ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2016Medizin 4.0: Digitale Faszination

SEITE EINS

Medizin 4.0: Digitale Faszination

Dtsch Arztebl 2016; 113(24): A-1129 / B-945 / C-929

Beerheide, Rebecca

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Rebecca Beerheide, Ressortleiterin Politische Redaktion
Rebecca Beerheide, Ressortleiterin Politische Redaktion

Die Digitalisierung in der Medizin elektrisiert: Die riesigen neuen Datenwelten, die technischen Möglichkeiten in der Versorgung und die Vernetzung von hochspezialisierten Universitätskliniken mit ländlichen Regionen füllen in den vergangenen Wochen fast alle Veranstaltungsprogramme: Stiftungen, Verlagshäuser, gesundheits- wie parteipolitische Kongresse – jeder will dabei sein, wenn die Welt der Medizin 4.0 Fahrt aufnimmt. Subsumiert unter dem Begriff „E-Health“ arbeitet die Ärztin oder der Arzt künftig nur noch mit einem Tablet, die Sprechstunde findet per Skype statt und der Patient wird zum Datenmanager seiner Untersuchungs- und Fitnesswerte. Verwaltet und gesichert sind die Daten riesige Wolken, neu-deutsch Cloud.

Wie vermeintlich schön könnte die neue E-Health-Welt sein – gäbe es die Probleme der alten Welt nicht: keine stabilen Datenleitungen in ländlichen Regionen, veraltete Technik in Praxen und Kliniken, Uraltprobleme bei der Umsetzung und Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK). Gerne verweisen Skeptiker der Digitalisierung auf das nun zehnjährige Ringen um die eGK. Ob Konnektoren und Terminals wirklich bis zum November diesen Jahres in den Testregionen funktionieren, kann noch keiner sagen. Dafür ist auch die Industrie verantwortlich. Ein Scheitern eines der weltweit größten Digitalisierungsprojekte im Gesundheitswesen wäre kein gutes Zeichen für die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten der Medizin 4.0.

Anzeige

Die Erfahrungen mit der eGK dürfen aber den digitalen Fortschritt in anderen Bereichen nicht hemmen. Man muss dabei klug vorgehen: Groß ist die Begeisterung für die zwölf Terabyte Daten, die zum Beispiel an der Uniklinik Heidelberg jeden Tag produziert werden. Welch fulminante Rückschlüsse auf die Versorgung könnte es mit Big-Data geben! Stimmt – könnte. Denn: Wir sammeln Daten – und sind doch überfordert mit dem Schatz. Riesige Datenfriedhöfe entwickeln sich so, mahnt Prof. Dr. med. Max Einhäupl von der Charité. Es fehlt an Menschen, die die Datenmengen strukturieren und sinnvolle Schlüsse daraus ziehen können.

Neben Umsetzungsproblemen bei der eGK und den Möglichkeiten der gigantischen Datenmengen steht das dritte Thema, das auf Konferenzen elektrisiert: Die Digitalisierungsprojekte in der Versorgung. Arbeit wird auch in der Medizin künftig ortsunabhängig, hochspezialisierte Medizin und Forschung wird via Video-sprechstunde dem Einzelkämpfer auf dem Land zur Verfügung stehen können. Damit entstehen ganz neue Perspektiven und Anforderungen für den Arztberuf.

Gescheitert sind all die Konferenzen und Kongresse in den vergangenen Wochen an einem Punkt: Denjenigen zu finden, der nun die Entwicklungen voran bringen könnte. Der Ruf nach Steuergeld und das Schwarze-Peter-Spiel, wer Schuld hat bei der Einführung der eGK, war allgegenwärtig. Fortschrittliche Klinikbetreiber werkeln an ihren Insellösungen. Doch auf den Wettbewerb um die „kleinen hübschen Insellösungen“ setzt auch das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium nicht mehr. Die parlamentarische Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz (CDU) will sie nicht mehr akzeptieren, fordert übergreifende Projekte und kündigt eine E-Health-Strategie an. Gerade hat die Regierung ein Digitalisierungsabkommen mit China geschlossen.

Was wirklich fehlt ist Mut – Mut zur Investition in Hard- und Software sowie in Wissen; aber auch Mut zur Besonnenheit und zu klugen Schritten bei der Digitalisierung eines so sensiblen Bereichs wie der Medizin. Auch wenn die Technik fasziniert: Letztendlich werden in der Medizin immer zwei Menschen aus Fleisch und Blut aufeinander treffen – und keine Roboter.

Rebecca Beerheide
Ressortleiterin Politische Redaktion

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Themen:

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema