ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2016Klug entscheiden: Der Weg ist noch lang
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) ist für ihre Bemühungen zu loben. Im Vergleich mit dem US-amerikanischen Original der Empfehlungen bleiben die deutschen Negativempfehlungen allerdings merkwürdig zurückhaltend:

  • Die Warnung vor einem Schilddrüsen-Screening wird entgegen der eigenen Argumentationslinie (Überdiagnostik und Übertherapie in Südkorea) auf ältere Patienten begrenzt.
  • Im Vergleich mit den US-Empfehlungen entfallen leider die Warnungen vor übertriebener Vitamin-D-Diagnostik ebenso wie die vor mehrfach täglichen Blutzuckermessungen bei Diabetikern ohne hypoglykämiesierende Medikation.

Andererseits werden munter Positivempfehlungen ohne ausreichende Evidenzbasierung formuliert:

  • Eine Suche nach Hyperaldosteronismus sollte tatsächlich auf therapierefraktäre Hypertonien beschränkt werden. Die Forderung nach routinemäßiger hormoneller Abklärung junger Hypertoniker wird noch nicht einmal in der – traditionell forschen – ESC-Leitlinie erhoben. Eine Häufigkeit von zehn Prozent Hyperaldosteronismus unter Hypertonie-Patienten in der Primärversorgung ist schlicht absurd. Für realistische Angaben von Prävalenzen sind retrospektive Studien und solche aus der Tertiärversorgung ungeeignet.
  • Diabetiker-Schulungen zur Wahrnehmung von Hypoglykämien machen nur Sinn, wenn diese eine hypoglykämisierende Medikation erhalten.

Immerhin ist eine Empfehlung der DGE lobend zu erwähnen: Die Warnung vor einer Levothyroxin-Dauertherapie bei Struma nodosa. Hier besteht in der Tat noch ein erhebliches Potenzial zur Vermeidung von Überdiagnostik und Übertherapie.

Anzeige

Gerade als niedergelassener Hausarzt, der die oft extensive Auslastung der O-III-Laborbudgets über Jahre mitfinanzieren musste, wünscht man sich auch im Interesse der Patienten eine evidenzbasierte Vermeidung von Überdiagnostik und Übertherapie. Ein Anfang ist gemacht, aber der Weg scheint noch lang.

Literatur beim Verfasser

Dr. med. Uwe Popert, 34119 Kassel

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige
Anzeige