ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2016Zwangssterilisierungen: Opfer drängen auf Konsequenzen

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Zwangssterilisierungen: Opfer drängen auf Konsequenzen

Dtsch Arztebl 2016; 113(25): A-1205 / B-1012 / C-996

Neuber, Harald

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Mehr als 300 000 Frauen und 25 000 Männer wurden in Peru in den 1990er Jahren unfruchtbar gemacht. Der Skandal hat bis heute kaum Folgen.

„Gegen ihren Willen“: Esperanza Huamaya setzt sich für ein Zentralregister für die Opfer von Zwangssterilisierungen ein. Fotos: dpa
„Gegen ihren Willen“: Esperanza Huamaya setzt sich für ein Zentralregister für die Opfer von Zwangssterilisierungen ein. Fotos: dpa

Nach einem jahrelangen Tauziehen um die juristischen und politischen Konsequenzen aus massenhaften Zwangssterilisierungen zu Zeiten der Regierung von Präsident Alberto Fujimori (1990–2000) zeichnen sich in Peru Fortschritte in der Aufarbeitung dieser Menschenrechtsverletzungen ab. Erstmals hat ein beteiligter Arzt gegenüber der Presse des südamerikanischen Landes erklärt, im Auftrag des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums zahlreiche chirurgische Sterilisierungen durchgeführt zu haben. Auf Weisung des Ministeriums habe er damals bis zu 25 Eingriffe pro Tag vorgenommen, sagte der Chirurg Dr. Óscar Aguirre gegenüber der Tageszeitung La República.

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Aguirre bestätigte auch, was Opfergruppen und Menschenrechtsorganisationen seit langem bekräftigen: Dass die Regierung hohe Quoten zur Sterilisierung meist armer und indigener Frauen vorgegeben hat, um die Geburtenrate auf dem Land zu senken. Die Aussage des Mediziners dürfte nun weitere Bewegung in einen der größten Menschenrechtsskandale Lateinamerikas in den vergangenen Jahren bringen. Erst im November hatte der amtierende Präsident Ollanta Humala per Dekret erklärt, die Aufklärung der Affäre sei von nationalem Interesse. Nun sollen die Betroffenen in einem Zentralregister systematisch aufgenommen werden, um das Ausmaß verlässlich zu erfassen.

44 Frauen starben

Während der Regierung Fujimoris waren im Rahmen des „Nationalen Programms für reproduktive Gesundheit und Familienplanung“ Frauen im ganzen Land zur Sterilisierung gezwungen worden. Ein bereits 2002 erstellter Bericht des peruanischen Kongresses zählte mehr als 300 000 Tubenligaturen bei Frauen und mehr als 25 000 erzwungene Vasektomien bei Männern vom Jahr 1996 bis zum Jahr 2000. Die Betroffenen, meist arme Landbewohnerinnen aus dem Hochland der Anden, wurden gemeinhin weder aufgeklärt, noch um ihr Einverständnis gebeten. Nach bisherigen Erkenntnissen des Bürgerbeauftragten in Peru haben die oft unter katastrophalen hygienischen Bedingungen und unter großem Zeitdruck durchgeführten Eingriffe mindestens 44 Frauen das Leben gekostet.

Erste Hinweise auf die Zwangssterilisierungen gab es bereits 1997. Damals schilderte eine Hebamme der US-amerikanischen Anthropologin Kimberly Theidon zunächst schier unglaubliche Szenen. Sie habe bei 147 Tubenligaturen an zwei Tagen assistiert, sagte die Geburtshelferin. Als die Frauen aus der Anästhesie aufwachten, hätten die Assistenten die Türen rasch verschlossen, damit die wartenden Frauen durch die Schreie nicht abgeschreckt wurden. Schon damals sprach die Hebamme von staatlich vorgegebenen Quoten. Das Skurrile an der Geschichte ist, dass Fujimoris Programm zunächst selbst von Frauenrechtlerinnen gefeiert wurde. Bei der UN-Frauenkonferenz 1995 in Beijing hatte der damalige Staatschef sein Familienplanungsprogramm unter dem Applaus der Anwesenden als Stärkung der Frauenrechte angepriesen. Der Zuspruch von Politikerinnen und Frauenrechtlerinnen erklärte sich auch aus dem Widerstand der katholischen Kirche gegen jede Form von Empfängnisverhütung. Niemand konnte damals ahnen, was die betroffenen Frauen mitmachen würden.

