ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2016Fachprogramm Medizintechnik: Ganz nah am medizinischen Bedarf

TECHNIK

Fachprogramm Medizintechnik: Ganz nah am medizinischen Bedarf

Dtsch Arztebl 2016; 113(25): A-1228 / B-1030 / C-1014

Richter-Kuhlmann, Eva

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Der Patientennutzen steht im Vordergrund des neuen Fachprogramms Medizintechnik des Bun­des­for­schungs­minis­teriums. Es zielt darauf ab, innovative medizintechnische Lösungen entlang von klinischen Behandlungspfaden zu entwickeln.

Foto: BVMed
Foto: BVMed

Es sind die guten Ideen, aus denen neue Produkte oder auch Dienstleistungen entwickelt werden. Damit jedoch Medizintechnikfirmen auch bedarfsgerechte Produkte entwickeln können, müssen sie ihre Innovationen quasi vom Ende her denken und ihren potenziellen Einsatzbereich genau kennen. An dieser Stelle setzt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) an. Mit einem neuen Programm Medizintechnik will es den Herausforderungen einer älter werdenden Gesellschaft begegnenden, Erwartungen an eine möglichst individuelle Medizin genügen und gleichzeitig das deutsche Gesundheitssystem entlasten. „Forschung soll sich stärker als bisher am medizinischen Bedarf ausrichten und in anwendungsfähigen Produkten münden, die tatsächlich geeignet sind, die Gesundheitsversorgung in Deutschland und auch international zu verbessern“ erläuterte Georg Schütte, Staatssekretär des BMBF, bei der Vorstellung des neuen Programms bei der Nationalen Strategiekonferenz Medizintechnik Ende Mai in Berlin.

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Von der Idee zur Marktreife

Das Fachprogramm Medizintechnik sei ein wichtiger Meilenstein, der den Paradigmenwechsel in der BMBF-Förderung im Bereich Medizintechnik untermauere, sagte Schütte. Bereits im Entwicklungsprozess von Medizinprodukten müsse künftig erkennbar sein, dass sie die Hürden zur Integration in die Versorgung überspringen können. Das BMBF wolle den Unternehmen dafür den Zugang zu Versorgungswissen erleichtern. Konkret stellt das Ministerium in den nächsten fünf Jahren dafür rund 240 Millionen Euro bereit, wobei 2017 40 Millionen Euro und ab 2018 jeweils 50 Millionen Euro pro Jahr ausgegeben werden sollen.

Das neue Fachprogramm Medizintechnik ist ein Ergebnis des nationalen Strategieprozesses „Innovationen in der Medizintechnik“, den das BMBF vor fünf Jahren gemeinsam mit dem Bundesministerium für Gesundheit, dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sowie Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Gesundheitsversorgung und der Selbstverwaltung ins Leben gerufen hat, um die Forschungs-, Gesundheits- und Wirtschaftspolitik zu vernetzen. Dabei verweisen die Ministerien auf die Entwicklung der Medizintechnik: Sie ist mittlerweile eine der forschungsintensivsten Branchen, die seit Jahren überdurchschnittliche Erfolge vorweist, die sich auf den gesamten Versorgungsprozess von der Prävention und Diagnose, über Therapie, Nachsorge und Rehabilitation bis zur Pflege auswirken.

„Das Patientenwohl ist eng an den medizinischen und technischen Fortschritt geknüpft. Innovative Medizinprodukte tragen wesentlich dazu bei, dass Menschen bis ins hohe Alter ein aktives Leben führen können und dass eine soziale Teilhabe von Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen gesichert ist“, erläuterte Schütte. „Um Erfolge zu erzielen, ist es jedoch besonders wichtig, dass Forscher, Hersteller und Anwender zusammenarbeiten und Produkte gemeinsam von der Idee bis zur Marktreife bringen“, betonte Christoph Miethke, geschäftsführender Gesellschafter der Christoph Miethke GmbH & Co. KG. Nur auf diese Weise würden Wissen und Kreativität aller Beteiligten möglichst effektiv eingesetzt. Produktideen müssten von Beginn an nach ihrem Nutzen für die Patientenversorgung bewertet werden und während der Entwicklung müsse ein stetiger Dialog mit den klinischen Anwendern aufrechterhalten werden.

