ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2016Junge Ärzte: „Achtung: Wir sind die Zukunft!“

POLITIK

Junge Ärzte: „Achtung: Wir sind die Zukunft!“

Dtsch Arztebl 2016; 113(21): A-1022 / B-859 / C-843

Richter-Kuhlmann, Eva

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Auf einem Satellitensymposium beim 119. Deutschen Ärztetag in Hamburg verwiesen Nachwuchsärzte vieler Fachgruppen auf drängende Probleme in den Kliniken: Arbeitsverdichtung sowie wenig Freiräume für eine eigene Familie und Forschung.

Foto: Fotolia/Syda Productions
Foto: Fotolia/Syda Productions

Es ist ein Novum: Der Deutsche Ärztetag ist in diesem Jahr erstmalig von einem gemeinsamen Symposium des Bündnisses Junger Ärzte und der Bundes­ärzte­kammer begleitet worden. „Gemeinsames Handeln“ und „Kommunikation untereinander“ waren auf dem Satellitensymposium zur Zukunft der Medizin am 23. Mai in Hamburg auch die Schlagworte, die alle Diskussionsrunden zu den drei angesetzten Themenkomplexen „Arztsein in Zeiten der Arbeitsverdichtung“, „Kind und Klinik“ sowie „Forschung und Weiterbildung“ prägten.

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„Wir haben in Deutschland über die Ärztekammern die einzigartige Möglichkeit, unseren Beruf mitzugestalten“, betonte Dr. med. Heidrun Gitter, Präsidentin der Ärztekammer Bremen, bereits in der ersten Diskussionsrunde. Sie rief den Nachwuchsärzten zu: „Schließen Sie sich den Kammern an und fordern Sie mit ihnen Ihre Rechte ein!“

Mit Sorge um die Zukunft der Medizin in den deutschen Kliniken hatten diese zuvor auf die zunehmende Arbeitsverdichtung im Gesundheitssystem und die nach ihrer Ansicht „bedenklichen Auswirkungen“ auf die Patientenversorgung und den Arztberuf verwiesen.

„Wir haben den Anspruch an uns, eine moderne und menschlich zugewandte Medizin zu machen. Doch durch den zunehmenden ökonomischen Druck werden Krankenhäuser zur Prozessoptimierung gezwungen und reagieren mit Personaleinsparungen“, erklärte Dr. med. Matthias Krüger, Sprecher des chirurgischen Nachwuchses im Berufsverband der Deutschen Chirurgen. Zwangsläufig komme es zu einer sich zuspitzenden Arbeitsverdichtung. „Ärzte dürfen nicht zum Renditefaktor verkommen“, warnte er. „Wir sind Leistungserbringer, nicht Kostenfaktoren!“

„Medizin neu denken“

Zugleich bemängelte der Chirurg stellvertretend für die Nachwuchsmediziner anderer Fachrichtungen im Bündnis Junger Ärzte die unzureichende Abbildung wichtiger Aspekte im DRG-System, veraltete Technik und fehlende Infrastruktur an den Krankenhäusern sowie eine Überflutung der Ärzte mit Dokumentations- und Organisationsaufgaben. „Es muss den vorhandenen Ärzten ermöglicht werden, ihre Zeit auf ihre Kernkompetenzen zu begrenzen und nicht-ärztliche Aufgaben zu delegieren“, betonte Krüger. Er forderte eine Reform der Arbeitsabläufe, innovative Arbeitszeitmodelle sowie eine verstärkte Investition der Kliniken in effizientere IT-Systeme. „Wir müssen Medizin neu denken: interdisziplinär und multiprofessionell!“

Unterstützung erhielt Krüger vom Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery: „Das Kerngeschäft der Ärzte lässt sich nicht substituieren – wohl aber Dokumentationsaufgaben“, bestätigte er. „Wir brauchen andere Arbeits- und Finanzierungsmodelle.“ Dies fordere der Marburger Bund seit Jahren. „Wir versuchen ständig eine Ehrlichkeit in dieser Richtung in Politik und Gesellschaft anzustoßen“, betonte Montgomery.

Widerspruch kam vom Vorstandsvorsitzenden der IKK Südwest, Roland Engehausen: „Die zunehmende Arbeitsverdichtung ist nicht arzttypisch“, meinte er. Auch die Arbeitnehmer in anderen Branchen hätten dieses Problem. Bei den Medizinern sei zudem vieles hausgemacht: „Die Ärzte behindern sich selbst. Sie können nicht loslassen und Aufgaben delegieren sowie substituieren“, sagte er. Auf die Grenzen der Kapazitäten der Pflegekräfte verwies Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerates: Nicht aufgrund ihrer Tätigkeiten, sondern aufgrund eines stetigen Personalmangels seien viele Pflegekräfte frustriert und stiegen nach einigen Jahren aus dem Beruf aus. „Da stimmt etwas im System nicht!“

Potenzial im Gesundheitswesen sieht Dr. med. Matthias Raspe, Sprecher der Jungen Internisten in der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, bei der Konzentration der Ärzte auf die „innersten ärztlichen Tätigkeiten“, zu denen auch die Weiterbildung gehöre. Krankenhäuser und ambulante Einrichtungen, die Weiterbildung leisten, müssten diese vergütet bekommen. „Wir fordern andere Arbeitszeitmodelle, auch für die Ärzte in Weiterbildung“, sagte er.

