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Kreativität: Geplante Geistesblitze

Dtsch Arztebl 2016; 113(21): [2]

Kutscher, Patric P.

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Wenn das Team tagt, um neue Ideen zu kreieren, sind Geistesblitze gefragt, insbesondere dann, wenn das sprichwörtliche „Brett vor dem Kopf“ die Teilnehmer daran hindert. Verschiedene Kreativitätstechniken sind dabei hilfreich.

Foto: iStockphoto
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Ein Lehrer einer Schule für Erwachsenenbildung malte einst einen Punkt auf die Wandtafel und fragte die Klasse, was das wohl sei. „Ein Kreidepunkt auf der Tafel, was sonst!“, war die einzige Antwort der erwachsenen Weiterbildungshungrigen. Als er dieselbe Übung mit einer Kindergartengruppe machte, war sein Erstaunen groß. Den Kindern fielen über 30 verschiedene Dinge ein, die gemeint sein könnten: „Ein zerquetschter Käfer, ein Auge, der Kopf eines Schafs, die Fantasie der quirligen Knirpse lief auf Hochtouren“, so der Lehrer.

Perspektive wechseln und quer denken

Kreativität hat viel damit zu tun, die Perspektive zu wechseln und auch einmal quer denken zu können wie die Kinder. So gelingt es, etwa eine Problemstellung aus einem ungewohnten Blickwinkel zu betrachten. Dr. Gabriele Feller-Heppt, die eine Praxisklinik für Dermatologie in Baden-Baden leitet, berichtet aus ihrer Erfahrung: „Es gibt Kreativitätstechniken, die insbesondere im Team Verwendung finden können, indem die Teilnehmer motiviert werden, den Perspektivwechsel zu wagen und die Gesetze der Logik hinter sich zu lassen. Auch wenn es sich um Ärzte handelt, die natürlich gerne in rationalen Bahnen verbleiben.“

Der Journalist Robert Wieder hat gesagt: „Jedermann kann sich über Mode in einer Boutique oder über Geschichte in einem Museum informieren. Der kreative Entdecker sucht nach Geschichte im Eisenwarenladen und nach Mode im Flughafen.“

Jede Kultur, jede Branche, jede Institution betrachtet die Dinge auf ihre Weise: „Wie würde das Problem in einem anderen Kulturraum gelöst? Was bedeutet das für uns und unsere Klinik?“ So lassen sich Geistesblitze zwar immer noch nicht herbei kommandieren, sie werden aber doch wahrscheinlicher.

Dies ist zum Beispiel bei der Reizbildtechnik der Fall. Hier nutzen die Teilnehmer der Kreativitätssitzung Bilder, die mit dem eigentlichen Problem und der eigentlichen Herausforderung und Aufgabenstellung nichts zu tun haben. Auf diese Weise wird das Gehirn aber angeregt, mit ungewöhnlichen Ideen aufzuwarten.

Nehmen wir als Beispiel einen umfassenden Veränderungsprozess, der in der Klinik ansteht. Dazu hat der Leiter der Sitzung Magazine und Zeitschriften aus den unterschiedlichsten Bereichen bereit gelegt: Mode, Boulevard, Sport, Natur. Jeder Teilnehmer blättert ein Magazin durch und lässt sich inspirieren. Eine Alternative: Die Gruppe wählt ein Magazin nach dem Zufallsprinzip aus und legt sich auf ein Foto fest. „Nun kann die Gruppe darüber diskutieren, ob das Bildmotiv eine Bedeutung für den Veränderungsprozess hat“, schlägt Feller-Heppt vor.

