ArchivDeutsches Ärzteblatt26/1999Börsebius zum Gold: Hoch gepriesen, tief gefallen

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Börsebius zum Gold: Hoch gepriesen, tief gefallen

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Über Jahrtausende zählte Gold zu den mystischen Dingen der Menschheit. Es schien so, daß zum Golde alles drängte, am Golde alles hing.
Ach Poesie, ach güld’ne Welt. Die Realität sieht ganz anders aus. Der Goldpreis hat einen dramatischen Verfall hinter sich gebracht. Seit Jahren geht es nunmehr schon abwärts.
Erstaunlich dabei ist vor allem, daß eine der früheren Funktionen, als Krisenmetall zu dienen, völlig über die Wupper gegangen ist. Weder die wirklich heftigen Finanzkrisen in Lateinamerika und Asien noch der Krieg im Kosovo haben den Goldpreis zu einem kleinen Hüpfer nach oben bewegen können. Über die Frage, ob nun - bei einem Unzenpreis von 250 Dollar - das Ende der Talfahrt erreicht sei, streiten die Experten heftig. Die Vertreter der Goldlobby und erst recht spezielle Broker, aber auch manche Anlageberater blasen jetzt zum Einstieg, tiefer könne es nun tasächlich nicht mehr gehen mit dem Goldpreis. Meistens werden dann zur Untermalung der Argumentation Bildchen hergezeigt, aus denen klar ersichtlich sein soll, daß der Wendepunkt erreicht ist.
Ich persönlich glaube das nicht. Meiner Meinung nach ist von einer Avance des Goldes weit und breit nichts zu sehen. Das hat nur am Rande damit zu tun, daß dieses Anlagevehikel keine Zinsen abwirft und nur Lagerkosten verursacht, das war ja früher auch nicht anders.
Nein, es geht vor allem darum, daß es erstens Gold in Hülle und Fülle gibt und zweitens mehr Leute das gelbe Metall verkaufen, als es andere haben wollen. In aller Schlichtheit: Gold ist ein reiner Rohstoff geworden, bei dem die Gesetze des Marktes, also Angebot und Nachfrage, mit einer mittlerweile bedrückenden Realität funktionieren.
Mehr Leute, wer ist das? Das ist die Bank von England, die will die Hälfte ihres Bestandes auf den Markt werfen. Und selbst die so konservativen Schweizer planen den Abbau ihrer Edelmetallreserven. Ein anderer Verkaufskandidat ist der Internationale Währungsfonds. Der selber in Geldnot geratene IWF muß, um den soeben auf dem Kölner Gipfel beschlossenen Schuldenerlaß für die ärmsten Länder der Welt zu finanzieren, tief in seine Goldreserven greifen.
Dabei geht es nicht um ein paar tausend Feinunzen, sondern um mehrere hundert Tonnen des Edelmetalls, die jetzt und in absehbarer Zukunft auf den Markt geworden werden. Erschrecken Sie jetzt bitte nicht, aber ich halte einen Preis von 150 bis 170 Dollar pro Feinunze durchaus für vorstellbar. Am Golde hängt eben doch nicht
alles. Börsebius
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