Zwar gebe es viele Vorschläge dafür, wie junge Ärztinnen und Ärzte ihre Weiterbildung und ihren Beruf mit Familie und Kindern vereinbaren können, jedoch viel zu wenige Maßnahmen, findet Dr. med. Hannah Arnold, Sprecherin der Jungen Urologen. „Das Hauptproblem liegt in den Köpfen: Die alten Hierarchien bestehen dort noch!“

Arnold sieht eine Lösung in einer offenen Kommunikation mit den Chefärzten: „Habt Mut! Redet miteinander und bietet Modelle für die Abteilung an!“, rief sie den jungen Kolleginnen und Kollegen zu. Das Bündnis Junger Ärzte fordert sowohl eine strukturelle als auch eine finanzielle Förderung der Vereinbarkeit des Berufes mit einer Familie, Kinderbetreuungskonzepte, die angepasst an ärztliche Arbeitszeiten sind, familienfreundliche Arbeitszeitmodelle sowie Stellenschlüssel an den Kliniken, die Schwangerschaftsvertretungen und Elternzeiten durch eine zeitnahe Einstellung von Ärzten ermöglichen.

Eine Hauptforderung der jungen Ärzte ist eine strukturierte Weiterbildung, die eine Familienplanung auch tatsächlich zulässt. „Wir brauchen eine Anerkennung auch kürzerer Weiterbildungsabschnitte“, erklärte Dr. med. Jürgen Konczalla, Sprecher der Jungen Neurochirurgen. „Auch eine Weiterbildung in Teilzeit muss anerkannt werden – das ist ansonsten ein Unding“, wandte er sich an die Bundes­ärzte­kammer und die Vertreter der Lan­des­ärz­te­kam­mern.

Dr. med. Markus Wenning, Geschäftsführender Arzt der Ärztekammer Westfalen-Lippe, zeigte Verständnis: „ Die bisherige Zeitenfixierung bei der Anerkennung der Weiterbildungszeiten ist tatsächlich eine Katastrophe“, räumte er ein. Dies werde jedoch mit der Novellierung der Weiter­bildungs­ordnung geändert, erklärte er. Der Fokus solle künftig auf den erworbenen Kompetenzen liegen. „Kompetenzen lassen sich zwar nicht so einfach protokollieren, aber wir als Lan­des­ärz­te­kam­mern müssen es gangbar machen, sagte Dr. med. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe.

Auch jetzt haben die Ärztekammern bereits Spielraum bei der Anerkennung der Weiterbildungszeiten. „Reden Sie mit Ihrer Lan­des­ärz­te­kam­mer“ Nehmen Sie uns als Partner an!“, appellierte Dr. med. Ellen Lundershausen, Präsidentin der Ärztekammer Thüringen, an die Teilnehmer des Symposiums. Der Präsident der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern, Dr. med. Andreas Crusius, bot an: „Wenden Sie sich bereits bei Antritt Ihrer Weiterbildung an die Kammer.“ Teilweise hätten die Chefärzte noch gar nicht über alle Möglichkeiten der Absolvierung der Weiterbildungszeit an ihrer Klinik nachgedacht. „Dann können wir noch eingreifen und Ihnen helfen.“

Forschung und Klinik

Mehr Angebote und andere Strukturen wünschen sich auch diejenigen jungen Ärztinnen und Ärzte, die sich in der Forschung engagieren. „Forschende Nachwuchsärzte sind derzeit mit deutlichen Erschwernissen konfrontiert“, kritisierte Dr. med. Kevin Schulte, Sprecher der Jungen Internisten. Meist verlängere sich die Facharztweiterbildung und führe zu einer Zusatzbelastung auf Kosten der Work-Life-Balance. „Wir brauchen eine sinnvolle und verlässliche Verzahnung von Forschungsinhalten mit der Facharztweiterbildung“, forderte er.

Verständnis für dieses Anliegen erhielten die jungen Ärzte von Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein und Vorsitzender der Weiterbildungsgremien der Bundes­ärzte­kammer: „Mit der Novellierung der Weiter­bildungs­ordnung wollen wir weg von der Anerkennung von Zeiten und hin zu der Anerkennung von Inhalten und Kompetenzen“, erklärte er. Dann bliebe auch Zeit für die Forschung. Dr. med. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin, verwies auf das Modellprojekt „Clinical Scientist“ der Charité: 91 Nachwuchsärzte könnten in Berlin Forschung und klinische Weiterbildung miteinander verbinden. Prof. Dr. med. Annette Grüters-Kieslich von der Charité ging noch weiter: Auch die Grundlagenforschung sei nützlich in der Weiterbildungszeit, da man sich dabei ganz vertieft mit einem Detail auseinander setzen könne, sagte sie. „Forschung bringt junge Ärzte in jedem Fachgebiet weiter.“

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Bündnis Junge Ärzte

Das Bündnis JUNGE ÄRZTE gibt es seit drei Jahren. Verbands- und fachgesellschaftsübergreifend schlossen sich 2013 junge Ärztinnen und Ärzte verschiedener Fachrichtungen zusammen, um gemeinsam für eine bessere Patientenversorgung sowie für bessere Berufs- und Arbeitsbedingungen einzutreten. Mittlerweile sind Vertreter von 16 Fachgesellschaften und Berufsverbänden in dem Bündnis vertreten. Regelmäßig finden Treffen mit den Lan­des­ärz­te­kam­mern und dem Marburger Bund statt. Im vergangenen Jahr veranstaltete das Bündnis ein Symposium gemeinsam mit dem Marburger Bund, den Nachwuchsärzten in der Allgemeinmedizin (JADE) und der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd).

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