ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2016Arbeitsmarkt Ärzte: Nachfrage nach Fachärzten sprunghaft gestiegen

ÄRZTESTELLEN

Arbeitsmarkt Ärzte: Nachfrage nach Fachärzten sprunghaft gestiegen

Dtsch Arztebl 2016; 113(24): [2]

Martin, Wolfgang

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Zahl der Stellenausschreibungen im Deutschen Ärzteblatt ist im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit 2008 wieder gestiegen – und zwar um 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Entscheidenden Anteil an der deutlichen Zunahme der Stellenausschreibungen hatten die Akutkrankenhäuser. Sie schalteten 21 Prozent mehr Anzeigen. Diese Nachfragebelebung kommt recht überraschend, wenn man bedenkt, dass das vergangene Jahr in den Kliniken geprägt war von großen wirtschaftlichen Sorgen, besonders im Hinblick auf fehlende Investitionsmittel. Eine solche Situation ist in der Regel nicht dazu angetan, zusätzliches Personal einzustellen. Was also steckt dahinter?

Viele Krankenhäuser haben in den Vorjahren aufgrund der dürftigen Bewerberresonanz erst einmal von kostspieligen Stellenanzeigen zum Besetzen von Fach- und Oberarztpositionen Abstand genommen. Die Häuser veröffentlichten diese Vakanzen oft nur noch auf ihrer Klinik-Homepage. Da es stark vom Zufall abhängt, ob ein adäquater Bewerber diese tatsächlich entdeckt, blieben die Stellen oft über einen längeren Zeitraum vakant. Folglich mussten die Krankenhäuser über kurz oder lang wieder stärker in die Offensive gehen. Dieser „Nachholeffekt“ sorgte dafür, dass Ober- und Facharztausschreibungen mit einem Plus von jeweils 23 Prozent im vergangenen Jahr überdurchschnittlich zulegten.

Anzeige

In welchen Fachgebieten die Krankenhäuser 2015 die größten Schwierigkeiten hatten, Fachärztinnen und Fachärzte zu gewinnen, zeigt der von mainmedico erstellte Facharztindex (Grafik). Der Durchschnittswert aller Fachgebiete betrug 31,3.

In diesen Fachgebieten ist die Bewerberdecke besonders dünn
In diesen Fachgebieten ist die Bewerberdecke besonders dünn
Grafik
In diesen Fachgebieten ist die Bewerberdecke besonders dünn

Eines ist in den vergangenen Jahren unverändert geblieben: Die Fachgebiete Psychosomatische Medizin sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie tauchen immer in der Spitzengruppe auf. Das heißt, in diesen Fächern ist die Bewerberdecke nach wie vor dünn. Auch die Nachfrage nach Spezialisten in der Inneren Medizin kann nach wie vor kaum gedeckt werden.

Hygiene und Umweltmedizin: viel mehr Stellenanzeigen

Die mit Abstand wenigsten potenziellen Bewerber pro Stellenausschreibung hat das Fachgebiet Hygiene und Umweltmedizin zu verzeichnen. Dort wurden im vergangenen Jahr mit 26 mehr als doppelt so viele Stellenanzeigen geschaltet wie im Vorjahr. Davon entfielen allein 19 auf Krankenhäuser. Zweifellos ist das eine direkte Folge der Bemühungen, die Defizite bei der Hygienequalität und Infektionsprävention zu beheben. Allerdings weist die Statistik der Bundes­ärzte­kammer insgesamt nur 80 stationär tätige Fachärztinnen und Fachärzte für Hygiene und Umweltmedizin aus, die sich theoretisch darauf bewerben könnten. Auch mit dem Nachwuchs sieht es nicht viel besser aus: 2014 haben gerade einmal fünf (!) Ärztinnen und Ärzte ihre Weiterbildung in Hygiene und Umweltmedizin abgeschlossen, bei fast 2.000 Krankenhäusern in Deutschland.

