ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2016Unterlassung von gebotenen Untersuchungen

RECHTSREPORT

Unterlassung von gebotenen Untersuchungen

Dtsch Arztebl 2016; 113(25): A-1190 / B-1000 / C-984

Berner, Barbara

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Unterlässt ein Arzt Untersuchungen, die nach dem medizinischen Standard gebotenen sind, ist ihm ein Befunderhebungsfehler vorzuwerfen. Das hat der Bundesgerichtshof (BGH) entschieden. Im vorliegenden Fall hatte ein Frauenarzt bei einer schwangeren Patientin eine „leichte Blutdruckerhöhung“ diagnostiziert. Dabei war ihm bekannt, dass diese neben dem erhöhten Blutdruck an massivem Nasenbluten litt und die Eiweißausscheidung im Urin erhöht war. Aufgrund dieser konkreten Symptome hätte der Arzt nach Ansicht des Gerichts dem Verdacht auf eine Gestose nachgehen müssen. Bei dem Kind trat in der Folge eine Sauerstoffunterversorgung auf, die zu schwersten Gesundheitsschäden führte. Weil die Schwangere ein HELLP-Syndrom ausgebildet hatte, kam der Gerichtssachverständige zu dem Schluss, dass eine frühere Entbindung den Gesundheitsschaden des Kindes vermutlich verhindert hätte. Nach der Rechtsprechung des BGH führt ein einfacher Befunderhebungsfehler zu einer Beweislastumkehr. Das heißt, dass nicht der Patient den Behandlungsfehler und dessen Ursächlichkeit für den Gesundheitsschaden zu beweisen hat. Stattdessen muss der Arzt belegen, dass es keinen Zusammenhang zwischen seinem Fehlverhalten und dem Gesundheitsschaden gibt. In Abgrenzung dazu liegt nach Auffassung des Gerichts ein Diagnose-irrtum vor, wenn der Arzt erhobene oder sonst vorliegende Befunde falsch interpretiert und deshalb nicht die aus der Pflicht seines Fachgebietes gebotenen Maßnahmen ergreift. Nur ein grober Diagnoseirrtum führe zu einer Beweislastumkehr. Während die Vorinstanzen die Auffassung vertraten, dass die falsche Diagnose einer leichten Blutdruckerhöhung dazu geführt habe, dass keine weiteren Befunde erhoben wurden, sieht der BGH in der unrichtigen diagnostischen Einstufung den Grund darin, dass der Arzt die nach medizinischem Standard gebotenen Untersuchungen erst gar nicht veranlasst hat. Er sei zu einer Diagnose gelangt, ohne diese durch die medizinisch erforderliche Befunderhebung abzuklären. Der BGH verwies den Rechtsstreit an das Oberlandesgericht zurück. Denn die Beweislastumkehr nehme dem Arzt nicht die Möglichkeit, den Beweis des Gegenteils zu führen, daher müsse das Gericht auch Hinweisen des Arztes zu einer möglichen Infektion nachgehen, die den Gesundheitsschaden aus seiner Sicht verursacht habe.

BGH, Urteil vom 26. Januar 2016, Az.: VI ZR 146/14 RAin Barbara Berner

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema