ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2016Umgang mit Misserfolg: Raus aus dem Jammertal!

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Umgang mit Misserfolg: Raus aus dem Jammertal!

Dtsch Arztebl 2016; 113(20): [2]

Kutscher, Patric P.

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Natürlich gibt es Situationen, die nicht gut laufen. Ebenso oft aber wird gejammert um des Jammerns willen. Welche Strategien Ärzte nutzen können, um lösungsorientiert in die Zukunft zu blicken, ohne den Sinn für das Mögliche zu verlieren.

Foto: Fotolia/jameschipper
Foto: Fotolia/jameschipper

Ein wirkliches Scheitern darf durchaus beklagt werden, solange es dem Arzt gelingt, danach wieder in produktiv-konstruktive Bahnen zu gelangen. Oft gibt es aber auch Situationen, in denen jeder entscheiden muss, ob das Glas halb voll oder halb leer ist.

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Psychische Hindernisse müssen nicht sein

Angenommen, die Klinik steht davor, eine große Herausforderung zu bewältigen. Wer sich nun auf das halb leere Glas fokussiert, läuft Gefahr, sich selbst durch das Bejammern der Situation zu blockieren und mentale Barrieren aufzubauen, die sich nur schwer überwinden lassen. Wer immer der Meinung ist, etwas könne gar nicht funktionieren, baut ein psychisches Hindernis auf.

Zielführender ist es, die Haltung einzunehmen, das Glas sei halb voll. Was heißt das konkret? Prof. Dr. Bernhard Brehm, Chefarzt am Herz-Neuro-Zentrum-Bodensee, schlägt vor, „die herausfordernde Situation zu analysieren und daraus ein Handlungsziel abzuleiten, um sich anschließend konkrete Umsetzungsschritte und Aktivitäten zu überlegen, die die Zielerreichung ermöglichen. Hierbei gilt es, auch unterschiedliche konstruktive Lösungsszenarien zu erarbeiten“.

Pessimismus kann auch motivieren

Doch in der Regel ist Differenzierung angesagt: Denn die Klage, das Glas sei halb leer, kann bei manchen Menschen auch zu einem Motivationsschub führen, während die Überzeugung, das Glas sei halb voll, das gemütlich-bequeme Sich-Zurücklehnen nach sich zieht: „Ich habe ja noch über zwei Wochen Zeit, den wichtigen Vortrag für den Ärztekongress vorzubereiten.“ Diese optimistische Haltung lässt den Arzt die Ausarbeitung des Vortrags immer wieder verschieben. Die Jammerhaltung hingegen, es stünden ja „nur noch“ zwei Wochen zur Verfügung, treibt den Arzt an und veranlasst ihn, sich frühzeitig an die Vortragsausarbeitung zu begeben. Die Klage wirkt dann nicht hemmend, sondern als Ausgangspunkt für den Entschluss, an der Situation etwas zu verändern.

Situationen des Scheiterns umfassen meistens auch Impulse, die einen Beitrag zur Weiterentwicklung eines Menschen leisten. Denn wer scheitert, dem sind seine Grenzen aufgezeigt worden, der hat akzeptieren müssen, dass er auch Schwächen hat und er Vorhaben an die Wand fahren kann. Wenn aber ein Ereignis, wenn eine Situation zu solchen Einsichten führt: Darf und sollte dieses Ereignis überhaupt mit dem Begriff „Misserfolg“ in einen Zusammenhang gebracht werden?

„Immerhin konnte so ein Lernprozess angestoßen werden“, gibt Brehm zu bedenken. „Ärzte, die über Misserfolge jammern, müssen nicht um jeden Preis nach dem Positiven suchen. Sie sollten aber vielleicht auch nicht von einem Misserfolg reden, sondern eher über ein Resultat, das auf dem Weg zum Ziel erreicht wurde.“ Das Resultat war selbstverständlich nicht erwünscht, es ist aber lediglich ein Zwischenschritt, ein Umweg, durch den sich der Arzt nicht von seinem grundsätzlichen Ziel abbringen lässt.

Lösungs- statt Problemorientierung

Trotzdem: Die Gefahr „unerwünschter Resultate“ ist, dass sich ein Arzt, der zum Jammern neigt, nur schwer von einem Problem abwenden kann. Es stellt sich die Frage, wie es gelingt, den Schwerpunkt wieder auf die Problemlösung auszurichten. „Eine Möglichkeit, eine Anti-Jammer-Strategie umzusetzen, besteht darin, das Problem in ein Ziel umzuformulieren“, schlägt Brehm vor. „Menschen, die eher problemorientiert denken, fällt das natürlich schwer. Sie sollten sich daher an eine Person ihres Vertrauens wenden und mit diesem Vertrauten das Problem durchsprechen, und zwar mit dem Ziel, Lösungen zu entwickeln.“

Konkretes Beispiel: Ein Arzt klagt – zu Recht – über die hohe zeitliche Belastung in der Klinik. An dieser Situation wird er zumindest kurzfristig nichts ändern können. Im Gespräch mit einem befreundeten Arzt, der ähnliche Probleme hat, gelingt es ihm, sich aus der Jammersituation zu befreien. Der Freund schlägt vor, gemeinsam eine Störquellenanalyse durchzuführen und möglichen Zeitdieben auf die Spur zu kommen, also Situationen, in denen sich der Arzt uneffektiv verhält. Das Ziel: „Ich finde heraus, wo ich Zeit sparen und effektiver nutzen kann.“

Gespräch mit einem Außenstehenden

Durch diese Akzentverschiebung ist der Arzt nun in der Lage zu erkennen, dass er sich nicht hilflos mit der Situation abfinden muss, sondern es die Chance gibt, sie zu verbessern. „Durch das Gespräch mit einem Außenstehenden, der seine Bedrängnis nachvollziehen kann, ist es gelungen, sich von der belastenden Situation zu distanzieren und das konstatierte Problem lösungsfokussiert anzugehen“, führt Brehm aus.

Ärzte mit Personalverantwortung, die dazu neigen, sich im Jammertief aufzuhalten, sollten darauf achten, Kollegen und Mitarbeiter mit dem Jammervirus nicht zu infizieren. Und wenn im Team Mitarbeiter sitzen, die bei jeder Gelegenheit das betonen, was nicht so gut läuft, sollte der Arzt das Gespräch mit dem Nörgler suchen, auf dass dieser nicht andere zum Jammern animiere. Denn ansonsten kann rasch eine schlechte Stimmung entstehen. „Der Arzt fordert den Mitarbeiter, der sich ständig und vehement beklagt, am besten auf, der Darstellung der betrüblichen Situation immer auch eine realistische und konstruktive Problemlösung folgen zu lassen“, meint Brehm. Wiederum ist entscheidend, bei der Jammerei nicht stehen zu bleiben, sondern sie in produktive lösungsorientierte Bahnen zu lenken.

Umgang mit jammernden Mitarbeitern

Dabei sollte der Arzt dem Jammerer, aber darüber hinaus dem gesamten Team die Vorteile des Fokussierens auf Problemlösungen vor Augen stellen, insbesondere dann, wenn das Team Gefahr läuft, sich von der Jammerei des Kollegen anstecken zu lassen. Dem Arzt muss klar sein, dass sich zum Jammern tendierende Mitarbeiter nicht von heute auf morgen verändern können.

Ein geeignetes Instrument, die Jammerhaltung aufzubrechen, ist, auf erreichte Erfolge hinzuweisen und zu betonen, dass es oft gelungen sei, schwierige und komplexe Herausforderungen zu bewältigen.

Patric P. Kutscher

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