ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2016Gesundheits-Apps: Viele Chancen, wenig Evidenz

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Gesundheits-Apps: Viele Chancen, wenig Evidenz

Beerheide, Rebecca

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Mit einer umfangreichen Studie hat das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium den Markt und die Möglichkeiten von Gesundheits-Apps untersuchen lassen. Fazit: Trotz der riesigen Chancen fehlt es an Evidenz, verbindlichen Strukturen, Kriterien und Zulassungsverfahren.

Foto: iStockphoto
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Smartphones, Tablets, Wearables oder Datenbrillen – die Möglichkeiten der technischen Geräte, die immer stärker zum täglichen Begleiter von Menschen werden, sind seit Jahren immens gestiegen. Die kommerziellen Anbieter von Apps und Programmen, die sich mit der Gesundheit des Nutzers beschäftigen, entwickeln laufend neue Programme. Ein großer Wirtschaftsmarkt ist hier entstanden – sei es für einfache Fitness- und Lifestyleanwendungen, Gesundheitstagebücher oder auch komplexe Programme zur Diagnostik und Therapie. Einen Überblick über die Marktlage in Deutschland sowie Chancen und Risiken bietet die Studie „Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps“, kurz Charismha. Unter der Leitung von Dr. med. Urs-Vito Albrecht, der schon vor Jahren eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe aus Informatikern, Medizinern, Ethikern, Rechtsanwälten und Sozialmedizinern am Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik der TU Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover zusammen gerufen hat, ist eine 350 Seiten starke detaillierte Analyse des aktuellen Marktes entstanden. Die Studie wurde durch das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) finanziert.

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Dies war eine Mammutaufgabe der 18 beteiligten Autoren, denn allein im App-Store des US-amerikanischen iPhone- und iPad-Herstellers Apple gibt es mehr als 100 000 Apps, die sich mit Lebensqualität, Fitness und Gesundheit beschäftigen. Auch Google betreibt für seine Smartphone-Software Android einen eigenen App-Store. Beide beherrschen rund 97 Prozent des Marktes. Die Zahl der Apps steigt täglich. Das Marktvolumen von mobilen Gesundheitsangeboten (kurz Mobile Health oder auch mhealth) wird sich nach Experten-einschätzung für das Jahr 2016 auf fast 20 Milliarden US-Dollar steigern. Das wären rund 5,5 Milliarden mehr als 2015.

In dem umfangreichen Überblick identifizieren die Autoren um Albrecht mehrere Handlungsfelder für künftige Forschung sowie Kriterien und Verfahren, um die Entwicklung und Nutzung von Apps im medizinischen Umfeld sicherer zu gestalten. Denn spätestens mit dieser Studie ist auch wissenschaftlich dokumentiert, wovon viele Start-up-Gründer und App-Anbieter berichten: Es fehlt an einheitlichen Qualitätskriterien sowie an einer Verpflichtung der Hersteller für eine qualitätsgesicherte Entwicklung bei Angeboten im sensiblen Bereich der Medizin.

Weiteres Ergebnis der Studie: Das Potenzial für Apps in der Medizin ist da – für jede bislang bekannte Anwendung fehlt allerdings die wissenschaftliche Evidenz. Bislang ist nicht erforscht worden, ob und wie sich das Gesundheitsverhalten der Menschen durch Apps verbessert. Die Wissenschaftler können dafür bisher nur auf Hinweise zurückgreifen. Es sei allerdings anzunehmen, dass die Chance der Partizipation und Beteiligung bei der Verbesserung des Gesundheitszustandes eine große Motivationswirkung auf Patienten hat. Dies könne besonders in der Prävention genutzt werden, so die Studie. Gerade technikaffine Menschen tendieren allerdings zur Nutzung von mehreren Apps gleichzeitig. Daher: „Genauso wenig Informationen gibt es in Bezug auf die Verwendung mehrere Apps zum selben Themenkomplex, dem sogenannten App-Hopping.“ Zusätzlich stellt der spezifische Markt von digitalen Produkten die Wissenschaftler vor ein methodisches Problem: „Der erforderliche längere Untersuchungszeitraum wird hier oft in diametralem Gegensatz zu der hohen Entwicklungsdynamik der zu evaluierenden Apps und den als Plattform dienenden mobilen Geräten stehen.“

Um nicht nur die bereits 63 Prozent der Deutschen, die ein Smartphone benutzen, mit Gesundheits-Apps zu erreichen, appellieren die Studienautoren auch dafür, verstärkt barrierearme digitale Angebote zu schaffen, um auch Menschen mit körperlicher Einschränkung oder mit Behinderungen in die Angebote mit einzubeziehen. „Der Ausbau von Förderprogrammen, die die Entwicklung barrierefreier und innovativer mobiler Anwendungen unterstützen, könnte die Angebotslandschaft verändern“, heißt es in der Studie. Denn besonders bei diesen Patientengruppen sieht die Studie Potenzial, ihren Gesundheitszustand mit einem digitalen Helfer zu verbessern: „Für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen und Funktionseinschränkungen können Apps neue Möglichkeiten eröffnen und ihnen dabei helfen, den Umgang mit ihren Gesundheitsproblemen besser zu meistern und selbstständiger zu leben.“ Die bislang bekannten Apps im Gesundheitsbereich beziehen sich allerdings vor allem auf die Bedürfnisse der Allgemeinheit.

Bei der Implementierung von Apps im Gesundheitssystem sehen die Studienautoren auch Ärztinnen und Ärzte als Vorreiter. „Die Heilberufe können hier eine Vorbildfunktion ausüben.“ Dafür seien die Berufsständischen Vertretungen der Heilberufe sowie Fachgesellschaften gefragt, die auch Vergütungen klären müssten.

Aber selbst gesunde Laien sowie medizinisches Fachpersonal können derzeit oft nicht feststellen, ob eine App von „guter Qualität“ ist. Daher müssten Kriterien entwickelt und kommuniziert werden, die deutlich machen, ob eine App den Standards entspricht. Hier benötige es mehr Aufklärung für Fachpersonal aber auch in der Bevölkerung.

Diese allgemeingültigen Standards und Qualitätsvorgaben müssen noch entwickelt werden. Dazu gehören nach Ansicht der Studienautoren mindestens „zusätzliche Informationspflichten der Hersteller zu den Inhalten und Funktionalitäten von Gesundheits-Apps“. Ebenso empfiehlt die Studie, dass Hersteller von Apps vollständige Angaben zum Datenschutz sowie Finanzierungsquellen der App machen müssen. Die App-Stores der beiden großen Anbieter fordern bislang neben einem Selbstbeschreibungstext nur eine Alterseinstufung der potenziellen Nutzer vom Hersteller ein.

Neben der fehlenden Kennzeichnungspflicht von Zielen und Einsatzgebiet der App, fehlt es auch an einer zentralen Stelle, die Vorkommnisse oder Gefahren speichert und veröffentlicht. „Lediglich Rückrufe seitens der Hersteller finden sich, sofern Probleme festgestellt wurden“, heißt es in der Studie. Die Empfehlung: „Hier wäre die Einrichtung eines niedrigschwelligen Vigilanzsystems ähnlich dem RAPEX-System der EU anzuregen, in dem an zentraler Stelle Meldungen über mögliche und eingetretene Schäden und Nebenwirkungen gesammelt und öffentlich bereitgestellt werden können.“ Um die Qualität weiter zu verbessern, müssten auch die Anbieter von App-Stores in dieses System einbezogen werden.

Auch bei ethischen Fragen zur Nutzung von digitalen Gesundheitsleistungen sieht die Studie noch viel Diskussionsbedarf. So müssten sich alle Akteure – von Politik über Hersteller bis zu den Kostenträgern – über den Schutz der Privatsphäre, der Transparenz sowie die Kontrolle und Autonomie von Daten einig werden.

Die Studie listet 64 Handlungsoptionen in neun Themenfeldern auf. Dazu gehört die Organisation und Infrastruktur, die Finanzierung, ethische Fragen, Regulation, Qualität und Transparenz. Auch werden neun Akteure identifiziert, die sich den kommenden Fragen stellen müssten. Hier sieht die Studie vor allem die Bundes- und Landespolitik, Interessensvertretungen, Hersteller, Anbieter, Laien- sowie Profi-anwender, Forschungseinrichtungen und Kostenträger in der Pflicht. Um das Potenzial auszuschöpfen, das die Digitalisierung hat, rufen die Studienautoren zu einem multidisziplinären Austausch über die Entwicklung, Qualität sowie Evaluation und den Zugang zu neuer Technologie auf.

Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium sieht im Anfang des Jahres verabschiedeten E-Health-Gesetz Möglichkeiten, den Dialog zwischen allen Akteuren zu fördern. „Die Studie ist eine wichtige Grundlage für den Fachdialog mit Experten und Verantwortlichen im Gesundheitswesen, in den wir nun eintreten wollen“, erklärte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) bei der Vorstellung der Studie Ende April. Auf Anfrage des Deutschen Ärzteblattes erklärte das BMG außerdem: „Es ist vorgesehen, die erzielten Ergebnisse nach Abschluss des Fachdialoges mit den aus diesem Fachdialog resultierenden Maßnahmen bekannt zu machen.“ Zusätzlich plant das Ministerium eine Fortführung der ethischen Diskussion und will Forschungsprojekte zur Ethik der Digitalisierung im Gesundheitswesen ausschreiben.

Rebecca Beerheide

@www.charismha.de

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