ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2016Klinische Forschung: Ärztlicher Nachwuchs versiegt

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Klinische Forschung: Ärztlicher Nachwuchs versiegt

Dtsch Arztebl 2016; 113(19): A-901 / B-765 / C-749

Richter-Kuhlmann, Eva

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Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann, Politische Redaktion
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann, Politische Redaktion

Ärztinnen und Ärzte werden künftig eine Rarität in der klinischen Forschung sein! Eine solche Hypothese mag (noch) provokant klingen – sie beruht aber auf Tatsachen, denen es jetzt entgegenzusteuern gilt.

Denn Fakt ist: Nachwuchsärzte wollen nur noch selten Forscher werden. Das untermauert ein Artikel in der jüngsten Ausgabe der „Beiträge zur Hochschulforschung“ (Heft 1–2/2016). In ihm verweist ein Autorenteam auf mehrere Umfragen unter Medizinstudierenden, die ein sinkendes Interesse an einer wissenschaftlichen Karriere zeigen. Lediglich zwei Prozent der Befragten konnten sich in einer dieser bundesweiten Erhebungen vorstellen, in die klinische Forschung zu gehen.

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Wo liegen die Ursachen? „Unzureichend“ sei die Vermittlung von Forschungsaspekten im regulären Medizinstudium, meinen die Autoren, zu denen unter anderem der Münchener Bildungsforscher Prof. Dr. Manfred Prenzel, Vorsitzender des Wissenschaftsrates, gehört. Bereits vor zwei Jahren hatte der Rat, der als Beratergremium der Politik fungiert, Empfehlungen zur Reform des Medizinstudiums gegeben. Diese beinhalteten verpflichtende Forschungserfahrungen schon von Beginn des Studiums an sowie strukturierte Programme für Doktoranden.

Die Realität der ärztlichen Ausbildung sieht jedoch anders aus: Während der Blick sorgenvoll auf den Ärztemangel in Kliniken und Praxen gerichtet ist, entwickelt sich die Forschung stillschweigend zu einem Randphänomen im Medizinstudium. Stattdessen konzentrieren sich im Medizinstudium die Ausbildungsinhalte zunehmend auf die praktische ärztliche Tätigkeit. Straffe und verschulte Lehrpläne erschweren den forschungsinteressierten Studierenden die Integration einer experimentellen Doktorarbeit. Zudem erhöht die Reglementierung der Studienzeit die Hürde, die Regelstudienzeit zugunsten der Forschung zu verlängern. Die Quelle des ärztlichen Nachwuchses für die klinische Forschung versiegt.

Auch später, während der Facharztweiterbildung, wird es aufgrund einer steigenden klinischen Belastung immer schwieriger, neben der Krankenversorgung zu forschen und eine wissenschaftliche Weiterbildung zu absolvieren. Lukrativ ist es übrigens auch nicht: Als einen wesentlichen Faktor für das schwindende Interesse an der klinischen Forschung nennen Studierende den Mangel an attraktiven Langzeitperspektiven. Im Vergleich zur Tätigkeit im Krankenhaus gibt es in der Forschung trotz der Einführung von Tenure-Track-Programmen zu wenig langfristige Karriereoptionen sowie nur deutlich geringere Verdienstmöglichkeiten.

Nach den Empfehlungen des Wissenschaftsrates zur Weiterentwicklung des Medizinstudiums fordert jetzt der Medizinische Fakultätentag (MFT) an allen Fakultäten strukturierte Programme zur Qualitätssicherung der medizinischen Promotionen. Diese sollen eine reine Forschungszeit von mindestens neun Monaten und klare Anforderungen zur Auswahl, Betreuung und Bewertung der Medizin-Promovierenden und ihrer Forschungsarbeiten beinhalten. Der MFT hofft, damit neben einer Qualitätssteigerung der Doktorarbeit auch eine Förderung des forschenden ärztlichen Nachwuchses zu erreichen. Dieser Ansatz ist gut, dennoch sind weitere Maßnahmen notwendig, beispielsweise Freiräume im Lehrplan der Medizinstudierenden und während der Weiterbildung, die es ermöglichen, einen individuellen Akzent auf die Forschung zu setzen.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
Politische Redaktion

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Sonntag, 22. Mai 2016, 14:59

Forschung und Entwicklung? Fremdworte für den MB!

Dass Nachwuchsärzte in Deutschland nur noch selten Forscher werden wollen, hat sicher auch etwas mit der Realität inner- und außeruniversitärer Rahmenbedingungen und der emotionalen Vermittlung durch die Hochschullehrer zu tun.

Der Marburger Bund (MB) forderte jedoch wörtlich auf seiner 129. Haupt­ver­samm­lung: "Das Medizinstudium sollte von Beginn an universell und kompetenzbasiert gestaltet werden und müsse sich mehr am späteren Alltag in den Kliniken und Einrichtungen der ambulanten Versor­gung ausrichten. "Die Studierenden müssen fächerübergreifend ausgebildet werden und von Beginn an mit Patienten und realen Behandlungsgeschehen in Berührung kommen".
http://www.marburger-bund.de/landesverbaende/mb-studenten/artikel/allgemein-pressemitteilungen/2016/aerzte-medizinstudium-staerker-am-spaeteren-arbeitsalltag-ausrichten

Damit hat der größte deutsche Ärzteverband (MB) als Verband der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte Deutschlands e.V. offensichtlich nicht mehr auf dem Schirm, dass Grundlagen- und Anwendungsforschung essenzielle Voraussetzungen für Evidenz-basiertes ärztliches Handeln darstellen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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