ArchivDeutsches Ärzteblatt23/1996Beschneidung: Rituelle Verstümmelung – auch in Deutschland sind Mädchen gefährdet

THEMEN DER ZEIT: Aufsätze

Beschneidung: Rituelle Verstümmelung – auch in Deutschland sind Mädchen gefährdet

Dessauer, Renate; Hauenstein, Elisabeth; Müller, Christa

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LNSLNS Daß in manchen afrikanischen Ländern Mädchen noch immer beschnitten werden, wissen viele. Daß schätzungsweise 20 000 betroffene Frauen in der Bundesrepublik Deutschland leben, ist den meisten unbekannt. Dabei wäre die Kenntnis der Rituale und ihrer Folgen gerade für deutsche Ärztinnen und Ärzte wichtig, um betroffene Frauen im Fall einer Krankheit oder einer Schwangerschaft besser behandeln zu können und ihren Töchtern die Verstümmelung zu ersparen.


Folgende Begebenheit ist leider kein Einzelfall mehr: Eine hochschwangere Afrikanerin wird zur Entbindung in eine Londoner Klinik eingeliefert. Als die Hebamme den Unterleib der jungen Frau freimacht, ist sie fassungslos. Dort, wo die Härchen des Babys bereits aus dem Leib hervorschauen, ist nur ein winziges kleines Loch zu sehen. Was die Hebamme nicht weiß: Sie steht vor einer pharaonisch beschnittenen Frau, die "gewaltsam" geöffnet werden muß, um ihr Kind gebären zu können. In diesem Fall ging noch einmal alles gut. Die herbeigeeilten Ärzte operierten die Frau und konnten einem gesunden Jungen zum Leben verhelfen.


20 000 betroffene Frauen in Deutschland
Auch in Deutschland wird zunehmend über rituelle Verstümmelungen von Mädchen berichtet. Nach Schätzungen sind bei uns inzwischen rund 20 000 Frauen betroffen, denn immer mehr ethnische Gruppen, die dieses grausame Ritual praktizieren, leben in der Bundesrepublik. Leider gibt es bezüglich der rituellen Verstümmelung, euphemistisch "Beschneidung" von Mädchen genannt, noch ganz erhebliche Informationsdefizite. Der Ausschuß "Ärztinnen" der Bundes­ärzte­kammer hat sich deshalb auf seiner jüngsten Sitzung dieses Problems angenommen (vgl. hierzu auch Politik Aktuell in DÄ 14/1996).
Daß es sich bei der weiblichen Beschneidung um eine schwere genitale Verstümmelung handelt, wissen nur die wenigsten. Die "harmloseste" Art, die sunnitische Beschneidung, bei der die Klitoris abgetrennt wird, wird nur bei einem sehr kleinen Teil der Mädchen angewandt. Dagegen handelt es sich bei der am weitesten verbreiteten Variante der Beschneidung, der Exzision oder Klitoridektomie, um einen wesentlich einschneidenderen Eingriff: die Klitoris und die kleinen Schamlippen werden teilweise oder vollständig amputiert. Von der brutalsten Beschneidungsform, der pharaonischen Beschneidung einschließlich Infibulation, sind fünf Millionen afrikanischer Frauen betroffen. Dabei werden sowohl die Klitoris als auch die inneren und ein Teil der äußeren Schamlippen amputiert. Danach werden zwei Drittel oder die gesamte Vulva mit Seide oder Darmsaiten zusammengenäht beziehungsweise mit Dornen geheftet. Lediglich eine winzige Öffnung zum Urinieren und für die Menstruation bleibt erhalten.
In der Regel erfolgt die Operation ohne jegliche Betäubung und unter verheerenden hygienischen Bedingungen. Instrumente sind Rasierklingen, Messer, Glasscherben, Holzstückchen, Dornen und stumpfe Scheren. Gegen Infektionen sollen Öl, Akazienharz oder Kräuter helfen. Die Heilung wird beschleunigt, indem man den Mädchen die Beine von der Hüfte bis zu den Knöcheln zusammenbindet, damit sie sich 40 Tage lang nicht bewegen können.