Interessant in diesem Zusammenhang ist die Duden-Variante: Dieser wird an einer beliebigen Stelle aufgeschlagen. Das erste Stichwort rechts oben ist dann der assoziative Auslöser oder Schlüsselreiz für die Beantwortung der Fragen: „In welcher Beziehung steht das Wort zu dem Veränderungsprozess? Welche Gemeinsamkeiten gibt es? Wie lässt es sich auf unsere Problemstellung übertragen?“

Mit Teamarbeit zu neuen Ideen

Es gibt auch Kreativitätstechniken, die ganz nah dran sind am eigentlichen Thema. So nennt jedes Gruppenmitglied Begriffe, die ihm zu dem Veränderungsprozess einfallen. Der Leiter notiert diese Begriffe auf der Tafel, sie werden dann stets zu Zweier-Kombinationen verknüpft. Das Team nutzt diese Wortkombinationen, um sich Anregungen für den Veränderungsprozess zu holen. Oder: Jedes Teammitglied notiert auf Zetteln so viele Begriffe wie möglich, und zwar pro Zettel ein Begriff. Nun werden zwei Zettel gezogen, um die so entstandenen Wortpaare für die Frage zu nutzen, wie sich der Veränderungsprozess umsetzen lässt.

„Da es zuweilen vorkommt, dass sich nicht jeder in der Gruppe traut, auch sehr ungewöhnliche Begriffe zu äußern, sollten die Zettel eingesammelt und gemischt werden“, meint Feller-Heppt. „Dann weiß niemand, von wem ein Begriff stammt. Der Leiter sollte bei Bedarf überlegen, wie sich die Nennung von Ideen anonymisieren lässt.“

Verschiedene Fragestellungen führen zu Lösungsideen

Bevor das Team nach Lösungen sucht, sollte es Gedankenschmalz darauf verwenden, verschiedene Fragestellungen zu finden. Der Grund: Verschiedene Fragestellungen führen zu unterschiedlichen Lösungsideen. In diesem Zusammenhang hilft die Umkehrtechnik weiter. Beispiel: Wenn eine Klinik die Patientenbindung erhöhen will, wird die Frage diskutiert: „Was müssen wir tun, damit die Patienten zufriedener sind?“ Mithilfe der Umkehrtechnik wird die Fragestellung geändert: „Was müssen wir tun, um die Patienten zu vergraulen?“ Diese ungewöhnliche Fragestellung führt oft zu kreativeren Ideen, weil das Team die Problematik aus einer gänzlich anderen Perspektive beleuchtet. Natürlich müssen die Teilnehmer die „Vergraul“-Strategien dann nutzen, um Methoden zu finden, die zum eigentlichen Ziel, der Patientenbindung, beitragen.

Feller-Heppt verweist darauf: „Es liegt in der Verantwortung des Leiters der Kreativitätssitzung, die Fragestellung so zu verändern, dass das Team möglichst viele innovative Ideen finden kann.“

Die besten Ideen kommen an ungewöhnlichen Orten

Oft haben wir die besten Ideen an ungewöhnlichen Orten oder in einer nicht vertrauten Umgebung. Darum ist es zielführend, wenn die Kreativitätsaktivitäten auch außerhalb der Klinik stattfinden. Der Leiter der Sitzung gibt dazu eine Art Hausaufgabe auf: „Wie würde Ihre achtjährige Tochter, wie Ihr achtzehnjähriger Sohn einen Veränderungsprozess angehen? Fragen Sie Freunde und Bekannte: Welche Regeln brechen sie, um eine Veränderung zu verwirklichen? Was tun sie, wenn an ihrem Arbeitsplatz eine Veränderung ansteht?“

Eine andere Möglichkeit: Der Sitzungsleiter schickt die Teilnehmer auf Erkundigungstour: Während der eine Arzt eine Bäckerei oder Metzgerei aufsucht, geht der andere in ein Restaurant und der dritte, falls möglich, ins Gefängnis, natürlich nur auf Besuch.

Sinn und Zweck der Entdeckungsreisen ist es natürlich, zu schauen, wie „es“ andere machen und sich von der unbekannten Umgebung anregen zu lassen. Natürlich darf dem Prozess nichts Zwanghaftes anhaften. „Die Teilnehmer sollten sich der Problemlösung stets spielerisch annähern, indem sie das Selbstverständliche hinterfragen und überdies provokativ denken“, sagt Feller-Heppt.

Patric P. Kutscher

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