ArchivDeutsches Ärzteblatt22-23/2016Arzneimittel: Preise müssen sich am Nutzen orientieren

DEUTSCHER ÄRZTETAG

Arzneimittel: Preise müssen sich am Nutzen orientieren

Dtsch Arztebl 2016; 113(22-23): A-1070 / B-901 / C-885

Korzilius, Heike; Osterloh, Falk

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Der Ärztetag hat vor ausufernden Arzneimittelkosten gewarnt. Die Hochpreispolitik der Pharmaindustrie drohe die gesetzlichen Krankenkassen zu überfordern. Die Folge: Patienten erhielten nicht mehr die Arzneimittel, die sie benötigten.

Eindeutiges Votum: Die Delegierten sprachen sich gegen die willkürliche Festsetzung von Arzneimittelpreisen aus.
Eindeutiges Votum: Die Delegierten sprachen sich gegen die willkürliche Festsetzung von Arzneimittelpreisen aus.

Der 119. Deutsche Ärztetag warnte angesichts stetig steigender Arzneimittelpreise vor einer finanziellen Überforderung des Gesundheitssystems. Die Einsparerwartungen an das Arznei­mittel­markt­neuordnungs­gesetz (AMNOG) hätten sich nicht erfüllt, heißt es in einem Beschluss. Das Gesetz trat 2011 in Kraft und knüpfte erstmals den Preis neuer Arzneimittel an deren Zusatznutzen gegenüber bereits auf dem Markt befindlichen Medikamenten. Nur noch im ersten Jahr der Markteinführung, während der Phase der Nutzenbewertung, können die Pharmaunternehmen die Preise selbst festsetzen. Das angestrebte Einsparziel von 2,4 Milliarden Euro durch das AMNOG werde bei Weitem nicht erreicht, kritisierte das Ärzteparlament. Zugleich stiegen die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung jährlich um vier bis fünf Prozent. Bei einigen Arzneimitteln, vor allem in der Onkologie, lägen die Jahrestherapiekosten pro Patient bei 80 000 Euro oder mehr im Jahr.

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Der Ärztetag forderte deshalb den Gesetzgeber auf, die Grundlagen für die frühe Nutzenbewertung neuer Arzneimittel im Rahmen des AMNOG an die Kostenentwicklung anzupassen. Die Arzneimittelpreise müssten sich am evidenzbasierten Nachweis des patientenrelevanten Nutzens orientieren und den Beschlüssen des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) zum Zusatznutzen folgen. „Die derzeit freie, ausschließlich am Markt orientierte Preisfestlegung für Arzneimittel im ersten Jahr nach der Markteinführung durch den pharmazeutischen Unternehmer muss abgeschafft werden“, heißt es in dem Beschluss. Ansonsten sei die ausreichende und gerechte Versorgung der Patientinnen und Patienten mit Arzneimitteln gefährdet. Außerdem müssten sich die Ärztinnen und Ärzte darauf verlassen können, dass die Verordnung nutzenbewerteter Medikamente über das gesamte Anwendungsgebiet hinweg als wirtschaftlich gilt und sie keine Regresse fürchten müssen. Darüber hinaus forderte der Ärztetag, dass die Ärzte zeitnah und in verständlicher Form über die Ergebnisse der Nutzenbewertung informiert werden, damit sie deren Ergebnisse bei Therapieentscheidungen einbeziehen können. Marktrücknahmen der Pharmaunternehmen aus marktwirtschaftlichen Gründen sowie Lieferengpässen müsse der Gesetzgeber entgegenwirken.

<b>Wolf-Dieter Ludwig</b> im Interview zur Arzneimittelpreispolitik Start

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Wolf-Dieter Ludwig im Interview zur Arzneimittelpreispolitik

Vor der Abstimmung hatte der Vorsitzende der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig, die Preispolitik der Pharmaindustrie kritisiert. Nachdem die Arzneimittelpreise infolge des AMNOG zunächst für einige Jahre stabil geblieben sind, „steigen die Kosten seit 2013 jährlich um fünf Prozent an, in der Onkologie sogar um zehn Prozent“, erklärte Ludwig. Die Ursache dafür sei keine Zunahme der Verordnungen, sondern in erster Linie an Anstieg der Preise für patentgeschützte Spezialpräparate. Das meiste Geld werde in diesem Bereich für onkologische Präparate ausgegeben: für monoklonale Antikörper, Immuntherapien und Tyrosinkinaseinhibitoren.

Mondpreise oder nicht? Pharmavertreterin Birgit Fischer und Arzneimittelexperte Wolf-Dieter Ludwig waren unterschiedlicher Meinung über den Wert von Innovationen.
Mondpreise oder nicht? Pharmavertreterin Birgit Fischer und Arzneimittelexperte Wolf-Dieter Ludwig waren unterschiedlicher Meinung über den Wert von Innovationen.

Sehr privilegiertes System

Aufgrund der demografischen Entwicklung werde die Inzidenz onkologischer Erkrankungen zunehmen, erklärte Ludwig. In der Folge könne man davon ausgehen, „dass wir in den nächsten zwei bis drei Jahren wenigstens vierzig neue onkologische Arzneimittel haben werden“. Dabei werde es sich ausschließlich um zielgerichtete Wirkstoffe handeln. Klassische Zytostatika würden hingegen nicht mehr auf den Markt kommen.

In anderen Ländern sei das Problem hochpreisiger Onkologika noch größer. „Wir leben in Deutschland in einem sehr privilegierten System, in dem jedes Arzneimittel unabhängig vom Preis verordnet werden kann“, sagte Ludwig. In den USA müssten die Patienten die Kosten für Arzneimittel zu 20 bis 30 Prozent aus eigener Tasche zahlen. Dies könne dazu führen, dass sie ihre Häuser verkaufen müssten, oder dazu, dass manche die neuen Arzneimittel nicht erhielten. „Das führt zu einem erheblichen Ungleichgewicht in der Versorgung“, mahnte Ludwig.

Der AkdÄ-Vorsitzende sprach sich dafür aus, dass Ärzte die Preise neuer Arzneimittel nach den Preisverhandlungen zwischen GKV-Spitzenverband und Hersteller kennen sollten, „um abwägen zu können, ob der Wert dieses Arzneimittels hinsichtlich des Nutzens, aber auch hinsichtlich des Schweregrades der Erkrankung gerechtfertigt ist“. Welche Folgen das haben kann, zeigt ein Beispiel aus den USA, das Ludwig nannte. 2013 beschlossen Onkologen in New York, das neue Präparat Zaltrap zur Behandlung des fortgeschrittenen Kolonkarzinoms nicht einzusetzen. Zaltrap kostete 11 000 Dollar pro Monat und verlängerte das Leben der Patienten im Durchschnitt um 42 Tage. Der Hersteller senkte seinen Preis daraufhin um 50 Prozent.

Angesichts dessen forderte Ludwig „aggressive Strategien der Kostenbegrenzung“. Zudem müssten die neben dem AMNOG bereits existierenden Instrumente besser genutzt werden. Dies seien neben Therapiehinweisen für Ärzte die Durchführung von Kosten-Nutzen-Bewertungen sowie die Veranlassung von versorgungsrelevanten Studien, mit denen die Zweckmäßigkeit eines neuen Arzneimittels überprüft werden könne.

Gegen den Vorwurf, die Pharmaindustrie verlange vielfach Mondpreise, wehrte sich die Hauptgeschäftsführerin des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (vfa), Birgit Fischer. Das Gegenteil sei der Fall. Die Arzneimittelpreise in Deutschland näherten sich – auch als Folge des AMNOG – dem europäischen Durchschnittsniveau, teils lägen sie sogar darunter. Die Arzneimittelausgaben seien auch kein Kostentreiber in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV). Denn der Anteil der Arzneimittelausgaben an den Gesamtausgaben der GKV sei seit Jahren stabil, erklärte Fischer. Er habe 2008 mit 28,4 Milliarden Euro bei 18,8 Prozent gelegen. 2014 seien es mit 35,4 Milliarden Euro 17 Prozent gewesen.

<b>Birgit Fischer</b> im Interview zur Arzneimittelpolitik Start

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Birgit Fischer im Interview zur Arzneimittelpolitik

Die Sicht auf Innovationen als Kostentreiber verdränge die Begeisterung über neue Therapieoptionen, kritisierte die vfa-Geschäftsführerin. „Ihre Konzentration auf den Preis überrascht“, sagte Fischer an die Delegierten gewandt und verwies auf die therapeutischen Erfolge der Pharmaindustrie bei Indikationen wie HIV/Aids, Hepatitis oder in der Onkologie. Sie räumte ein, dass es ein Spannungsfeld zwischen Patientennutzen und Preisgestaltung gebe, gab aber zugleich zu bedenken, dass Innovationen medizinischen Fortschritt versprächen, der langfristig sogar Kosten sparen könne.

Pharmaunabhängigkeit, Lieferengpässe und Regresse – Joachim Suder, Detlef Schmitz und Uwe Lange (von oben nach unten) sprachen Probleme aus dem Versorgungsalltag an.
Pharmaunabhängigkeit, Lieferengpässe und Regresse – Joachim Suder, Detlef Schmitz und Uwe Lange (von oben nach unten) sprachen Probleme aus dem Versorgungsalltag an.

