ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2016Klug entscheiden: Evidenzreport notwendig
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Es ist zu begrüßen, dass sich jetzt auch die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin darauf besinnt, dass es Über- und Unterversorgung mit medizinischen Leistungen in Deutschland gibt. Die Zusammenstellung der Empfehlungen im DÄ (warum wird eigentlich einer isolierten Fachgesellschaft ein solcher Raum zur Publikation eingeräumt?) erinnert aber doch etwas an das Prinzip „GOBSAT“: good old boys sitting around a table: „Bei Erwachsenen über 60 Jahre soll eine Influenzaimpfung durchgeführt werden.“ Wo ist der Evidenzreport, der eine solche Empfehlung begründet? Wo die Auseinandersetzung mit den Studien, die gezeigt haben, dass die Evidenz für ein Verteilen der Grippeimpfung gewissermaßen mit der Gießkanne äußerst ungenügend ist. Choosing wisely würde hier bedeuten, der Verschwendung von Ressourcen Einhalt zu gebieten und Risikogruppen zu definieren, die am ehesten von der Impfung profitieren.

„Bei jüngeren und therapierefraktären Patienten soll auch nach endokrinen Ursachen einer Bluthochdruckerkrankung gesucht werden.“ Eine Hypertonie habe in bis zu zehn Prozent der Fälle endokrine Ursachen. Auch hier wieder die Frage: Mit welcher Evidenz werden hier Aussage und Empfehlung begründet? Solche Empfehlungen entstammen überwiegend einem hochspezialisierten Setting. Die Perspektive des Hausarztes, mit deutlich weniger Selektionseffekt, zeigt hier ein ganz anderes Bild. Die Empfehlung zur generellen Abklärung von Hypertonie-Ursachen bei jüngeren und therapierefraktären Patienten bedeutet hier eben keine kluge Entscheidung, sondern erneut Verschleuderung von Ressourcen.

„Ein Ultraschallscreening auf Schilddrüsenveränderungen bei älteren Menschen soll nicht durchgeführt werden.“ Es ist erfreulich, dass jetzt auch Endokrinologen zurückhaltender werden mit ihren Empfehlungen. Die Beschränkung auf ältere Menschen wird aber auf keine Weise begründet. Es fehlen an dieser Stelle Empfehlungen gegen die generelle Behandlung einer latenten Hypothyreose, gegen die generelle szintigraphische Abklärung von Schilddrüsenknoten, gegen die Bestimmung von Calcitonin und Schilddrüsen-Antikörpern.

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Solide Empfehlungen zum Abbau von Über- und Unterversorgung benötigen eine solide Recherche. Deren systematisches Zustandekommen muss durch einen Evidenzreport transparent nachvollziehbar dargestellt werden. Sonst produzieren

sicherlich gut gemeinte Empfehlungen neue Fehler in der Versorgung. Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) ist dabei, in einem systematischen Verfahren die evidenzbasierten Empfehlungen ihrer eigenen wie der Nationalen Versorgungsleitlinien zu sichten und darauf hin zu überprüfen, ob sie für den Abbau von Über- und Unterversorgung relevant sind. Auf das Ergebnis darf man gespannt sein.

Literatur beim Verfasser

Dr. med. Günther Egidi, 28209 Bremen

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