Sicherlich muss noch eine ganze Menge getan werden, um mehr Ärztinnen und Ärzte für dieses Fach zu begeistern. Ganz wesentlich ist die Ausbildungssituation zu verbessern, indem das Thema Krankenhaushygiene im Medizinstudium stärker berücksichtigt wird und neue Hygiene-Lehrstühle an den Medizinischen Fakultäten geschaffen werden. Diese sind in den letzten 20 Jahren drastisch reduziert worden, von ehemals 24 auf zuletzt 10, mit weitreichenden Folgen, wie man sieht.

Das Problem: fehlende Weiterbildungskapazitäten

Sicherlich ist das Fachgebiet Hygiene und Umweltmedizin ein krasses Beispiel für fehlende Weiterbildungskapazitäten. Aber mit diesem Problem haben inzwischen die meisten Fachgebiete zu kämpfen. So standen 123 „frisch gebackenen“ Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie im vergangenen Jahr 94 infrage kommende Stellenanzeigen gegenüber. Rein rechnerisch entfiel damit gerade einmal ein Bewerber auf eine Stelle. Auch in der Angiologie kommen rein rechnerisch zwei nachrückende Fachärztinnen und Fachärzte auf eine Stellenausschreibung. Wenn man berücksichtigt, dass sich nicht alle Fachärzte tatsächlich auf alle infrage kommenden Stellenausschreibungen bewerben, kann man sich vorstellen, wie viele Krankenhäuser leer ausgehen.

Wenn man solche Ungleichgewichte bemerkt, ist es für eine Korrektur in der Regel schon zu spät. Denn das System der ärztlichen Weiterbildung bietet keinerlei Möglichkeiten für eine kurz- bis mittelfristige Kapazitätsanpassung.

Dieses Problem wird sich noch weiter verschärfen: So haben 2014 insgesamt ebenso viele Ärztinnen und Ärzte ihre Facharztweiterbildung abgeschlossen wie im Jahr 2000. Und das, obwohl heute fast 16 000 mehr Fachärztinnen und Fachärzte im Krankenhaus beschäftigt sind als damals – ein Plus von rund 20 Prozent. Eigentlich ist also mehr Nachwuchs nötig, um die Lücken zu schließen, wenn Ärztinnen und Ärzte in die Niederlassung wechseln oder in den Ruhestand gehen.

Dass die Arbeitsbelastung in den Abteilungen steigt, wenn Oberarztpositionen längere Zeit unbesetzt bleiben, liegt auf der Hand. Doch es entstehen auch gravierende wirtschaftliche Nachteile: Beispielsweise gelingt es Krankenhäusern oft nicht, eine neue Abteilung oder Sektion Pneumologie oder Geriatrie aufzubauen, weil sie dafür einfach nicht die geeigneten Fachärztinnen und Fachärzte finden. Ebenso nachteilig ist es für die Häuser, wenn sie auf Oberarztebene Zusatzqualifikationen nicht nachweisen können, die für die Abrechnung bestimmter DRG-Leistungen (z.B. „spezielle Intensivmedizin“) erforderlich sind oder in Zertifizierungsverfahren (z.B. „spezielle Orthopädische Chirurgie“ oder „Neuroradiologie“).

Gefährdet: Umsetzung des medizinischen Fortschritts

Durch den Mangel an besonders qualifizierten Fachärztinnen und Fachärzten wird nicht allein die Leistungsfähigkeit einzelner Krankenhäuser eingeschränkt. Gefährdet ist dadurch auch die Umsetzung des medizinischen Fortschritts in konkrete Versorgungsangebote. Ein Grund mehr, die Defizite der Weiterbildungskapazitäten nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

Dr. Wolfgang Martin
mainmedico GmbH, consulting & coaching
Frankfurt am Main

In diesen Fachgebieten ist die Bewerberdecke besonders dünn
In diesen Fachgebieten ist die Bewerberdecke besonders dünn
Grafik
In diesen Fachgebieten ist die Bewerberdecke besonders dünn

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Ärztestellen