ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2016NS-„Euthanasie“: „Damals glaubte man doch den Ärzten“

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NS-„Euthanasie“: „Damals glaubte man doch den Ärzten“

Dtsch Arztebl 2016; 113(24): A-1166 / B-978 / C-962

Meyer-Ueding, Jennifer

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Zwischen 1941 und 1945 wurden in der „Kinderfachabteilung” der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg 300 bis 350 Kinder und Jugendliche ermordet. Eine Gedenkstätte auf dem Psychiatriegelände widmet sich ihren verdrängten Schicksalen.

Frieda Neumann, hier auf dem Schoß ihrer älteren Schwester Hilda, kam mit zwölf Jahren in der „Kinderfachabteilung“ Lüneburg ums Leben. Foto: Privatbesitz Familie Neumann/Alpha
Frieda Neumann, hier auf dem Schoß ihrer älteren Schwester Hilda, kam mit zwölf Jahren in der „Kinderfachabteilung“ Lüneburg ums Leben. Foto: Privatbesitz Familie Neumann/Alpha

Leichter Wind beugt die alten Baumkronen. Auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik in Lüneburg mit den alten roten Backsteingebäuden ist es still. Anders als derzeit in Detmold, wo sich der frühere SS-Wachmann Reinhold Hanning in einem der wohl letzten NS-Prozesse wegen Beihilfe zu mindestens 170 000-fachem Mord in dem Vernichtungslager Auschwitz verantworten muss. Und anders als vor knapp einem Jahr in Lüneburg selbst. Damals drängelten sich Menschen, Kameras und Mikrofone in die beschauliche Stadt, um den Prozess gegen den ehemaligen KZ-Buchhalter Oskar Gröning zu verfolgen. Gröning wurde im Juli 2015 zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtsgültig. Im Detmolder Prozess soll Ende Mai das Urteil fallen. Auf dem Klinikgelände in Lüneburg gibt es keinen Angeklagten und keinen Prozess. Doch auch hier wird an NS-Verbrechen erinnert.

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Nach der T4-Aktion ging das Töten dezentral weiter

Die „,Euthanasie‘-Gedenkstätte Lüneburg“ beleuchtet im ehemaligen Badehaus der Klinik einen dunklen Teil der Psychiatriegeschichte. Lüneburg beteiligte sich nicht nur an der „Aktion T4“ und verlegte in den Jahren 1941 Patienten in die zentralen Tötungsanstalten Pirna-Sonnenstein und Hadamar. Im Rahmen der „dezentralen Euthanasie“ wurde zwischen 1940 und 1945 in Lüneburg weiter getötet. Die Klinik diente zudem als Sammelstelle für sogenannte „geisteskranke“ Ausländer. Die Häuser 23, 24 und 25, heute unter anderem als heilpädagogisches Zentrum genutzt, beherbergten von Oktober 1941 bis März 1945 eine der 31 „Kinderfachabteilungen“ des Reiches. Dort wurden mindestens 300 bis 350 geistig und körperlich behinderte Kinder im Alter von drei Monaten bis 14 Jahren umgebracht.

Nur wenige Häuser entfernt schließt Ulrike Steinert um Punkt 11 Uhr die Gedenkstätte auf und schaltet die Lichter ein. Die hauptberufliche Krankenpflegerin setzt sich wartend an einen Tisch: „Ich glaube, die Auschwitz-Prozesse schaffen neue Aufmerksamkeit für die Verbrechen des Nationalsozialismus.“ Dass die Psychiatrie Lüneburg, für die Steinert heute als Stationsleitung arbeitet, vor über 70 Jahren Ort zahlreicher Kindestötungen war, war der Krankenpflegerin lange Jahre „gar nicht so bewusst“. In ihrer Ausbildung sei die NS-„Euthanasie“ nie angesprochen worden. Heute bietet die 2004 eingerichtete Gedenkstätte Schulungen für MitarbeiterInnen und Auszubildende der Behindertenarbeit, Psychiatrie und Krankenpflege, für Lehrkräfte sowie inklusive Gruppen an.

„Bildungsfähige“ und „nichtbildungsfähige“ Kinder

Steinert blickt über die Ausstellung, die anhand von alten Krankenakten, Briefen und Fotos die Geschichten von Opfern und Tätern rekonstruiert. Schweigend betritt das pensionierte Lehrerehepaar Pietsch mit zwei Rollkoffern die Gedenkstätte. Steinert nickt ihnen freundlich zu. Die beiden Pensionäre engagieren sich in Hamburg Volksdorf und Umgebung für die Verlegung von Stolpersteinen zum Gedenken an Opfer des NS-Regimes. Sie recherchieren das Schicksal des vermutlichen „Euthanasie“-Opfers Karl Friedrich Janssen. Laut Krankenakten verstarb der mit Schizophrenie diagnostizierte Mann 1941 in Lüneburg an einer Überdosis Schlafmittel. Steinert hört sich die Geschichte aufmerksam an. Der Fall ist nicht eindeutig und wird auch die Projektleitung der Gedenkstätte, die promovierte Historikerin Carola Rudnick, weiter beschäftigen. Für Rudnick „vergeht fast keine Woche ohne Angehörigenfragen“.

