ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2016Selbstmanagement: Auf Körpersignale achten

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Selbstmanagement: Auf Körpersignale achten

Dtsch Arztebl 2016; 113(25): [2]

Kutscher, Patric P.

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Ein seltsames Gefühl, ein Kribbeln, eine Verspannung, ein „ungutes oder komisches Bauchgefühl“ oder auch ein „gutes Gefühl“ – zuweilen spricht der eigene Körper und sendet Signale aus, die man beachten sollte.

Foto: iStockphoto
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Zahlen, Daten, Fakten beherrschen unseren Alltag. Aber viele Ärzte kennen die Situation, dass sie etwa im Mitarbeiter- oder Patientengespräch eine innere Stimme vernehmen: „Jetzt muss ich auf das folgende Argument zu sprechen kommen ...“ Oder das Bauchgefühl signalisiert, man befinde sich auf dem vollkommen falschen Weg und verliere den Gesprächspartner gleich. Oder der berühmt-berüchtigte „Kloß im Hals“ weist den Arzt darauf hin, dass die soeben getroffene Entscheidung, den Mitarbeiter heftig zu kritisieren, eventuell doch nicht angemessen war.

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Bauchentscheidungen und die Macht des Unbewussten

„Gerade Ärzten als naturwissenschaftlich geprägten Menschen fällt es zuweilen schwer, zumindest zu prüfen, ob sich nicht auch bei ihnen so etwas wie eine innere Stimme meldet – und ob diese innere Stimme ihnen etwas zu sagen hat.“ Das ist die Erfahrung von Dr. Benno Wölfel, niedergelassener Facharzt für Allgemein- und Sportmedizin nahe Darmstadt.

Mittlerweile sind jedoch selbst einige Hirnforscher und Schulmediziner der durch Untersuchungen bestätigten Meinung, dass die Seele die Biologie des Körpers verändern könne. Psychologen wie Gerd Gigerenzer oder Wissenschaftsjournalisten wie Gerald Traufetter erforschen, wie Menschen Entscheidungen fällen. Sie betonen die Bedeutung von Bauchentscheidungen, der Macht des Unbewussten und der Intuition. Traufetter listet in seinem Buch „Intuition – Die Weisheit der Gefühle“ Belege dafür auf, dass bei Entscheidungen das Unbewusste mitmische, ja, sogar einen größeren Anteil habe als das Bewusstsein.

Der Neurophysiologe Antonio Damasio beschreibt in seinem Buch „Ich fühle, also bin ich – die Entschlüsselung des Bewusstseins“, wie das Gedächtnis eine äußere Begebenheit im Zusammenhang mit bewussten und unbewussten Erfahrungen verarbeitet. Mithilfe eines Körpersignals wird ausgedrückt, wie das Gedächtnis eine neue Erfahrung auf der Basis jener bewussten und unbewussten Erfahrungen bewertet.

Die Rede ist dann vom Erfahrungsgedächtnis oder vom „impliziten Wissen“. Gemeint sind eben jene Informationen, die das Gehirn zwar abspeichert, die jedoch nicht direkt mit dem Bewusstsein in Kontakt stehen und darum nicht direkt abrufbar sind. Diese Informationen werden in einem unbewussten Datenspeicher abgespeichert, in dem Erfahrungen gesammelt und verdichtet werden, die bei Entscheidungsprozessen aktualisiert werden, ohne dass der Mensch sich dessen bewusst ist.

Der eigenen Intuition folgen oder rationalen Argumenten?

Benno Wölfel nennt ein Beispiel: „Für den Arzt als Führungskraft mit Personalverantwortung bedeutet dies, dass er im Bewerbungsgespräch intuitiv weiß, welcher Bewerber der richtige ist, ohne dies jedoch dezidiert begründen zu können. Dann kommt es darauf an, ob der Arzt auf seine Intuition hört oder sie als unerbetene Einmischung definiert, weil er es bevorzugt, lieber eine sachliche und rational fundierte Entscheidung zu treffen.“

Wahrscheinlich jedoch ist es nicht richtig, eine Entweder-oder-Position aufzubauen. Bestünde nicht ein goldener Mittelweg darin, bei substanziellen Entscheidungen sorgfältig abzuwägen, welche eher rationalen Pro- und Kontra-Argumente vorliegen und was das Bauchgefühl, sofern es sich denn gemeldet hat, signalisiert?

Ein anderes Beispiel, wie sich die innere Stimme und Körpersignale in Entscheidungsprozesse und das Kommunikationsverhalten integrieren lassen, ist das wichtige Gespräch, das der Arzt in der Klinik führt: Eigentlich sprechen alle Argumente für eine bestimmte Entscheidung, aber der Arzt hat ein ungutes Gefühl, das sich durch ein Ziehen im Bauch Ausdruck verschafft. Eine Option ist, diesen somatischen Marker, das Bauchziehen, nicht zu ignorieren. Der Arzt bittet um eine Gesprächspause und nutzt sie, um den Gründen für dieses Körpersignal nachzuspüren. Dann trifft er die Entscheidung, ob er das Bauchgefühl berücksichtigen soll oder nicht.

Selbstwahrnehmung schärfen und Signale interpretieren

„Selbst wenn sich der Arzt in einer Besprechung befindet, die eigentlich keine Unterbrechung erlaubt: Sobald sich eines der Besorgnis erregenden Körpersignale meldet, sollte er sich nicht scheuen, das Meeting oder die Besprechung zu verlassen, um in Ruhe darüber zu reflektieren, ob hier irgendetwas nicht stimmt“, empfiehlt Wölfel.

Ärzte, die sich dafür entschieden haben, ihre Körpersignale zu beachten und auf Ursachensuche zu gehen, sollten mit Sensibilität prüfen, wann sich bei ihnen ein Körpersignal meldet. „Es ist richtig, seine Selbstwahrnehmung zu schärfen und darauf zu achten, wann und in welchen konkreten Situationen sich ein bestimmtes Körpersignal meldet. So gelingt es dem Arzt nach und nach, seine somatischen Marker besser einschätzen und interpretieren zu können“, führt Wölfel aus. Der konkrete Nutzen: Wer weiß, dass ein Bauchziehen oft dann auftritt, wenn sich positive Entscheidungen andeuten, sich bei eher negativen hingegen eine Nackenverspannung meldet, dem liegt neben den rationalen nun auch noch ein intuitives Entscheidungskriterium vor.

Gegebenenfalls ist es zielführend, dabei einen Experten zu Rate zu ziehen, damit die Interpretation der Körpersignale nicht in eine falsche Richtung läuft. Auf jeden Fall aber sollte der Arzt seine Beobachtungen zu seinen intuitiven Erfahrungen schriftlich festhalten. So erkennt er vielleicht eher ein Muster, das darauf hinweist, in welchen Situationen sich die innere Stimme auf welche Art und Weise meldet.

Wenn Stress im Klinikalltag die Intuition verschüttet

Ein Problem ist, dass der Zugang zur Intuition zuweilen durch Stress und Belastungen im Klinikalltag verschüttet wird. Dann helfen Entspannungstechniken und Atemübungen, sich in einen Zustand der Gelassenheit zu versetzen, um die somatischen Marker oder Körpersignale wahrnehmen zu können. Denn je mehr wir uns anstrengen, Zugang zur Intuition zu finden, desto weniger gelingt dies. Darum lohnt es sich, ab und zu loszulassen – und dieses Loslassen einzuüben.

Patric P. Kutscher

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