ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2016Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge: Die Integration muss gelingen

POLITIK

Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge: Die Integration muss gelingen

Dtsch Arztebl 2016; 113(24): A-1148 / B-963 / C-947

Bühring, Petra

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Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge haben durch die direkte Inobhutnahme durch die Kinder- und Jugendhilfe zwar einen guten Start in Deutschland. Gleichzeitig sind sie häufiger schwer psychisch belastet als andere. Experten fordern ein frühzeitiges Screening.

Foto: dpa
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Gewalt und sexuellem Missbrauch sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge auf der Flucht häufiger als andere ausgesetzt. Oftmals haben sie zudem bereits in ihren Herkunftsländern beides erlebt. Das Risiko, an einer posttraumatischen Belastungsstörung zu leiden ist hoch, wenn sie in Europa ankommen. Im Jahr 2015 wurden 137 000 Erstanträge auf Asyl in Deutschland von minderjährigen Flüchtlingen gestellt. Unbegleitet kamen davon 65 000 Kinder- und Jugendliche hier an. 91 Prozent davon sind männlich. Die allermeisten erhalten Bleiberecht: Je nach Herkunftsland liegt die sogenannte Schutzquote zwischen 95 und 100 Prozent. Grund genug darüber nachzudenken, wie eine angemessene Versorgung der psychisch kranken Flüchtlingskinder aussehen und wie ihre Integration gelingen kann. Mit diesen Fragen befasste sich eine vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium geförderte Tagung der Aktion Psychisch Kranke (APK) am 30. Mai in Berlin.

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Die Gewalt- und Misshandlungsformen, denen Kinder und Jugendliche oftmals bereits in ihren Heimatländern ausgesetzt sind seien „unvorstellbar“, sagte Ursula Gräfin Praschma vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). In Afghanistan beispielsweise würden Jungen als „Tanzknaben“ von älteren Männern missbraucht; Mädchen zum Beispiel in Nigeria zur Zwangsprostitution gezwungen; Jungen würden von Taliban und der IS-Terrorgruppe als Kindersoldaten missbraucht. Kinder und Jugendliche als Arbeits- oder Sexsklaven zur Begleichung von Schulden der Familie zu verkaufen – beispielsweise für die Flucht – sei ebenfalls üblich. „Hängt die Traumafolgestörung mit Ereignissen im Herkunftsland zusammen, ist die Chance auf Anerkennung als Asylbewerber in Deutschland sehr hoch“, so Gräfin Praschma. Im Asylverfahren urteilten erfahrene Sonderbeauftragte beim BAMF über das Bleiberecht. Da es nur 150 bis 200 solcher Entscheider beim BAMF gebe, die zudem noch neu hinzukommende Kräfte ausbilden müssten, „kommen wir mit der Bearbeitung der Anträge kaum hinterher“, gab die Gräfin zu. Generell würden die Flüchtlingszahlen seit März aber stark abnehmen.

Akut suizidale Einweisungen in die Notaufnahme häufig

Sobald die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge (UMF) in den sogenannten Clearinghäusern angekommen sind (siehe Kasten), sollte ein Screening auf psychische Erkrankungen durchgeführt werden, wünschte sich Prof. Dr. med. Jörg M. Fegert, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm und Vorstandsmitglied der APK. Die Resilienz der Betroffenen sei relativ hoch, etwa die Hälfte adaptiere sich und brauche nur eine gute Schul- oder Arbeitsperspektive oder Freizeitangebote. „Doch diejenigen, die am dringendsten Psychotherapie brauchen, sollten nach fachlicher Indikationsstellung auch möglichst zeitnah eine bekommen. Doch davon sind wir leider noch weit entfernt“, kritisierte Fegert. Nach seinen Erkenntnissen kommen nur vier Prozent der bedürftigen Minderjährigen in eine Therapie – ein Grund dafür, warum viele oft akut suizidal als psychiatrischer Notfall in die Krankenhäuser eingeliefert werden.

Im Saarland konnte die Zahl der jungen Flüchtlinge, die in die Notaufnahmen eingeliefert werden, drastisch reduziert werden, seit im August 2015 auf dem Gelände der Saarland-Heilstätten GmbH (SHG) in Tholey eine „Vorclearingstelle“ eingerichtet wurde, berichtete die Chefärztin der dortigen Kinder- und Jugendpsychiatrie, Prof. Dr. med. Eva Möhler. Direkt nach Ankunft im Saarland werden die UMF in dieser Einrichtung versorgt und betreut mit einem Team von 13 Pädagogen, Sozialarbeitern und Psychologen. Träger ist das Landesamt für Gesundheit im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe. „Wir versuchen die Jugendlichen emotional zu stabilisieren und ihnen einen sicheren Hafen zu bieten“, sagte Leiterin Möhler. Transparenz sei dafür ganz wichtig, weshalb zuerst immer ein Begrüßungsschreiben in der Muttersprache überreicht wird, das sie darüber aufklärt, was mit ihnen geschieht. „Die Jugendlichen entspannen sich dann ganz deutlich.“ Die UMF werden in der Vorclearingstelle ärztlich untersucht, Alter- und Reisefähigkeit werden festgestellt und geprüft, ob ein Teil ihrer Familie im Land ist. Bei Jugendlichen mit akuten psychischen Belastungsreaktionen besteht die Möglichkeit, sie im Clearinghaus St. Wendel, das auch unter der Obhut von Möhler steht, zu stabilisieren.

