ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2016Dokumentation: Wie eine vereiste Blume

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Dokumentation: Wie eine vereiste Blume

Dtsch Arztebl 2016; 113(25): A-1224 / B-1028 / C-1012

Spath, Jürgen

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Der Dokumentarfilm zeigt, wie Menschen mit Depressionen die Welt wahrnehmen, und schafft so Verständnis für die Erkrankung und baut Vorurteile ab.

Der Film „Die Mitte der Nacht ist der Anfang vom Tag“ wird ab November auf einer Deutschlandtournee gezeigt. Der Film wird dann auch als DVD über die Stiftung Deutsche Depressionshilfe erhältlich sein, kann jetzt aber schon vorbestellt werden: http://www.deutsche-depressionshilfe.de/stiftung/DVD-Vorbestellung.php . Foto: sagamedia
Der Film „Die Mitte der Nacht ist der Anfang vom Tag“ wird ab November auf einer Deutschlandtournee gezeigt. Der Film wird dann auch als DVD über die Stiftung Deutsche Depressionshilfe erhältlich sein, kann jetzt aber schon vorbestellt werden: http://www.deutsche-depressionshilfe.de/stiftung/DVD-Vorbestellung.php . Foto: sagamedia

Wie sich Depressionen auf die Erkrankten im persönlichen und gesellschaftlichen Bereich auswirken, erzählt der Dokumentarfilm „Die Mitte der Nacht ist der Anfang vom Tag“ in 75 Minuten anhand des Schicksals zweier Frauen und einer Familie. Der Filme-macher und Psychiater Axel Schmidt, und die Regisseurin Michaela Kirst setzten die Idee des Films sensibel um, so dass sich der Zuschauer vorbehaltlos in das Leben der Erkrankten einfühlen kann. Unterstützung fanden die beiden bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und beim AOK-Bundesverband.

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Den Lichtschalter finden

„Man lebt jahrelang in einem Haus und entdeckt plötzlich eine Kellertür. Man macht die Tür auf, es ist einfach nur dunkel und plötzlich stößt irgendjemand einen die Kellertreppe herunter und macht die Tür dann zu. Das Einzige, was einem bleibt, ist sich durch den Raum zu tasten, denn irgendwie muss man den Weg da raus wiederfinden oder im Idealfall den Lichtschalter.“ So beschreibt eine der Protagonistinnen trefflich die unermessliche Verunsicherung, die den Erkrankten befällt. Die Filmemacher orientieren sich ausschließlich an den Betroffenen und ihrem direkten Umfeld, „damit sich die subjektive Sicht der Erkrankten vermittelt“, sagen Kirst und Schmidt. „Wir sind dankbar, dass uns die Betroffenen auf ihren Weg mitgenommen haben.“ Und dieser „Weg“ voller Trauer und Enttäuschung mit sich selbst, nimmt den Zuschauer ein. Beobachtbare Aufnahmen wechseln sich dabei mit Interviewausschnitten ab. Das macht den Film besonders wertvoll. Die Einblicke klären auf, machen betroffen und schaffen Verständnis oder Anteilnahme. Vorurteile werden abgebaut, anderen Betroffenen fällt es vielleicht leichter, sich offen zu ihrer Krankheit zu bekennen. Schlüsselmomente werden gezeigt, zum Beispiel als eine Bewerbung auf eine Ausbildungsstelle abgewiesen wird. Besonders diese, als Rückschläge empfundenen Ereignisse machen Depressiven zu schaffen – es kostet viel Kraft, sich immer wieder aufs Neue zu motivieren. Denn das Konstrukt in der Mitte des Ichs ist schwach und verlangt nach Bestätigung und nicht nach weiteren Herausforderungen.

Obwohl die Depression gut behandelbar ist, halten sich nach wie vor Vorurteile und irrtümliche Annahmen. Dagegen wehrt sich der Film in seiner Machart. Er nimmt Betroffenen die Furcht, sich in professionelle Behandlung zu begeben. Angehörige werden unterstützt, Verständnis für die Krankheit zu entwickeln. Ganz sanft werden im Film Methoden aufgezeigt, die hilfreich sein können, das Krankheitsbild zu verschieben, abzuschwächen oder ganz zu verdrängen. „Es sollen Risse entstehen, durch die das Licht dringen kann,“ ist dabei eine der Hauptaussagen des Films. Und das macht Mut.

So spricht der Psychotherapeut im Film auch nicht von einer Therapie, sondern von einem gemeinsamen Kunstwerk, das es zu kreieren gilt. „Wie fühlst Du Dich heute?“, fragt er die Patientin, „beschreib es mir bitte“. „Wie eine vereiste Blume – oder eine Blume im Eis“, ist die Antwort. „Ich schaue durch die Vereisung und niemand kommt an mich heran.“ Später bringt die Patientin eine Flasche mit gefrorenem Wasser mit, in der sich eine Rose befindet. Wahrlich ein Kunstwerk und ein sehr eindrucksvoller Moment für den Zuschauer. Denn die Rose braucht Wärme und das Eis taut, genau wie die Patientin, die mit einem ersten Riss neues Licht an ihre Seele lässt.

Kritikwürdig ist einzig die Darstellung des Umganges mit Psychopharmaka im Film. Langzeitpatienten berichten sehr positiv über ihren Umgang mit den Medikamenten. Ein Leben ohne findet keine Erwähnung.

Jürgen Spath

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