ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2016Empfehlungen im Einzelfall kritisch prüfen
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Die S3-Leitlinie Palliativmedizin (1) ist durch die darin enthaltenen Informationen zweifelsfrei sehr wertvoll, doch können und sollen die Empfehlungen nicht unkritisch übernommen werden. Die beste Grundlage für die angemessene Behandlung von Patienten mit fortgeschrittenem Krebs ist die sorgfältige Diagnostik mit Erhebung einer fakultativen Vielzahl von Beschwerden und Symptomen onkologischer, schmerzmedizinischer, internistischer, neurologischer, psychiatrischer, dermatologischer und anderer Art. Daraus ergibt sich die angemessene Behandlung mit dem anzustrebenden Ziel der bestmöglichen Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Angehörigen.

So ist zum Beispiel die Aufforderung „beim Einsatz von Opioiden wird eine begleitende Obstipationsprophylaxe empfohlen“ aus mehreren Gründen nicht allgemein gültig:

  • Ein Teil der Krebspatienten ist nicht von Obstipation betroffen. Nach zehn 12 438 Tumorpatienten umfassenden Studien lag sogar bei 7,6 % Diarrhö vor (2).
  • Bei der Verabreichung von Opioiden tritt Obstipation nicht obligat auf, allerdings häufig.
  • Die Kombination des in Deutschland entwickelten und häufig eingesetzten Wirkstoffs Tilidin mit Naloxon führt nach eigenen Beobachtungen nur selten zu Obstipation (3). Ebenso verringert die später entwickelte analoge Kombination von Oxycodon mit Naloxon das Auftreten von Obstipation (4) und verbessert dadurch die Lebensqualität.

Statistisch erhobene Ergebnisse sollten daher nur kritisch auf den Einzelfall übertragen werden, speziell in Grenzsituationen des Lebens.

DOI: 10.3238/arztebl.2016.0433b

PD Dr. med. Roland Wörz

Neurologie, Psychiatrie, Spezielle Schmerztherapie,

Klinische Geriatrie, Bad Schönborn

woerz.roland@t-online.de

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Bausewein C, Simon ST, Pralong A, Radbruch L, Nauck F, Voltz R:
Clinical practice guideline: Palliative care of adult patients with
cancer. Dtsch Arztebl Int 2015; 112: 863–70 VOLLTEXT
2.
Bernatzky G, Likar R: Der Schmerz: Häufigkeit und Entstehung tumorbedingter Schmerzen. In: Bernatzky G, Sittl R, Likar R (eds.): Schmerzbehandlung in der Palliativmedizin. Wien, New York: Springer 2004; 13–24 CrossRef CrossRef
3.
Wörz R: Karzinomschmerz. In: Wörz R (ed.): Differenzierte medikamentöse Schmerztherapie. 2nd edition. München, Jena: Urban & Fischer 2001; 340.
4.
Meissner W, Leyendecker P, Mueller-Lissner S, Nadstawek JA: A
randomised controlled trial with prolonged-release oral oxycodone and naloxone to prevent and reverse opioid-induced constipation. Europ Pain 2009; 13: 56–64 CrossRef MEDLINE
1.Bausewein C, Simon ST, Pralong A, Radbruch L, Nauck F, Voltz R:
Clinical practice guideline: Palliative care of adult patients with
cancer. Dtsch Arztebl Int 2015; 112: 863–70 VOLLTEXT
2.Bernatzky G, Likar R: Der Schmerz: Häufigkeit und Entstehung tumorbedingter Schmerzen. In: Bernatzky G, Sittl R, Likar R (eds.): Schmerzbehandlung in der Palliativmedizin. Wien, New York: Springer 2004; 13–24 CrossRef CrossRef
3. Wörz R: Karzinomschmerz. In: Wörz R (ed.): Differenzierte medikamentöse Schmerztherapie. 2nd edition. München, Jena: Urban & Fischer 2001; 340.
4.Meissner W, Leyendecker P, Mueller-Lissner S, Nadstawek JA: A
randomised controlled trial with prolonged-release oral oxycodone and naloxone to prevent and reverse opioid-induced constipation. Europ Pain 2009; 13: 56–64 CrossRef MEDLINE

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