Rund 1 300 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge befinden sich zurzeit im Saarland – 475 mehr als das Bundesland nach der bundesweiten Quote des „Königsteiner Schlüssels“ aufnehmen müsste. Überproportional belastet sind daneben auch Bremen, Berlin, Hamburg, Hessen und Bayern, wo 2015 die meisten Flüchtlinge ankamen: Dort leben 3 700 UMF mehr als die Quote vorschreibt. Seit November 2015 müssen die Bundesländer die Kosten für die jungen Flüchtlinge selbst tragen.

„Wenn die Integration der jungen Flüchtlinge nicht gelingen sollte, dann ist das auch für unsere Sozialsysteme eine große Belastung“, sagte Peter Lehndorfer, Vizepräsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK). Er forderte den Ausbau psychotherapeutischer Sprechstunden mit qualifizierten Sprach- und Kulturmittlern auch in den Erstaufnahmeeinrichtungen. „Psychotherapie ist nicht nur bei der Behandlung, sondern auch zur Früherkennung und -intervention bei psychisch kranken geflüchteten Kindern sehr hilfreich“, betonte er.

Zuständigkeitsprobleme beim Aufbau von Sprachmittlerpool

Darüber hinaus dürfe es in der Gesundheitsversorgung der Flüchtlinge generell kein „Ping-Pong-Spiel der Zuständigkeiten“ geben. Ein solches erlebt der BPtK-Vize gerade bei der Umsetzung des Modellprojekts von Bundes­ärzte­kammer und BPtK zur Verbesserung der Versorgung psychisch kranker Flüchtlinge. Das erste Modul dieses Projekts sieht unter anderem vor, einen bundesweiten Dolmetscher- bzw. Sprachmittlerpool aufzubauen. Eine Koordinierungsstelle könnte die Sprachmittler qualifizieren und zertifizieren, an Ärzte und Psychotherapeuten vermitteln und auch deren Vergütung abwickeln. „Keines der Bundesministerien fühlt sich dafür zuständig“, bedauert er, „alle verweisen auf die Bundesländer, die sich selbst überlastet fühlen“.

Petra Bühring

3 Fragen an . . .

Prof. Dr. med. Jörg M. Fegert, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Universitätsklinikum Ulm

Gibt es ausreichend Behandlungsplätze für psychisch kranke minderjährige Flüchtlinge?

Fegert: Wir haben in der Akutversorgung zu wenig Plätze, weil diese zusätzlichen psychiatrischen Notfälle um die begrenzten Kapazitäten mitkonkurrieren und dadurch der Belegdruck steigt. Das heißt, die Ressourcen werden knapper, die Liegezeiten werden noch kürzer. Zugleich haben wir auch in der psychotherapeutischen Versorgung zu wenig Kapazitäten. Wir sollten herausfinden, wie viele Menschen mit einem Behandlungsbedarf zu uns gekommen sind, die wir unterstützen müssen in den nächsten Jahren. Und dazu brauchen wir ein reliables einheitliches Screening.

Was sind für Ärzte und Psychotherapeuten die größten Herausforderungen in der Versorgung?

Fegert: Die sprachlichen Barrieren sind auf jeden Fall eine Herausforderung. Sprache würde ich sogar noch ergänzen mit Kultursensibilität. Wenn ich beispielsweise jezidische Mädchen behandele, muss ich etwas über deren kulturellen Hintergrund wissen und auch über die Ereignisse in den Krisenregionen. Die kann ich nicht im Einzelfall erfragen, weil das immer wieder belastend ist. Die Ärzte brauchen deshalb Fortbildung – auch mit modernen Methoden wie E-Learning.

Was wünschen Sie sich am meisten von der Politik für eine bessere Versorgung?

Fegert: Ich wünsche mir für alle Kinder und Jugendlichen Zugang zur Krankenbehandlung – so wie das die weltweiten Vorgaben auch besagen. Zurzeit ist eine Traumabehandlung zwar möglich bei unbegleiteten Minderjährigen; bei den begleiteten Minderjährigen können wir in den ersten 15 Monaten aber häufig keine Traumabehandlung machen, weil für diesen Zeitraum nur eine rudimentäre Krankenbehandlung in vitalen Notfällen vorgesehen ist.

Die Inobhutnahme

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF), die nach dem 1. November 2015 in Deutschland eingereist sind, werden durch das Jugendamt zunächst vorläufig in Obhut genommen. Um die Belastungen der Kommunen gerecht zu verteilen, werden sie nach ihrer Ankunft, innerhalb von 14 Tagen bundesweit verteilt. Im Rahmen der vorläufigen Inobhutnahme werden sie in „Clearinghäusern“, also speziellen Einrichtungen der Jugendhilfe, untergebracht. In dieser Zeit findet das „Erstscreening“ statt, das eine medizinische Untersuchung beeinhaltet. Weiter muss eingeschätzt werden, ob die Durchführung des Verteilungsverfahrens im Hinblick auf die physische und psychische Belastung zu einer Kindeswohlgefährdung führen würde. Außerdem wird nach Verwandten gefragt, um eine mögliche Familienzusammenführung feststellen zu können.

Nach der Verteilung sind die Jugendämter der Länder, dem die UMF zugewiesen wurden, für die weitere Inobhutnahme zuständig. Dabei wird die Vormundschaft beantragt, der Erziehungsbedarf wird ermittelt und der Aufenthaltsstatus geklärt. Der Antrag auf Asyl muss entweder vom Vormund des Minderjährigen oder vom Jugendamt gestellt werden.

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