Die vereinzelten Besucher, die am heutigen Morgen das alte Gemäuer des Badehauses betreten, reflektieren über das Nichtwissenwollen. „Damals glaubte man doch den Ärzten“, gibt ein älterer Herr zu bedenken. Die Ausstellung legt dar, wie Ärzte Kinder in „Bildungsfähige“ und „Nichtbildungsfähige“ selektierten. „Entwicklungsunfähigkeit“ bedeutete „lebensunwertes Leben“. Die Gutachten wurden an den „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden“ in Berlin gesandt. Von dort ergingen die „Behandlungsermächtigungen“, die die Kinder zum Töten freigaben. Auf Veranlassung des ärztlichen Direktors Max Bräuner und des Leiters der „Kinderfachabteilung“, Willi Baumert, wurden die Kinder durch Pflegepersonal mit dem Schlafmittel Luminal umgebracht.

Der Politikwissenschaftler und Historiker Götz Aly schätzt in seinem Buch „Die Belasteten“, dass 95 Prozent der Angehörigen die „Euthanasie“-Morde ohne Widerspruch hinnahmen. Rudnick zeichnet anhand ihrer Aufarbeitung der Lüneburger Geschichte ein differenzierteres Bild: „Es gab Angehörige, die naiv dachten, in den ,Kinderfachabteilungen‘ würde ihren Kindern tatsächlich geholfen, und es gab ebenso Eltern, die aktiv mitgeteilt haben, dass man ihre Kinder sterben lassen solle, wenn keine Besserung eintrete.“ Die junge Historikerin weiß auch von Familien, die versucht haben, ihre Kinder zu retten. Rudnick recherchierte im Niedersächsischen Landesarchiv Hannover das Schicksal der zwölfjährigen Frieda Neumann:

Unweit der früheren Häuser der „Kinderfachabteilung“ wird in dem alten Badehaus der Psychiatrie Lüneburg der Opfer der Kinder-„Euthanasie“ gedacht.
Unweit der früheren Häuser der „Kinderfachabteilung“ wird in dem alten Badehaus der Psychiatrie Lüneburg der Opfer der Kinder-„Euthanasie“ gedacht.

Das Mädchen wird 1930 in Wittmund an der Nordseeküste geboren. Sie ist das jüngste von sechs Kindern. Ein amtsärztliches Gutachten vom August 1942 attestiert Frieda „Idiotie, verbunden mit Krämpfen“. Auf Antrag des Bezirksfürsorgeverbands wird Frieda am 26. August 1942 in Lüneburg eingewiesen. Von ihrem Vater wird sie zärtlich verabschiedet. Schon kurz danach erkundigt sich der Vater brieflich nach dem Befinden seiner Tochter. Weil er keine zufriedenstellende Antwort erhält, wird Friedas ältere Schwester Ende September nach Lüneburg geschickt. Sie ist von Friedas Zustand schockiert und beschwert sich beim Pflegepersonal. Am 15. Oktober 1942 sucht auch der Vater die Klinik auf und kündigt an, seine Tochter in einer anderen Anstalt unterbringen zu wollen. Willi Baumert reagiert mit folgendem Vermerk auf den Vorwurf der mangelnden Pflege: „Man fragt sich auch, ob bei der Wertlosigkeit dieses Menschenmaterials in der augenblicklichen Kriegszeit mehr verantwortet werden könne.“ Friedas Familie bemüht sich weiter und am 18. November 1942 wird einer Verlegung zugestimmt. Doch Frieda verlässt Lüneburg nicht mehr lebend. Eine Woche später erhält der Vater ein Telegramm von Baumert: „Tochter Frieda mit hohem Fieber erkrankt.“ Vier Tage darauf stirbt das Mädchen. Als offizielle Todesursache wird „kruppöse Lungenentzündung“ angegeben.

Die Täter wurden nie zur Rechenschaft gezogen

Laut Rudnick sind die Krankenakten größtenteils gefälscht: Den Angehörigen wurden falsche Diagnosen als Todesursache mitgeteilt. Wann geht die Historikerin von einem „Euthanasie“-Mord aus? „Eine Sache, die ich mich immer frage ist: Hätte das Kind überlebt, wenn es nicht in die Kinderfachabteilung gekommen wäre?“

Der Lüneburger Krimiautor Ulrich Gaertner bleibt in der Gedenkstätte lange vor den Biografien der Ärzte stehen. Alle Ermittlungsverfahren gegen Bräuner, Baumert und die Pflegerin Dora Vollbrecht wurden eingestellt. Baumert machte im Nachkriegsdeutschland Karriere, wurde Direktor der Landeskrankenhauses Königslutter und Vorsitzender des Verbandes Niedersächsischer Neurologen und Psychiater. Angesichts des Prozesses gegen Oskar Gröning empört sich Gaertner, früher Leiter des Zentralen Kriminaldienstes, „die hiesigen Täter wurden nie zu Rechenschaft gezogen“.

Um 14 Uhr schließt Ulrike Steinert die Tür des ehemaligen Badehauses wieder ab. Sie konnte heute nur wenige Besucher in der Gedenkstätte begrüßen. Draußen ist es noch immer still.

Dr. Jennifer Meyer-Ueding

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