ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2016Biosimilars: Der Arzt entscheidet

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Biosimilars: Der Arzt entscheidet

Dtsch Arztebl 2016; 113(25): A-1199 / B-1009 / C-993

Richter-Kuhlmann, Eva

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Bei Arzneimittelverordnungen sorgen zunehmend Biologika für hohe Kosten. Die Barmer GEK sieht durch den Einsatz von gleichwertigen Biosimilars ein Einsparpotenzial in Millionenhöhe. Dieser „Schatz“ lässt sich aber nur mit Hilfe der Ärzte heben.

In der Praxis entsteht durch die Biosimilars eine Wettbewerbssituation, in der Ärzte zwischen therapeutisch gleichwertigen, aber unterschiedlich teuren Alternativen wählen können. Foto: Fotolia/Kzenon
In der Praxis entsteht durch die Biosimilars eine Wettbewerbssituation, in der Ärzte zwischen therapeutisch gleichwertigen, aber unterschiedlich teuren Alternativen wählen können. Foto: Fotolia/Kzenon

Von „Waschküchenpräparaten“ ist manchmal die Rede, wenn über Biosimilars gesprochen wird. „Völlig zu Unrecht“, meint Prof. Dr. med. Daniel Grandt, Mitglied im Vorstand der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft. „Biosimilars sind Kopien eines Biologikums nach dessen Patentablauf. Genauso wenig wie die verschiedenen Herstellungschargen des Originals miteinander identisch sein können, kann ein Biosimilar hierzu identisch sein“, erläuterte der Chefarzt der Klinik für Innere Medizin I des Klinikums Saarbrücken. Es sei jedoch sichergestellt, dass die Unterschiede so gering seien, dass sowohl Wirksamkeit als auch Verträglichkeit dem Referenzarzneimittel entspreche. Die Zulassung der Biosimilars sei vergleichbar aufwendig wie die der Originale.

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Bei der Vorstellung des Arzneimittelreports 2016 der Barmer GEK in Berlin, dessen Mitautor Grandt ist, warb der Internist dafür, künftig durch Aufklärung Vorurteile gegen Biosimilars abzubauen. Denn durch den konsequenten Einsatz von den Nachahmerprodukten von biotechnologisch hergestellten Arzneimitteln (Biologika) könnten in den nächsten fünf Jahren mehr als vier Milliarden Euro in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) eingespart werden. Zu diesem Ergebnis kommt der Barmer GEK Arzneimittelreport 2016, der sich in diesem Jahr dem Themenschwerpunkt „biotechnologisch hergestellte Arzneimittel“ widmet.

Bislang waren biotechnologisch hergestellte Arzneimittel Nischenprodukte. Mittlerweile verursachten sie aber bereits 21 Prozent der gesamten Arzneimittelkosten, analysierte der Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Dr. med. Christoph Straub. Sie seien ein entscheidender Grund für die starke Ungleichheit bei der Verteilung der Arzneimittelausgaben unter den Versicherten. So fielen bei der Barmer GEK 50 Prozent der Arzneimittelausgaben auf 2,9 Prozent der Versicherten mit Arzneimittelverordnungen. „Die Erfahrung zeigt, dass Biosimilars etwa 25 Prozent günstiger sind als die Originalpräparate“, sagte Straub. Die Versorgungsqualität leide nachweislich nicht darunter.

Mehrkosten ohne Zusatznutzen

Doch während durch den Einsatz von Generika schon lange auf dem Arzneimittelsektor gespart wird, sind die Einsparpotenziale von Biosimilars noch nicht ausgeschöpft. Das liegt unter anderem daran, dass der Austausch mit dem Original nicht wie bei Generika in den Apotheken vorgenommen werden kann. „Den Schlüssel für die Verordnungen bei den Biosimilars halten die Ärztinnen und Ärzte in der Hand“, so Straub. Sie entschieden über die Therapie, sollten jedoch nicht nur medizinisch richtig, sondern auch wirtschaftlich klug verordnen. „Es geht uns nicht darum, durch Biosimilars auf die Kostenbremse zu treten, sondern darum, überflüssige Ausgaben zu vermeiden und das Geld stattdessen sinnvoll an anderer Stelle in der medizinischen Versorgung einzusetzen“, betonte der Vorstandsvorsitzende.

Die Grundlagen dafür seien vorhanden: Bereits jetzt liefen die Patente für äußerst umsatzstarke Originale aus und könnten durch die preiswerteren Nachahmerpräparate ersetzt werden. Würden Ärztinnen und Ärzte Biosimilars sachgerecht und konsequent verschreiben, würden allein bei der Barmer GEK jedes Jahr mehr als 100 Millionen Euro frei, rechnete Straub vor. „Diesen Schatz gilt es zu heben.“ Die Barmer GEK setzt dabei auf die Umsetzung der Vereinbarungen des Pharmadialogs: Die Ärzte sollen besser über Arzneimittel informiert werden. Einer der ersten Schritte müsse es sein, dass Kassen und KVen Zielvereinbarungen zu Umsetzungsquoten vereinbaren.

Momentan differieren die Biosimilar-Verordnungsquoten je nach Kassenärztlicher Vereinigung um fast 100 Prozent: Während die Ärztinnen und Ärzte in Bremen in 54,2 Prozent der Fälle Biosimilars verordnen, sind es im Saarland nur 27,4 Prozent. „Medizinisch lassen sich diese enormen regionalen Differenzen bei den Verordnungsquoten nicht erklären“, sagte Grandt. Dass viele Ärzte Biosimilars nur selten verordnen, könnte an der Informationspolitik der Pharmahersteller liegen. Hier sollten die Kassenärztlichen Vereinigungen mögliche Vorurteile ausräumen.

Dr. Eva Richter-Kuhlmann

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