„Für uns als Hersteller heißt das aber auch, dass wir den medizinischen Nutzen innovativer Produkte stärker belegen müssen“, sagte Miethke. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die „das innovative Rückgrat der Branche“ bildeten, könnten häufig aber den hohen Aufwand und die steigenden Kosten für klinische Studien kaum aus eigener Kraft stemmen. Eine BMBF-Förderung helfe hier sehr. Mit seiner Fördermaßnahme „KMU-innovativ: Medizintechnik“ stelle das BMBF deshalb seit 2013 20 Millionen Euro Fördermittel pro Jahr zur Verfügung, ergänzte Schütte.

Firmen: Rein in die Klinik

Schütte präsentierte speziell eine BMBF-Fördermaßnahme: den Aufbau der „Industrie-in-Klinik-Plattformen“, für den insgesamt 30 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Mit den Plattformen wolle sein Haus insbesondere dazu beitragen, dass sich neue Medizinprodukte entsprechend einer Empfehlung aus dem Nationalen Strategieprozess „Innovationen in der Medizintechnik“ noch stärker als bisher am tatsächlichen Versorgungsbedarf ausrichten. „Hierfür sind industriell orientierte Infrastrukturen in Klinik-nähe von besonderer Bedeutung. Kliniker, Unternehmer und Investoren müssen vor Ort die Möglichkeit erhalten, gemeinsam innovative Produkte im klinischen Umfeld zu entwickeln und zu erproben“, erklärte der Staatssekretär. Aus 17 eingereichten Projektskizzen wählte das BMBF jetzt fünf Plattformen für die Erprobungsphase aus. Sie werden innerhalb von drei Jahren modellhaft getestet (Kasten).

Ein Markenzeichen dieser Plattformen soll es sein, dass sich nicht die Kliniker mit der Industrie wie bisher lediglich vernetzen, sondern die Industrie direkt in die Kliniken geht. Die räumliche Nähe soll es industriellen Entwicklergruppen aus der Medizintechnik ermöglichen, medizinische Expertise und die Erfahrungen aus dem Versorgungsalltag in der Klinik in den Innovationsprozess zu integrieren. Der Plattformbetreiber soll hierfür die notwendige Infrastruktur, Logistik und Fachexpertise bereitstellen und auf diese Weise Innovationsprozesse in der Medizintechnik durch ein koordiniertes Zusammenwirken von Entwicklern und Klinikern beschleunigen.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Ausgewählte Industrie-in-Klinik-Plattformen

1. Kizmo Oldenburg:

Das Klinische Innovationszentrum für Medizintechnik Oldenburg (Kizmo) wird am Evangelischen Krankenhaus in Oldenburg eingerichtet. Dort sollen Werkzeuge für Diagnostik, Therapie und Rehabilitation in der HNO, der Neurochirurgie und der Phoniatrie entwickelt und erprobt werden.

2. M3i München:

Das Münchner Modell Medizininnovation (M3i) unterstützt – angesiedelt direkt am Klinikum der Universität München (KUM) – Hersteller, die sich auf die Bereiche der Chirurgie und der interventionellen Kardiologie konzentrieren.

3. MEC-ABC Bonn:

Die Industrie-in-Klinik-Plattform „Medical Care and Product Development in Aachen-Bonn-Cologne (MEC-ABC) ist am Uniklinikum Bonn angesiedelt und unterstützt die Entwicklung von Medizinprodukten im Bereich der neurologischen Rehabilitationstechnik und der Hilfsmittelversorgung.

4. MHI Berlin:

Partner des Mental Health Inkubators in Berlin (MHI Berlin) ist das Unfallkrankenhaus Berlin. Gemeinsam werden Unternehmen unterstützt, die innovative digitale Anwendungen zur Diagnose und Therapie von psychoneurologischen Erkrankungen entwickeln.

5. NeuroTechGate Bochum:

Das Berufsgenossenschaftliche Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum unterstützt die Plattform „NeuroTechGate“, die langfristig klinisch-industriell angelegte Partnerschaften für Hersteller realisiert, die sich auf neuromedizinische Technologien zur Therapie von Erkrankungen des Nervensystems und daraus resultierender sensomotorischer Störungen konzentrieren.

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