ArchivDeutsches Ärzteblatt22-23/2016119. Deutscher Ärztetag: Wissen, anwenden, wollen und tun

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119. Deutscher Ärztetag: Wissen, anwenden, wollen und tun

Dtsch Arztebl 2016; 113(22-23): A-1059 / B-891 / C-875

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Weltärztebund-Präsident Sir Michael Marmots viel beachtetes Grußwort an die Delegierten des 119. Deutschen Ärztetages in Hamburg zitierte Goethes Wilhelm Meister. Es war Appell und Herausforderung, adressiert an die Ärzteschaft: „Es ist nicht genug, zu wissen, man muß auch anwenden; es ist nicht genug, zu wollen, man muß auch tun.“

Damit lieferte der Brite Marmot – er selbst befasst sich seit Jahren mit der Kausalität zwischen sozialer Umwelt und Gesundheit – ein symbolträchtiges Leitmotiv, einen Überbau für das ärztliche Denken und Handeln, der nach Meinung der Ärzte angesichts aktueller Probleme im Gesundheitswesen wieder mehr Gewicht erhalten soll und zwangsläufig auch wird.

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Nicht, dass das Ärzteparlament seine Pflichten und das Gefühl für die aktuellen Notwendigkeiten aus den Augen verlor. Ob GOÄ-Novelle, medizinische Aus- und Weiterbildung, ob Telematik, Qualitätssicherung oder Forderungen an einschlägige Gremien und Organisationen: Was geregelt gehört, wurde diskutiert – in manchen Punkten durchaus divers und mit entsprechender Härte. Am Ende standen Beschlüsse, die die Weiterentwicklung oder den Fortbestand des freien ärztlichen Daseins als übergeordnetes Ziel beibehalten.

Aus der Retrospektive wirkt der zum Auftakt gestartete Versuch einiger Delegierter, das Parlament zur Abwahl des Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer zu bewegen, für viele als Unwetter. Was folgte, war eine schnell aufklarende Atmosphäre und damit Raum für vorbehaltlose Entscheidungen in einem würdigen parlamentarischen Umfeld.

Dass ärztliches Wissen, gepaart mit medizinethischer Grundsolidität, klare Positionen zu hochpolitischen Debatten nicht nur erlaubt, sondern sogar erfordert, zeigen die Beschlüsse zum Umgang mit den Patienten, die aus Krisengebieten geflohen sind und hier in Deutschland Asyl suchen. Ärztliches Handeln, das wurde in Hamburg sehr deutlich gemacht, unterscheidet nicht: Der Patient ist Mensch, als solcher wird er behandelt.

Noch weit deutlicher wurde das auf dem Ärztetag auch in der Haltung der Delegierten zur fortschreitenden Öko­nomi­sierung medizinischer Versorgung. Was gefordert wurde, war nicht traumtänzerisch, nicht wirklichkeitsfremd. Durchaus konkret waren die Maßstäbe, die man fortschreitender Personaleinsparung in der Versorgung entgegen setzen will. Sehr deutlich waren die Redebeiträge, die eine Unzufriedenheit mit den Einschränkungen im Krankenhausalltag zulasten der Patientenversorgung deutlich betonten. Es war nicht zu überhören: Die Entscheidung für den Patienten, die Umsetzung und Freiheit medizinischen Handelns sind die Prämissen, die eine sinnvolle tägliche Arbeit abfordert. Heilen, nicht ökonomischer Erfolg muss die Grundlage bleiben. Das wird, außer vielleicht einigen Aktien-Shareholdern, kaum jemand anders sehen.

