ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2016Ärzte und Technik: Eine Frage der Vernunft

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Ärzte und Technik: Eine Frage der Vernunft

Dtsch Arztebl 2016; 113(20): A-951 / B-803 / C-787

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Wie wünschen sich die Patienten von heute ihre Ärzte? Wollen sie die für alle virtuellen Fälle per „google-glass“ und 3-D-Virtuality-Steuerung aufgerüsteten „Halbgötter“? Diese dann nicht mehr in weiß, dafür auf virtueller Augenhöhe? Wollen sie Mediziner, die ihre von der hyperintelligenten IBM-Datenbank „Watson“ eingeholten Diagnosevorschläge direkt in den PC kopieren, die automatisierten Therapievorschläge gleich mit? Reichen ihnen die dann per Klick beim Apotheker abgerufenen und an die Patientenadresse geschickten Medikamente, deren Wirkung später per App kontrolliert, eventuell „face to face-(time)“, also per „Bildschirm-Hausbesuch“ und Ferndiagnose nachreguliert wird?

Oder gilt das in Teilen der Öffentlichkeit oft heraufbeschworene andere Extrem: das des technik-feindlichen, Telematik-Chancen und die elektronische Gesundheitskarte blockierenden Fortschrittsverweigerers? Diese Grundhaltung wird im Zuge der E-Health-Gesetzgebung und der Maßgaben für die Einführung medizinischer Telematik und elektronischer Gesundheitskarte der Ärzteschaft unterstellt, wenn es um Zeitpläne und Umsetzung der Technik geht. Ein sicherlich bequemes Klischee, das im Zuge der digitaltechnischen Euphorie gern genutzt wird, sobald hinderliche kritische Vernunft ins Spiel kommt.

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Dabei kann der Vorwurf des digitalen Maschinenstürmers für den Arztberuf nicht greifen: Die Ausbildung zum Mediziner ist naturwissenschaftlich geprägt. Das Bild praktizierter „medizinischer Kunst“ beruhte nie auf pseudo-wissenschaftlicher Auslegung, sondern entspringt ideell dem Drang nach größtmöglicher Perfektion, die jede medizinische Intervention abverlangen kann – und wegen der möglichen negativen Konsequenzen auch muss.

Menschen, die sich auf eine so motivierte Ausbildung zum Mediziner einlassen, müssen sich nach derzeitigem Wissensstand mehr mit Technologie und deren Folgenabschätzung auseinandersetzen als das Gros anderer Berufe.

Daraus im Umkehrschluss darauf zu setzen, dass alles, was technisch möglich ist, auch gemacht gehört, ist wirklichkeitsfremd, im Zweifel sogar gefährlich. Zur Erinnerung: Die Verwendung pharmazeutischer und medizintechnischer Neuentwicklungen unterliegt äußerst strengen Kriterien, damit sie heilbringend für den Menschen genutzt werden können. Wo in der Geschichte diese Prämisse ärztlichen Handelns verlassen wurde, war das nicht nur für den Berufsstand, sondern auch für die Patienten und die Gesellschaft schädlich.

Insofern ist es gut, dass der ärztliche Berufsstand im Zuge der gesellschaftlich oft umgebremsten Digitalisierungs-Euphorie seine wissenschaftlich motivierte kritische Grundhaltung nicht verlässt. Konstruktive Kritik und die Forderung, im Sinne der Vertraulichkeit sensibler Patientendaten auf die Einhaltung der Anforderungen zu achten, wie es Ärzte und Krankenkassen jetzt gemeinsam im Rahmen ihrer Gesellschafterrolle in der gematik tun, ist folgerichtig, muss aber eventuell mit einem hohen Preis bezahlt werden: Können die von der gematik beauftragten Hersteller der technischen Infrastruktur ihre Zeitpläne auf Grund der gesetzten hohen Anforderungen nicht halten, drohen den gematik-Gesellschaftern für 2017 per Gesetz Haushaltskürzungen in Millionenhöhe. Wo bleibt da die Vernunft?

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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