Mit internationaler Billigung

So etwa Rute Zúñiga, die heute einem Interessenverband betroffener Frauen vorsteht. Unter Drohungen und Erpressung sei sie in ein lokales Behandlungszentrum gebracht worden. Ein Arzt und drei Krankenschwestern hätten sie an Armen und Beinen festgehalten, betäubt und ohne ihr Einverständnis sterilisiert, schildert sie. Zuvor hatten lokale Verwaltungsbeamte sich geweigert, ihr erstes Kind zu registrieren, wenn sie das Behandlungszentrum nicht aufsuche. „Dann sind einige Schwestern zu mir nach Hause gekommen, um mich abzuholen“, sagt sie. Als sie am Zielort ankam, war der Anblick ein Schock: Von der Anästhesie benebelt lagen Frauen nach dem Eingriff auf dem Boden, andere warteten verängstigt. „Ich sagte ihnen, dass ich auf die Toilette wollte, um zu fliehen, aber sie schlossen uns ein und bewachten uns“, schildert sie. „Dann nahmen sie mir meine kleine Tochter weg. Die anderen Frauen hatten Angst und weinten.“

Mehr als 3 000 Seiten belegen die Zwangssterilisierungen. Die Akten werden der Staatsanwaltschaft übergeben.
Mehr als 3 000 Seiten belegen die Zwangssterilisierungen. Die Akten werden der Staatsanwaltschaft übergeben.

Zahlreiche solcher Aussagen sind inzwischen bekannt. Betroffene Frauen schilderten ihre Erlebnisse gegenüber Journalisten, Vertretern der Staatsanwaltschaft oder auf Veranstaltungen zum Thema. Über Jahre hinweg ist dennoch nur wenig geschehen. Nach jahrelanger Debatte wurde 2006 die Kran­ken­ver­siche­rung für Opfer der Zwangssterilisierungen geöffnet, um sie gegen die zahlreichen Folgeschäden und Komplikationen abzusichern. Vor wenigen Monaten jedoch kritisierte die Frauenrechtsorganisation Demus, dass gerade einmal 83 betroffene Frauen in die staatliche Kran­ken­ver­siche­rung aufgenommen wurden. Die Organisation wies zudem auf die schwerer zu erfassenden sozialen Folgen hin: Viele Frauen wurden von ihren Ehemännern verstoßen und leben in finanziell noch prekäreren Verhältnissen als zuvor ohnehin schon. Für die Frauen ist die juristische Aufarbeitung daher wichtig, um ihr Leid anerkennen und Entschädigungen durchsetzen zu lassen.

Das verheerende „Familienplanungsprogramm“ betrifft indes nicht nur Akteure im Land, sondern auch internationale Geldgeber. Die damaligen Initiativen der Fujimori-Regierung wurden unter anderem von der US-amerikanischen Entwicklungshilfeagentur USAID finanziert. 40 Millionen US-Dollar flossen alleine an involvierte Nichtregierungsorganisationen, 17 Millionen US-Dollar an das „Nationale Programm für reproduktive Gesundheit und Familienplanung“ und weitere 18 Millionen wurden über Ausführungsorganisationen für die Ausbildung von Ärzten aufgewendet. Weitere Mittel kamen vom Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen und von der japanischen Nippon-Stiftung.

Ineffiziente Justiz

Obwohl die Finanzierung durch USAID schon 1998 im US-Kongress thematisiert wurde, haben diese Organisation und andere internationale Geber bis heute keine öffentliche kritische Bilanz gewagt. Der peruanische Anwalt Sigfredo Florian forderte daher bereits, die Ermittlungen auf die damaligen internationalen Geberorganisationen auszuweiten.

Menschenrechtsorganisationen in Peru wollen weiter für die Anerkennung des Unrechts kämpfen. In den wenig erschlossenen ländlichen Gebieten geht es in diesem Zusammenhang auch über eineinhalb Jahrzehnte nach den Geschehnissen vor allem darum, die Opfer erst einmal zu erfassen. Darüber hinaus arbeitet die Justiz, in der Fujimori offensichtlich noch über Anhänger verfügt, mehr als ineffizient. Dreimal wurde das Verfahren in gut 2 000 dokumentierten Fällen eingestellt, dreimal wieder aufgenommen. Erst im Februar dieses Jahres wehrte sich die Organisation Demus gegen eine weitere Verlängerung der Ermittlungen um 150 Tage. Die Staatsanwaltschaft habe neun Monate Zeit gehabt, den Fall zu untersuchen, führte eine der Anwältinnen der Opfer, Milton Campos, an. Es lägen genügend Hinweise vor, um Anklage gegen Fujimori und drei seiner damaligen Ge­sund­heits­mi­nis­ter zu erstatten. Vorsichtig optimistisch zeigte sich im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt Jairo Rivas, Vorsitzender der Menschenrechtsorganisation GREF, die sich für die Aufklärung des Medizinskandals einsetzt. „Immerhin reist die nun verantwortliche Staatsanwältin erstmals selbst in die Regionen, um Zeuginnen zu befragen“, so Rivas.

Harald Neuber

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