ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2016Von schräg unten: Schlechte Nachricht

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Schlechte Nachricht

Dtsch Arztebl 2016; 113(20): U3

Böhmeke, Thomas

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Dass der Überbringer schlechter Nachrichten stellvertretend für die unliebsame Meldung zur Rechenschaft gezogen wird, ist historisch zwar vielfach verbürgt, bleibt aber trotz allem ungerecht. Dass im Altertum der Bote unliebsamer Neuigkeiten schon mal nach Verkünden der Botschaft gemeuchelt wurde, erkläre ich mir durch ein Missverständnis: Aristoteles hat, Ursache und Wirkung ergründend, die causa finalis formuliert. Letztere wurde wohl gelegentlich etwas zu weit, sozusagen wörtlich ausgelegt, im Falle der Nachrichtenübermittlung eindeutig zum Nachteil des Boten. Glücklicherweise haben wir, die wir unseren Schutzbefohlenen mitunter unangenehme Diagnosen unterbreiten müssen, diese Zeiten überstanden.

Was Ursache und Wirkung anbelangt, bin ich mir dessen nicht so sicher. Ein älterer Herr mit schwerer ischämischer Kardiomyopathie sitzt vor mir und beklagt sich: „Meine Brustdrüsen sind so geschwollen, und seit ihr Kollege die mir mit Ultraschall untersucht hat, tun die richtig weh!“ In Gedanken bin ich von der Sorgfalt meines Kollegen äußerst angetan; den Medikamentenzettel des Patienten überprüfe ich, ob das für die schmerzhafte Gynäkomastie verantwortliche Präparat nicht mehr eingenommen wird. „Außerdem wollte ich Ihnen das immer schon sagen: Mein Leid fing genau in dem Augenblick an, als Sie im Ultraschall gesehen hatten, dass ich herzkrank bin!“ In Gedanken war ich damals von der Intensität höchst beeindruckt, mit der er seine vaskulären Risikofaktoren gehegt und gepflegt hatte; in Worten teile ich ihm mit, dass ich mir schon bei der ersten Vorstellung große Sorgen um ihn gemacht hätte. „Und dann wurde es immer schlimmer: Sie haben den Herzkatheter bei mir gemacht!“ Welcher einen wahrlich katastrophalen Befund erbrachte. „Das war wohl nicht genug: Dann haben sie mich mit dem Rettungswagen in die Herzchirurgie gefahren!“ Es blieb mir ja angesichts der Schwere der Koronarerkrankung auch nichts anderes übrig. „Und das Schlimmste war: Ich bin noch am gleichen Tag operiert worden!“ An dieser Stelle darf ich meinen ausdrücklichen Dank an die kardiochirurgischen Kollegen entrichten, die gemäß dem Ernst der Situation sofort handelten. „Und das alles nur wegen Ihnen!“ Jetzt aber mal immer mit der Ruhe. Ursache und Wirkung gilt es genau zu präzisieren, ansonsten droht Unheil.

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Ich darf das an einem Beispiel erläutern: Kennt er die Chimu-Indianer? „Nein, wer soll das sein?“ Das war ein besonders blutrünstiger Stamm der alten Inka, die ihre Ärzte umzubringen pflegten, wenn ihnen Diagnose oder Therapie nicht passten. Was auch im aristotelischen Sinne weder zielführend noch zweckdienlich war. „Und was soll das jetzt?“ Ich will damit sagen, dass ich für seine Koronarerkrankung und die daraus entstandenen Probleme nun wirklich nicht verantwortlich bin. „Ja, das mag ja irgendwie sein, ... aber das mit den Chimu-Indianern, das glaube ich Ihnen nicht, da wollen Sie mir einen Bären aufbinden!“ Nein, will ich nicht. „Natürlich wollen Sie das! Ich habe nämlich von diesen Indianern noch nie gehört!“ Kein Wunder. „Wie, kein Wunder?!“ Sind längst ausgestorben.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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