ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2016Hausarztzentrierte Versorgung: Hausärzte sind effektive Patientensteuerer

POLITIK

Hausarztzentrierte Versorgung: Hausärzte sind effektive Patientensteuerer

Dtsch Arztebl 2016; 113(25): A-1196 / B-1006 / C-990

Maybaum, Thorsten

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die hausarztzentrierte Versorgung (HzV) ist ein probates Mittel, Patienten vernünftig durchs Gesundheitssystem zu schleusen. Haus-, Fachärzte, Patienten und AOK profitieren in Baden-Württemberg von dem Modell, zeigt der Evaluationsbericht nach acht Jahren HzV-Versorgung im Ländle.

Die Steuerung von Patienten durch Hausärzte hat in Baden-Württemberg zu weniger unnötigen Facharztkontakten und Klinikeinweisungen geführt. Das ergab eine wissenschaftliche Untersuchung der HzV im Auftrag der AOK. Demnach konnten in drei Jahren allein bei Diabetikern 1 700 schwerwiegende Komplikationen wie Amputationen oder Erblindung verhindert werden.

DMP Teil des Erfolgs

Anzeige

Ein Grund sei, dass Patienten in der HzV häufiger in Disease-Management-Programme (DMP) eingebunden seien, sagte Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt am Main. HzV-Ärzte seien verpflichtet, ihren Patienten diese strukturierten Chronikerprogramme anzubieten. Die DMP-Rate liegt bei Diabetikern in der HzV deutlich höher. Darüber hinaus müssten HzV-Ärzte regelmäßig an Qualitätszirkeln zur rationalen Pharmakotherapie teilnehmen, auch seien sie oft besser über aktuelle Leitlinien informiert.

Die Versorgungsforscher überprüften auch, wie sich die Lotsenfunktion des Hausarztes auf vermeidbare Klinikeinweisungen auswirkt. Von 2011 bis 2014 lag die Anzahl in der HzV demnach pro Jahr jeweils um gut einen Prozentpunkt niedriger. Bezogen auf eine Million HzV-Versicherte sind dies insgesamt rund 40 000 Fälle. Davon entfallen allein pro Jahr rund 3 900 auf Koronare Herzerkrankung (KHK) und Herzinsuffizienz. Der Rückgang sei auf die intensivere und besser koordinierte Betreuung chronisch kranker Patienten durch den Hausarzt zurückzuführen, so Prof. Dr. med. Joachim Szecsenyi, Ärztlicher Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Heidelberg.

Die Forscher machten deutlich, dass die Effekte der HzV über Jahre hinweg konstant sind. In der Mehrzahl der untersuchten Versorgungsbereiche profitieren die Patienten sogar von Jahr zu Jahr mehr. Das liegt laut Bericht auch an den Facharztverträgen, die seit 2010 mit der HzV verbunden werden. Wesentlicher Bestandteil seien gemeinsam erarbeitete und vertraglich festgelegte „Schnittstellen-Management-Lösungen“, führte Gerlach, einer der Studienautoren aus.

Weniger Operationen

Konkret sei für Patienten mit Vorhofflimmern nach Herzinfarkt, die im Kardiologievertrag behandelt werden, eine leitliniengerechtere Wirkstoffverordnung festgestellt worden. Der Gastroenterologievertrag führte in Bezug auf die stationäre Versorgung von Patienten mit chronisch-entzündlichen Darm­er­krank­ungen zu weniger Krankenhauseinweisungen und Operationen im Magen-Darm-Trakt.

Christopher Hermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg, kündigte angesichts der Ergebnisse an, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. „Wir investieren konsequent in neue patientenorientierte Versorgungsstrukturen und diese Rechnung geht zum Wohle unserer Versicherten auf“, betonte er. Hermann bezifferte die Investitionen in die Hausarzt- und Facharztverträge im vergangenen Jahr auf 530 Millionen Euro (siehe Grafik). Im Vergleich wäre die Regelversorgung um 35 Millionen Euro teurer gewesen, rechnete Hermann vor.

Alternative Regelversorgung Baden-Württemberg 2015 Investitionen und Finanzierung
Alternative Regelversorgung Baden-Württemberg 2015 Investitionen und Finanzierung
Grafik
Alternative Regelversorgung Baden-Württemberg 2015 Investitionen und Finanzierung

Dass künftig die Versorgung anders gesteuert werden muss, ist auch Teil des Positionspapiers „KBV 2020“ der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Darin schlägt diese spezielle Versicherungstarife für Patienten vor, die sich verpflichten, immer zuerst den Hausarzt aufzusuchen, und für solche, die sich für den direkten Zugang zum Facharzt entscheiden. Es gehe künftig um ein „sinnvolles Miteinander von Kollektiv- und Selektivverträgen“, erklärte ein KBV-Sprecher. „Beide Vertragsformen machen Sinn.“

Thorsten Maybaum

Alternative Regelversorgung Baden-Württemberg 2015 Investitionen und Finanzierung
Alternative Regelversorgung Baden-Württemberg 2015 Investitionen und Finanzierung
Grafik
Alternative Regelversorgung Baden-Württemberg 2015 Investitionen und Finanzierung

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema