ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2016Innovationsfonds: Ärzte monieren Webfehler

POLITIK

Innovationsfonds: Ärzte monieren Webfehler

PP 15, Ausgabe Juni 2016, Seite 254

Maybaum, Thorsten

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Versorgungsprojekte, die Fördergelder aus dem Innovationsfonds erhalten wollen, müssen Kassen als Partner vorweisen. Das scheint schwieriger als gedacht.

Innovationsfonds: Bernhard Gibis, KBV (links), und Holger Pfaff, Vorsitzender des Expertenbeirats des Fonds, wiesen auf offene Fragen und Probleme hin. Foto: KBV/Kahl
Innovationsfonds: Bernhard Gibis, KBV (links), und Holger Pfaff, Vorsitzender des Expertenbeirats des Fonds, wiesen auf offene Fragen und Probleme hin. Foto: KBV/Kahl

Der Innovationsfonds soll Ideen und Verbesserungen in die Regelversorgung bringen. Doch schon bevor die Antragsfrist für neue Versorgungsprojekte und Vorhaben für die Versorgungsforschung abgelaufen ist, werden erste Probleme deutlich. Auf einer Veranstaltung der Agentur deutscher Arztnetze (ADA) beklagten mehrere Netze, dass es schwierig sei, für Versorgungsprojekte Krankenkassen ins Boot zu holen.

Anzeige

Netzärzte berichteten, dass Kassen nach langen Verhandlungen und sogar Zusagen, ein Projekt zu begleiten, wieder von ihrer Position abgerückt seien. Deutlich wurde, dass es besonders problematisch ist, länder-, aber auch kassenartenübergreifend Projektpartner zu finden. „Die wollen miteinander nicht spielen“, hieß es. Offen sei auch die Frage, wie eng der Wortlaut des Gesetzes ausgelegt werde, wonach „in der Regel“ Krankenkassen eingebunden sein müssen, damit Projekte neuer Versorgungsformen über den Innovationsfonds förderfähig sind. So sei etwa unklar, ob bei länderübergreifenden Projekten eine Kasse – wie etwa eine AOK – als Partner ausreiche, auch wenn diese nur regional agiere.

Dr. med. Hans-Jürgen Beckmann, Vorstandsmitglied der ADA, und Dr. med. Bernhard Gibis von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) sprachen von einem „Webfehler“ im Gesetz. Gibis forderte, dass es innerhalb des Innovationsfonds die Möglichkeit geben müsse, dass Anträge ohne Kassenbeteiligung eingebracht und diese auch gezielt gefördert werden können. Den Fonds an sich hält er für wichtig. Die KBV habe das Vorhaben von Beginn an unterstützt. „Wir sind überzeugt davon, dass ein Forschungs- und Entwicklungsbudget in der Sozialversicherung notwendig ist“, sagte er.

Zuvor hatte Prof. Dr. Holger Pfaff, Vorsitzender des Expertenbeirats des Innovationsfonds, die Vertreter der Ärztenetze dazu angehalten, sich die Antragsvoraussetzungen im Detail anzusehen. Vor allem Ausschlusskriterien seien zu beachten. Bei Versorgungsprojekten müsse über den eigenen Tellerrand geschaut werden. Sie müssten über die Regelleistung hinausgehen, hinreichend Potenzial haben, dauerhaft in die Versorgung aufgenommen zu werden, und eine Verbesserung der sektorübergreifenden Versorgung bringen, führte er aus. Wesentliche Elemente sind für Pfaff Machbarkeit und Übertragbarkeit von Projekten auf andere Regionen. Der Wissenschaftler der Universität Köln räumte ein, dass es derzeit noch viele offene Fragen zum Verfahren und ungeklärte Rechtsauslegungen gebe. Antragstellern rät er, sich mit Fragen direkt an den Projektträger, die Deutsche Luft und Raumfahrt (DLR), Abteilung Gesundheitsforschung, zu wenden. Die zeitliche Umsetzung des Innovationsfonds hält er für „sportlich“. Ein großes Problem sieht er darin, dass die Mittel des Fonds nicht ins Folgejahr übertragen werden können. Der Gesetzgeber stellt mit dem Innovationsfonds in den Jahren 2016 bis 2019 jeweils 225 Millionen Euro für Projekte zu neuen Versorgungsformen bereit. Für die Versorgungsforschung stehen 75 Millionen Euro zur Verfügung.

41 Netze anerkannt

Positive Zahlen meldete die KBV über die Entwicklung anerkannter Netze. Derzeit gebe es bundesweit 41 davon. Rund 50 seien den Kassenärztlichen Vereinigungen zufolge anerkennungsfähig, erläuterte Gibis. Die Umsetzung laufe. Für ihn haben kurative Versorgungsstrukturen eine Evolutionskurve durchlaufen – von der Einzelpraxis über die Gemeinschaftspraxis und das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) bis hin zum Praxisnetz. „Für mich ist es eine logische Kette“, erklärte Gibis.

Multiprofessionelle Teams in der häuslichen Versorgung – wie bei der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung oder dem Home Treatment – nähmen zu. „Was wäre besser geeignet als Praxisnetze, diese Versorgungsformen organisieren zu können?“, sagte er und führte die Überlegung ins Feld, wonach man Praxisnetzen Gründer-
eigenschaften von MVZ zubilligen sollte. Er sei „ein Anhänger dieser Idee“, so Gibis.

Thorsten Maybaum

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema