ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2016Körperbilder: Paula Modersohn-Becker (1876–1907) – Variante des Gebärens

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Paula Modersohn-Becker (1876–1907) – Variante des Gebärens

Dtsch Arztebl 2016; 113(24): [128]

Schuchart, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Es war eine stille Revolution, die vor 110 Jahren unbemerkt in Paris stattfand – und sie ging von einer Deutschen aus. Am 25. Mai 1906 vollendete Paula Modersohn-Becker in ihrem Atelier am Montparnasse ihr heute berühmtes Dreiviertelporträt, das sie halbnackt zeigt – und schuf damit wahrscheinlich den ersten weiblichen Selbstakt der Kunstgeschichte. Zuvor hatten nur männliche Künstler den Blick auf den entblößten weiblichen Körper gewagt, ein Jahr später folgte ihr die französische Malerkollegin Suzanne Valadon in Paris.

Paula Modersohn-Becker: „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag”, 25. Mai 1906, Öl auf Karton, 101,8 × 70,2 cm: Herausfordernd, prüfend schaut eine bis zur Hüfte entblößte Frau zum Betrachter. Ihren Oberkörper schmückt eine Bernsteinkette, die bis zu den kleinen Brüsten reicht. Die Hände hat sie schützend um den runden Bauch gelegt. Dass sich Paula Modersohn-Becker nahezu in Lebensgröße nackt malte, war 1906 ungeheurer mutig, ja eine Sensation: der erste Blick einer Frau auf den eigenen Körper. Zumal sie sich als Schwangere darstellte – ein Wunschbild angesichts ihrer ungelebten Weiblichkeit oder aber ein Symbol ihrer Künstlerschaft. © Museen Böttcherstraße
Paula Modersohn-Becker: „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag”, 25. Mai 1906, Öl auf Karton, 101,8 × 70,2 cm: Herausfordernd, prüfend schaut eine bis zur Hüfte entblößte Frau zum Betrachter. Ihren Oberkörper schmückt eine Bernsteinkette, die bis zu den kleinen Brüsten reicht. Die Hände hat sie schützend um den runden Bauch gelegt. Dass sich Paula Modersohn-Becker nahezu in Lebensgröße nackt malte, war 1906 ungeheurer mutig, ja eine Sensation: der erste Blick einer Frau auf den eigenen Körper. Zumal sie sich als Schwangere darstellte – ein Wunschbild angesichts ihrer ungelebten Weiblichkeit oder aber ein Symbol ihrer Künstlerschaft. © Museen Böttcherstraße

Es ist ein faszinierendes Bild, das mehr Rätsel enthält, als auf den ersten Blick sichtbar sind. Das beginnt schon mit der Signatur, die den Blick von außen auf ihren Körper suggeriert. Die Künstlerin vermerkte in der rechten unteren Bildecke den Satz: „Dies malte ich mit 30 Jahren / an meinem 6. Hochzeitstag / P. B.“. Rätselhaft ist auch die Datierung, denn tatsächlich handelte es sich um den fünften Hochzeitstag Paula Beckers und Otto Modersohns, die am 25. Mai 1901 geheiratet hatten. Auch ihr Kürzel „P. B.“ anstatt des vollständigeren „P. M. B.“ spricht für die von ihren Biografen geschilderte Distanz zu ihrem Künstlergatten in Worpswede. Von dort zog es die junge Frau immer wieder nach Paris, wo sie in einem kreativen Schaffensrausch zu ihrer künstlerischen Identität fand. Besonders außergewöhnlich aber ist, dass sich die Malerin als Schwangere zeigte, obwohl sie dies zu diesem Zeitpunkt mit großer Wahrscheinlichkeit nicht war. Erst etwa anderthalb Jahre später, nach der Wiederannäherung an Otto Modersohn, brachte sie ihr erstes und einziges Kind zur Welt – und verstarb tragischerweise kurz danach mit nur 31 Jahren im Wochenbett.

Anzeige

Vielleicht wollte Modersohn-Becker mit ihrem vorgewölbten Bauch, wie Kunsthistoriker vermuten, auf ihre schöpferische Rolle als Künstlerin hinweisen – als Variante des Gebärens. Zu Lebzeiten erregten ihre Bilder kaum Aufsehen, erst sehr viel später wurde sie als große Wegbereiterin der Moderne gewürdigt. Ihre aktuelle Retrospektive in Paris, die erste in Frankreich überhaupt, ist eine längst überfällige Ehrung. Dem avantgardistischen Selbstakt aus dem Paula-Modersohn-Becker-Museum in Bremen haben die Kuratoren darin einen Ehrenplatz eingeräumt.
Sabine Schuchart

Ausstellung

„Paula Modersohn-Becker. L’intensité d’un regard“

Musée d’Art
moderne de la Ville
de Paris, 11 Avenue
du Président Wilson,
75116 Paris;
Di.–So. 10–18,
Do. 10–22 Uhr;

www.mam.paris.fr

bis 21. August 2016

„Paula Modersohn-Becker, l’intensité d’un regard”, Katalog zur Ausstellung (in französischer Sprache), 256 S., Paris Musées 2016; 35 €.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema