ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2016Von schräg unten: Kunst

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Kunst

Dtsch Arztebl 2016; 113(25): [72]

Böhmeke, Thomas

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Was bin ich froh, dass ich Medizin studiert habe. Nicht nur, weil es mich in die Lage versetzt, mich selbst zu therapieren (mit ziemlich dubiosen Erfolgen), sondern weil ich kraft meiner Ausbildung überall und zu allen Themen mitreden kann (so denke ich mir das jedenfalls). Sitze ich mit einem Chemiker zusammen, punkte ich durch Sachverstand bei Strukturformeln, Biologen beeindrucke ich durch Kenntnis krankmachender Keime, Physiker begeistere ich durch Beherrschung der Bernoulli-Gleichung.

Heute will ich mich bei meiner Liebsten, die Kunst studiert hat, gleichermaßen in Szene setzen. Wir fahren nach Wuppertal zu einer Ausstellung, die Plastiken von Henry Moore zeigt, und ich bin ganz aufgeregt, meinen künstlichen Sachverstand demonstrieren zu können. Schau hier! rufe ich aufgeregt im Anblick einer Dame in halbliegender Position, dieses diffuse Ödem des rechten Beines, das bis über die Fußrücken reicht, welch klassische Darstellung eines sekundären Lymphödems! Mein Herzblatt guckt, sagt aber nichts. Ich muss nachlegen. Wenn man sich die Beckenregion anschaut, so fällt sofort diese tumoröse Läsion kaudal der rechten Beckenschaufel auf; wenn das nicht ein gynäkologisches Malignom mit Kompression der Lymphbahnen im kleinen Becken ist! Der Blick meiner Besten erinnert mich an die fahrlässige Sekunde, in der ich ihr gestanden habe, dass ich von Frauenheilkunde keinen Schimmer habe. Ich muss also überzeugender, kraftvoller, dramatischer zu Werke gehen. Dieses Werk! so rufe ich dermaßen laut, dass der Museumswärter augenblicklich unter einer doppelseitigen Fazialisparese leidet, kann nur durch präzise Beobachtung auf der Unfallchirurgie entstanden sein! so kommentiere ich den verdrehten Kopf der Statue. Diese eindrucksvolle Torsion im Bereich der unteren HWS kann nur von einer traumatischen C5/C6-Läsion hervorgerufen worden sein! Meine Schönste weicht unauffällig von meiner Seite, was ich als sehr rücksichtsvoll empfinde, da sich nunmehr die Augen des übrigen kunstsinnigen Publikums ungehindert an meine so fach- und sachkundigen Lippen heften können. Jetzt ist meine Chance gekommen: Ich muss den gnadenlosen, alle Details durchdringenden, alle Bögen überspannenden Kunstsachverständigen erkennen lassen. Das ist nicht zu fassen! so verlautbare ich meine Kritik, das ist ja gar kein Marmor, an dieser Unterschenkelfraktur blitzen Blechstreifen und Gipsstücke hervor! Des Pudels Kern ist ein dicker Hund! Das ist gar nicht das, wonach es ausschaut, das ist vorsätzliche Täuschung! Das ist wie eine Kran­ken­ver­siche­rung, die einen auf Intensivstation im Regen stehen lässt; wie eine Pharmafirma, deren prämiertes Präparat paradox wirkt! Diese hohe Kunst ist banaler Betrug! Meine Angebetete nimmt mich wortlos beiseite. Warum? will ich wissen, ich habe doch noch lange nicht fertig! „So viel Medizin mag Henry Moore möglicherweise nicht.“ Ich bin stinksauer, fühle meine Meinung maximal misshandelt, bin zum vehementen Widerspruch entschlossen. „Um Himmels Willen, ich sehe, wie es in Deinem Hirn brodelt! Bitte, bitte, schreib’ keine Glosse darüber!“ Doch!

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Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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