ArchivDeutsches Ärzteblatt22-23/2016Von schräg unten: Doppeldeutig

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Doppeldeutig

Dtsch Arztebl 2016; 113(22-23): [68]

Böhmeke, Thomas

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Viele Patienten tun sich schwer mit uns. Sogar das Ablegen weißer Kittel und der damit implizierten Hybris kann die Gräben, die sich zwischen ihnen und uns auftun wie Dehiszenzen unverheilter Frakturen, nicht schließen. Es mag daran liegen, dass wir Wörter wie NSTEMI, Pentaerythrityltetranitrat oder pT1G3M0N0 benutzen, die mehr an Massenkarambolagen unschuldiger Buchstaben und Zahlen denken lassen als an mitfühlende Anteilnahme bedrohlicher Erkrankungen.

So etwas mag niemand, und daher ist es kein Wunder, dass unsere Schutzbefohlenen besagte Fachtermini subversiv unterlaufen, uns quasi den Spiegel vorhalten und uns bisweilen in höchst gekonnter Form karikieren. Wie ich heute in der Sprechstunde in Erfahrung bringen darf. Was er denn für ein Herzmedikament nehmen würde, möchte ich von einem älteren Herrn wissen. „Ja, ich nehme jeden Morgen eine Tablette Metropol, äh, Monopol!“ Ein wunderschönes Beispiel dafür, dass unsere Patienten durchaus mitbekommen haben, dass die herstellende Firma vor etlichen Jahrzehnten durch kostenintensive Öffentlichkeitsarbeit eine Vormachtstellung ihres Produktes für den deutschen Markt erzielt hat. Ich werte diese Verunglimpfung des Substanznamens als dezenten Hinweis, man möge mit den Versichertengeldern doch etwas zielgerichteter umgehen. Und welchen Blutfettsenker nimmt er, will ich wissen. „Na, was denn schon: Infiniti!“ Besser kann man das von unbekannter Seite gern gestreute Missverständnis, dass eine relative Risikoreduktion von 40 Prozent den Substanzkonsumenten 40 Jahre länger leben lässt, nicht satirisch auf den Punkt bringen.

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Die Nächste, bitte. Dieser Patientin war vor Jahren gemäß Schnittbilddiagnostik auf den Kopf zugesagt worden, ebendieser sei von Schlaganfällen völlig durchlöchert. Und, gibt es zwischenzeitlich Neuigkeiten? „Ja! Ich war mal wieder zum Kern spinnt!“ Mehr braucht sie mir nicht zu erläutern. Ihre freimütige Umformulierung der MRT-Diagnostik lässt vermuten, dass die beschriebenen lakunären Infarkte jetzt nicht mehr nachweisbar sind, stimmt’s? „Ja, klar!“

Gelegentlich muss ich aber, wenn Missverständnisse auftreten, korrigierend eingreifen. Wie beim nächsten Patienten, den ich vor einer Woche zur Herzkatheteruntersuchung in eine große Klinik geschickt hatte, dies aufgrund dringenden Verdachtes auf eine vorderwandmordende LAD-Stenose. Und, was kam dabei heraus? „Also, Sie hatten völlig Recht, die haben mich umgehend detoniert!“ Nein, bitte nicht. Die verwendeten Dilatationsballons können sich nicht beliebig erweitern, sondern haben Sollbruchstellen, falls der Druck zu hoch ist. „Ah, das ist gut! Genauso gut ist, dass Ihre Kollegen meinten, ich bräuchte keinen Vibrator!“ Er solle sich doch kein Beispiel an kürzelverliebten Medizinern nehmen; es heißt Defibrillator. Aber natürlich freue ich mich mit ihm, dass sich der linke Ventrikel wieder so gut erholt hat. Und, hat er weitere Termine bekommen? „Ja, in einem halben Jahr soll ich noch mal hin. Aber wenn es irgendwie geht, ambulant!“ Wenn kein erhöhtes Risiko erkennbar ist, ist das machbar. Aber warum will er nicht wieder stationär aufgenommen werden? „Ach, wegen der Viecher!“ Was für Viecher? Meint er etwa MRSA, ESBL und VRSA? „Genau! Auf Deutsch: Fläuse!“

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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