Chronische Entzündungen als Folge des Eingriffs
Die "Operateure" bei diesem unter primitiven Bedingungen stattfindenden Eingriff haben keinerlei medizinische Ausbildung. Oft sind es alte Frauen oder Hebammen, manchmal sogar Friseure. Die Folgen sind gravierend: Entzündungen sind an der Tagesordnung, viele der Mädchen verbluten. Ungefähr ein Drittel der pharaonisch beschnittenen Kinder bezahlt die Operation mit dem Leben. Die, die durchkommen, leiden mittelfristig an Rückenschmerzen, Blasen- und Nierenleiden sowie an chronischen Entzündungen.
Die infibulierten Frauen müssen in der Hochzeitsnacht vom Ehemann regelrecht aufgeschnitten werden – mit entsprechender psychischer und somatischer Traumatisierung. Durch die aufgrund der Beschneidung erhöhte Verletzungsgefahr ist zudem das Risiko einer AIDS-Übertragung für die Frauen sehr groß. Die Beschneidungen dürften ein wesentlicher Faktor für die große Zahl der an AIDS erkrankten Frauen in Afrika sein. Auch die Geburt von Kindern wird durch die Beschneidung massiv erschwert. Die Schwangeren müssen aufgeschnitten werden, wobei die Mutter oft verblutet oder das Baby noch im Mutterleib stirbt. Die Hälfte aller geburtsbedingten Todesfälle im Sudan lassen sich auf solche Komplikationen zurückführen.
Trotz all dieser negativen Auswirkungen halten viele afrikanische Völker an ihrer jahrtausendealten Tradition fest. Der Hauptgrund ist wohl, daß "man es immer so gemacht hat". Männern garantiert die Beschneidung ihrer Frau Jungfräulichkeit vor und Treue während der Ehe. Die Gesellschaft verlangt die Beschneidung, weil nur sie "Ansehen und Ehre, Reinheit und Anstand" eines Mädchens sicherstellt. Wenn Mütter ihre Töchter beschneiden lassen, tun sie dies in bester Absicht. Denn ein unbeschnittenes Mädchen will in Afrika kein Mann heiraten. So leben dort nach Angaben der Welt­gesund­heits­organi­sation noch 100 Millionen beschnittene Frauen. Und jedes Jahr kommen zwei Millionen verstümmelte Mädchen hinzu. Zum Zeitpunkt der Beschneidung sind sie zwischen sieben Tagen und vierzehn Jahren alt, meist jedoch erfolgt der Eingriff im Alter von vier bis acht Jahren.


Komitees gegen Beschneidungen gegründet
Rituelle Verstümmelungen gibt es praktisch im gesamten mittleren Gürtel Afrikas, von Äthiopien und Kenia im Osten bis zur Elfenbeinküste im Westen – zunehmend aber auch in europäischen Ländern, insbesondere in Frankreich und Großbritannien. Aber der Widerstand gegen diese Praktiken wächst. Er kommt von Ärzten, Hebammen und Frauenverbänden. In 26 afrikanischen Ländern gibt es bereits "Komitees gegen traditionelle Praktiken, die die Gesundheit von Frauen und Kindern schädigen". Mit Erziehungs- und Aufklärungsmaßnahmen, aber auch durch Einflußnahme in der Politik versuchen die Komitees, gegen diese barbarische Tradition anzugehen. Bei ihrer Arbeit sind sie dringend auf finanzielle und organisatorische Hilfe aus dem Ausland angewiesen (siehe auch Kasten).
In Deutschland besteht vor allem dringender Informationsbedarf über die grausamen Verstümmelungsrituale. Wer denkt bei einem Niereninfekt schon daran, daß die afrikanische Patientin beschnitten sein könnte? Bei Mädchen schließlich ist ein derartiger Eingriff unter Umständen schwierig zu erkennen. Jeder Arzt und jede Ärztin, die entsprechende ethnische Gruppen betreuen, sollten um die Problematik wissen und das Gespräch mit den Eltern suchen. Nur so kann es gelingen, zumindest den in Deutschland geborenen beziehungsweise aufwachsenden Mädchen ein grausames Schicksal zu ersparen. Gefordert sind aber auch die deutschen Politiker. In anderen europäischen Ländern, beispielsweise in Norwegen, Frankreich und in der Schweiz, ist die Beschneidung von Frauen und Mädchen schon längst strafrechtlich sanktioniert. In Deutschland besteht noch ein enormer Nachholbedarf.


Anschriften für die Verfasserinnen:
Dr. med. Elisabeth Hauenstein
Fachärztin für Allgemeinmedizin
Birkenweg 12
79288 Gottenheim


Sanitätsrätin
Dr. med. Renate Dessauer
Eduard-Mörike-Weg 9
66133 Saarbrücken-Scheidt

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