Deutschlands Ärzteschaft hat, auch wenn in der breiten Öffentlichkeit immer wieder mediale Spitzen gesetzt wurden, in Hamburg wieder deutlich gemacht, dass man sich als Berufsgruppe en gros daran hält, ethisch verantwortlich zu agieren. Ganz im Sinne des Marmot’schen Goethe-Zitats, das auffordert, Wissen ethisch anzuwenden, das eigene Handeln daran auszurichten und dort, wo es erforderlich wird, sich auch gesellschaftlich dafür stark zu machen.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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Dr.S.Gruener
am Dienstag, 7. Juni 2016, 00:53

Wohlfühlpostille DÄB

Das Ärzteblatt ist seinem Ruf als Vorstandswohlfühlpostille wieder einmal gerecht geworden - der chefredakteurliche Kommentar hinterlässt Zweifel, ob Herr Maibach-Nagel Beobachter derselben Veranstaltung gewesen ist.

So wird der "Abwahlversuch" "einiger Delegierter" - realiter weit über 80, die diesen Punkt auf die Agenda heben wollten - als eine atmosphärische Störung euphemisiert, welche "Raum für vorbehaltlose" Entscheidungen ermöglicht haben soll.

Tatsächlich stellt der "Abwahlversuch" einer doch eher gehorsam-konservativen Ärzteschaft - und dann auch noch in der hanseatischen Heimat Montgomerys - eine erschütternde Ohrfeige dar. Diese erstaunliche Singularität ist die logische Antwort auf das GOÄ Neu Desater, für das der Ärztekammerpräsident bis heute keine Verantwortung übernehmen will.



Ebenso kein Wort über die verächtlichen Bemerkungen an die GOÄ Neu Kritiker und die sardonische Empfehlung des neuen Verhandlungsführers, doch einfach ins Ausland zu expedieren, wenn einem die GOÄ Neu nicht passen würde. Herr Reinhardt nahm diese Entgleisung nur einen Tag später - vermutlich aus Angst vor einem ärztlichen Massenexodus - zwar zurück, bezeichnete die GOÄ Neu Gegner jedoch weiterhin als Fundamentalisten, die sich nicht an den gegebenen politischen Gegebenheiten orientieren würden.
Nur kurz streift der geneigte Chefredakteur die irritierende Aussage des Herr Reinhardt, das die Bundesärztekammer nur durch die Politik und nicht durch den eigentlichen Sovereign, i.e. die Landesärztekammern und die Ärzte selbst, bevollmächtigt worden sei, die GOÄ Neu zu gestalten - seiner Meinung sei es lächerlich von ärztlichen Kollegen zu hören, die die BÄK nicht für legitimiert hielten für die "Ärzteschaft" zu verhandeln.

Reinhardts Mandatierungsmodell verwundert - dies wäre genauso als würde der Gesetzgeber (Verordnungsgeber: Verkehrsminister) auf die Idee kommen, eine komplizierte neue StVO nicht von eigenen Beamten, sondern - kostensparend - vom ADAC schreiben zu lassen. Haben sich die Väter des Grundgesetzes das wirklich so vorgestellt ?

Dies erklärt vermutlich, warum die Vorgaben des Deutsche Ärztetag in Düsseldorf an die BÄK auch weiterhin nicht berücksichtigt werden: 2014 wurden der BÄK unmissverständlich drei wesentliche Vorbedingungen zur Weiterentwicklung der GOÄ als Gebührenordnung des freien Berufes Arzt auf den Weg gegeben: Einen Inflationsausgleich (hier ruderte Herr Windhorst bereits 2014 zurück), den Erhalt des individuellen Steigerungsfaktors (hier wird es statt dessen einen sog. Robustsatz geben) und keine EBMisierung (auch ist das GOÄ Neu immanente GBA Äquivalent Geko mit dem 5,8% Steuerungssatz das genaue Gegenteil der damaligen Entschließung). Man kann nach Hamburg definitiv davon ausgehen, dass jetzt keine dieser drei Vorbedingungen eingehalten werden. Trotz der im Zentralorgan der BÄK erwähnten "vorbehaltlosen Entscheidungen" - Patienten und Ärzte haben weiterhin eine GOÄ Neu verdient, bei der die PKV nicht vorab mit dem Rotstift an Bord ist."


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