Dünne Argumentationsbasis

In der anschließenden Debatte dominierten dennoch klar die Gegner der Pharmapreispolitik. Manche Redner kritisierten Fischer direkt und beklagten ihre dünne Argumentationsbasis. Viele schlugen auch den Bogen zum ärztlichen Verordnungsalltag. „Wir brauchen innovative Arzneimittel, aber diese Art der Preisgestaltung macht den Einsatz von Innovationen unmöglich“, betonte der niedersächsische Allgemeinmediziner Uwe Lange. „Ich bin Hausarzt in eigener Praxis. Und ich werde mit Regressen bedroht.“ Manche Patienten kämen deshalb nicht in den Genuss der Behandlung mit neuen Arzneimitteln. Das sei eine direkte Folge der überbordenden, abzockenden Preisgestaltung, kritisierte Lange.

Dr. med. Joachim Suder, Kinderarzt aus Baden-Württemberg, forderte seine Kollegen zu einer eindeutigen Haltung auf: „Wir müssen klarer Position beziehen für eine vernünftige Preispolitik“, betonte er. Ansonsten drohe das deutsche Gesundheitssystem aus den Angeln gehoben zu werden. Den Ärzten bleibe daher nichts anderes übrig, als alle Verbindungen zur Pharmaindustrie zu kappen. „Wir sind Ärzte“, rief Suder aus. „Wir verdienen genug, um unsere Fortbildungen selbst zu bezahlen und uns von der Pharmaindustrie unabhängig zu machen.“

Detlef Schmitz, Kinderarzt aus Niedersachsen, wies auf das Problem der Lieferengpässe hin. „Bei manchen Generika führen niedrige Preise dazu, dass sich die Produktion auf nur wenige Anbieter konzentriert“, sagte er. Das habe bei bestimmten bewährten Medikamenten und Impfstoffen dazu geführt, dass sie zum Teil nur noch eingeschränkt lieferfähig seien oder ganz vom Markt verschwänden. „Manche wichtigen Medikamente sind heute nicht mehr zu bekommen“, warnte Schmitz. Es gebe Medikamente, die auf der WHO-Liste der unentbehrlichen Medikamente stehen und bei denen der Hersteller dennoch erkläre, es lohne sich nicht mehr, sie herzustellen. Zuvor hatte schon der AkdÄ-Vorsitzende Ludwig gemahnt, dass für wichtige generische Arzneimittel ein fairer Preis gezahlt werden müsse: „Die Rabattverträge dürfen das Preisniveau nicht so tief drücken, dass der Hersteller diese Medikamente nicht mehr herstellen will.“ Das sei eine Fehlentwicklung.

Prof. Dr. med. Reinhard Griebenow, Kardiologe aus Nordrhein, forderte die Pharmaunternehmen dazu auf, alle verfügbaren Daten aus ihren klinischen Studien zu veröffentlichen. Da sie dies nicht tue, habe sie sich selbst in eine „Glaubwürdigkeitskrise“ gebracht.

Und Dr. med. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin, wies darauf hin, dass die Pharmaindustrie zweistellige Renditen erwirtschafte. Da gebe es keinen Grund für die von vfa-Hauptgeschäftsführerin Fischer vorgetragene Opferhaltung. 2012 lagen Jonitz zufolge die Ausgaben für Arzneimittelforschung und -entwicklung in den USA bei 9,3 Milliarden Dollar, die Ausgaben für das Marketing bei 14,3 Milliarden Dollar und der Reingewinn bei 9,6 Milliarden Dollar. „Es wird mehr Gewinn erwirtschaftet, als in Forschung investiert“, kritisierte Jonitz.

Heike Korzilius, Falk Osterloh

FAZIT

TOP II: Arzneimittelpreisbildung

  • Steigende Arzneimittelpreise drohen das Gesundheitssystem zu überfordern.
  • Der Preis von neuen Medikamenten muss sich an deren Zusatznutzen orientieren.
  • Die Verordnung nutzenbewerteter Präparate darf nicht zu Regressen führen.
  • Die Ärzte müssen zeitnah über die Ergebnisse der Nutzenbewertung informiert werden.

Die Entschließungen zu TOP II im Internet: www.aerzteblatt.de/2016top2
Das gesamte Beschlussprotokoll im Internet: http://d.aerzteblatt.de/RN52

FAZIT

TOP II: Arzneimittelpreisbildung

  • Steigende Arzneimittelpreise drohen das Gesundheitssystem zu überfordern.
  • Der Preis von neuen Medikamenten muss sich an deren Zusatznutzen orientieren.
  • Die Verordnung nutzenbewerteter Präparate darf nicht zu Regressen führen.
  • Die Ärzte müssen zeitnah über die Ergebnisse der Nutzenbewertung informiert werden.

Die Entschließungen zu TOP II im Internet: www.aerzteblatt.de/2016top2
Das gesamte Beschlussprotokoll im Internet: http://d.aerzteblatt.de/RN52

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