ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2016Arzneimittelpreisregulierung: Die richtigen Stellschrauben drehen

POLITIK: Kommentar

Arzneimittelpreisregulierung: Die richtigen Stellschrauben drehen

Dtsch Arztebl 2016; 113(24): A-1137 / B-953 / C-937

Gandjour, Afschin

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Rückwirkende Preise, geheime Erstattungsbeträge: Die geplanten Korrekturen am Verfahren der Arzneimittelpreisverhandlung greifen zu kurz.

Nach dem Arznei­mittel­markt­neuordnungs­gesetz (AMNOG) dürfen Pharmaunternehmen im ersten Jahr nach Einführung eines neuen Medikaments den Preis frei festlegen. Erst ab dem 13. Monat gilt der Erstattungspreis, den sie mit dem GKV-Spitzenverband verhandeln. Nach dem sogenannten Pharmadialog zwischen Bundesregierung und Pharmaindustrie1 plant die Regierung jetzt, den verhandelten Preis rückwirkend gelten zu lassen, wenn eine noch zu bestimmende Umsatzschwelle überschritten wird. Begründet wird dieser Ansatz mit extrem hohen Umsätzen, die die Unternehmen mit einigen Arzneimitteln bereits im ersten Jahr nach Markteinführung erzielen.

Anzeige

Dieser Lösungsansatz geht am eigentlichen Problem vorbei. Denn die Einführung rückwirkender Preise offenbart die schwache Verhandlungsposition des GKV-Spitzenverbandes gegenüber umsatzstarken und ergo verhandlungsmächtigen Herstellern. Besäße der Verband genügend Verhandlungsmacht, könnte er höhere Gewinne der Unternehmen im ersten Jahr dazu nutzen, den für die Folgejahre verhandelten Preis nach unten zu drücken. Somit ist die Forderung nach einer erweiterten Regulierung als Korrektiv für die fehlende Wirksamkeit der Preisverhandlung zu sehen.

Das grundlegende Problem dürfte auch nach Einführung der Umsatzschwelle weiter bestehen: Umsatzstarke Unternehmen werden dann im Umkehrschluss reduzierte Preise im ersten Jahr als Argument nutzen, um den Abschlag für die folgenden Jahre zu begrenzen. Da die Verschreibungen im ersten Jahr in der Regel eher verhalten sind und erst in den Folgejahren zunehmen, könnte sich die geplante Umsatzschwelle als Bumerang erweisen.

Ähnlich problematisch gestaltet sich die zweite Stellschraube, mit der die Regierung versucht, Arzneimittelpreise in Schach zu halten: Verhandelte Preise sollen geheim bleiben, damit sich niedrigere Preise in Deutschland nicht negativ auf das Preisniveau in anderen Ländern auswirken. Dieser Ansatz verkennt jedoch, was den umsatzstarken Hersteller eigentlich davon abhält, noch mehr Geld zu verlangen: der öffentliche Aufschrei und der so entstehende Reputationsschaden bei allzu hohen Preisen. Kürzlich veröffentlichte interne Dokumente des Sovaldi-Herstellers Gilead2 belegen diese Annahme. Der Hersteller war vor Markteinführung bereit, einen Aufschrei bewusst in Kauf zu nehmen – die kalkulierte Schmerzgrenze lag erst dort, wo die Diskussion in der Öffentlichkeit nicht mehr beherrschbar schien. Die Preise, zu denen der Hersteller sein Medikament auf den Markt bringt, werden weiterhin öffentlich bleiben. Eine öffentliche Debatte (auch im Deutschen Ärzteblatt) über die Höhe der Erstattungsbeträge hingegen würde durch die geplante Geheimhaltung entscheidend geschwächt. Geheime Preise entlasten das Unternehmen insofern genau von jenem öffentlichen Druck, der bisher für nicht noch höhere Preise gesorgt hat.

Um ein sich abzeichnendes Wirrwarr an Nachkorrekturen mit möglichen Bumerang-Effekten zu vermeiden, sollte das eigentliche Problem angegangen und die bisherige Preisverhandlung ersetzt werden. Sie ist intransparent und ihre Ergebnisse sind häufig nicht nachvollziehbar. So fallen Arzneimittelpreise für Indikationen, für die es kostengünstige Therapiealternativen und wenig Lobby gibt, möglicherweise zu niedrig aus, während Jahrestherapiekosten bei Krebserkrankungen typischerweise 50 000 Euro und mehr betragen.

Der Preis sollte formal über eine Kosten-Nutzen-Analyse unter Berücksichtigung von Ersparnissen durch Krankheitsvermeidung berechnet werden. Höhere Preise im ersten Jahr nach Markteintritt könnten dabei formal in die Rechnung einbezogen werden. Als Kompromiss wäre zu überlegen, eine Kosten-Nutzen-Analyse zunächst nur für jene Arzneimittel durchzuführen, die die Umsatzschwelle überschreiten. Denn insbesondere bei diesen Medikamenten sollte dem Kassenverband daran gelegen sein, akkurate Informationen über das Preis-Leistungs-Verhältnis einzuholen.

Es gibt keine Garantie, dass das von der Regierung zurzeit anvisierte Feintuning zum Preisverhandlungsverfahren zu niedrigeren Arzneimittelausgaben führt – im Gegenteil. Die Regierung betreibt Korrekturen an einem Verfahren, das von Grund auf überholt werden müsste.

1http://d.aerzteblatt.de/RK36

2http://d.aerzteblatt.de/GT33

Quelle: Gandjour A. Limiting Free Pricing of New Innovative Drugs After Launch: A Necessity for Payers? Appl Health Econ Health Policy. 2016

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.