ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2016Orthorexia nervosa: Vom Wahn der gesunden Ernährung

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Orthorexia nervosa: Vom Wahn der gesunden Ernährung

Koch, Joachim

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Orthorexia nervosa ist ein neuartiges Phänomen, das zuerst von dem amerikanischen Alternativmediziner Steven Bratman beschrieben wurde. Es ist noch keine anerkannte psychische Krankheit und weder im ICD noch im DSM verzeichnet. Bei der Orthorexia nervosa besteht ein Essproblem, das sich als zwanghaftes und übertrieben gesundheitsbewusstes Essverhalten beschreiben lässt. Abzugrenzen ist es zuerst von einem „vernünftigen“ gesundheitsbewussten Essverhalten, das heute immer noch jenseits des gesellschaftlichen Mainstreams von einer Minderheit von Personen gezeigt wird.

Das Autorenteam listet 15 Merkmale von Orthorexia nervosa auf: Bei den Betroffenen besteht eine starke Fixierung auf „gesunde“ Ernährung und eine fortwährende Beschäftigung mit dem Thema. Sie leiden an einer Art Wahn der Gesunderhaltung und einer starken Angst zu erkranken. Es wird ein rigider Ernährungsplan aufgestellt, bei Abweichungen kann es zu Selbstbestrafungen kommen. Das Essverhalten symbolisiert Kontrolle und Sicherheit. Die betroffenen Personen haben die Nahrungszubereitung und -aufnahme oft ritualisiert. Es besteht eine ideologische Einengung und die Personen fühlen sich moralisch überlegen.

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Eine Radikalisierung des Essverhaltens kann so aussehen, dass eine betroffene Person ausschließlich rohes Gemüse verzehrt, das sie aus Angst vor Verunreinigungen vollständig selbst anbaut. Die fehlende Balance in der Lebensmittelauswahl kann gravierende gesundheitliche Folgen haben, es kommt zu Mangel- und Fehlernährung sowie Untergewicht. Es kann zu einer sozialen Isolation und einer deutlich eingeschränkten Lebensqualität kommen.

An einem Fallbeispiel werden Unterschiede zwischen Orthorexia nervosa und Anorexie aufgezeigt: Eine Person mit Orthorexia nervosa zeigt keine Verzerrung des eigenen Körperbildes und hat auch nicht den Wunsch, schlank zu sein.

Im Buch wird in Bezug auf die Klassifikation der Orthorexia nervosa diskutiert, ob es sich eher um eine Essstörung oder eine Zwangsstörung beziehungsweise eine Kombination aus beidem handelt. Nach der Vorstellung von Instrumenten zur Messung von Orthorexia nervosa macht das Autorenteam erste Angaben zur Therapie. Die Therapie soll in einer interdisziplinären Perspektive stattfinden. Psychotherapie und Ernährungstherapie sind miteinander zu verknüpfen. Derzeit scheint eine Anlehnung an die Therapieempfehlungen für Ess- und Zwangsstörungen sinnvoll. Therapieteile können die Verhaltenstherapie mit Reizkonfrontation zur Behandlung der Angst vor Lebensmitteln sein, die fälschlicherweise als ungesund eingestuft werden, kognitive Verhaltenstherapie mit kognitiver Umstrukturierung sowie psychodynamisch-biografisches Vorgehen zur Stärkung des Selbstwertes. Joachim Koch

Christoph Klotter, Julia Depa, Svenja Humme: Gesund, gesünder, Orthorexia nervosa. Springer, Berlin 2015, 185 Seiten, kartoniert, 39,99 Euro

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