wurde am 13. April festgelegt: zehn bis 25 Jahre Freiheitsstrafe. Die Karriere des "Dr. Death" ist damit zu Ende (8).


Literatur
1. Betzold M: Appointment with Doctor Death. Troy, 1993.
2. Brovins J, Oehmke T: Dr. Jack Kevorkian’s RX: Death. Hollywood, 1993.
3. Kevorkian J: Prescription Medicide. Buffalo, 1991.
4. Roberts CS, Gormann M: Euthanasia. A Reference Handbook. Santa Barbara, 1996.
5. Otlowski M: Voluntary Euthanasia and the Common Law. Oxford, 1997, S. 94-95.
6. "Update November/December 1998" der "International Anti-Euthanasia Task Force" (Internet: http://www.iaetf.org.).
7. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. März 1999: 19.
8. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. April 1999: 13.


Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Dr. phil. Udo Benzenhöfer
Abteilung Medizingeschichte, Ethik und Theoriebildung in der Medizin
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover

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