ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2016Gesundheitsinformationen: Vermittlerrolle gefragt

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Gesundheitsinformationen: Vermittlerrolle gefragt

Dtsch Arztebl 2016; 113(26): A-1233

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Wenig Kompetenz in der Bevölkerung beim Thema Gesundheit und ein Überfluss an nicht verlässlichen Gesundheitsinformationen, mit denen der Patient seine Ärztin oder seinen Arzt konfrontiert: Das ist eine Kombination, die das Arzt-Patienten-Verhältnis belastet. Die Fakten: 54,3 Prozent der Deutschen haben Schwierigkeiten, Gesundheitsinformationen zu verstehen, lautete das Ergebnis einer Studie der Universität Bielefeld. Damit nicht genug: Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz fühlen sich gesundheitlich schlechter und sind zudem häufiger chronisch krank. Auf der anderen Seite suchen immer mehr Patienten Gesundheitsinformationen im Internet und konfrontieren ihren Arzt damit. Das wiederum bereitet Ärztinnen und Ärzten Kopfschmerzen, wie eine Online-Umfrage der Bertelsmann Stiftung zusammen mit der Barmer GEK zeigt. Rund 45 Prozent der Befragten meinten, die Selbstinformationen der Patienten sorgten für übertriebene Erwartungen, die die Arbeit der Ärzte belasteten, was – nebenbei erwähnt – mal wieder zu ärgerlichen pauschalen Schlagzeilen wie „Ärzte genervt von googelnden Patienten“ führte. Andererseits: 40 Prozent der Ärzte begrüßen die Initiative der Patienten.

„Dr. Google“ ist und bleibt also die erste Anlaufstelle. Dass und wie schnell das Googeln aber Fehlinformationen liefert, zeigt schon die Suche nach dem besten Reisehotel. Experten gehen bei den Online-Bewertungen von rund 30 Prozent geschönten oder sogar falschen Informationen aus. Die Schwarmintelligenz, auf die sich viele Verbraucher verlassen, ist gerade bei Gesundheitsinformationen gefährlich: Der falsche Rat bei einer Erkrankung hat zwangsläufig andere Folgen als ein lautes Ferienhotel.

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Verstärkt wird dieser Trend noch dadurch, dass sich die Nutzung der digitalen Informationen „mobilisiert“. Tausende von Smartphone-Apps für alle medizinischen Lebenslagen erobern den Markt (siehe auch Seite 1242). Und diejenigen, die als „digital natives“ damit aufwachsen, werden älter und damit kränker. Unausweichlich ist, dass der Einfluss von digitalen, jederzeit zugänglichen Gesundheitsinformationen auf den Berufsalltag des Arztes massiv zunehmen wird.

Was ist aber zu tun, damit Internetnutzer sich nicht von fragwürdigen Ratschlägen oder von teilweise hysterischen Frage-und-Antwort-Spielen in Foren wie zum Beispiel www.gutefrage.net, beeinflussen lassen? Es muss darum gehen, die guten Fachseiten mit qualitativ hochwertigen Gesundheitsinformationen bekannter zu machen. So bietet das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen unter www.gesundheitsinformation.de verständliche und qualitativ geprüfte Informationen. Auch das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin stellt Patienten auf www.patienten-information.de Kurzinformationen zu Krankheitsbildern, Checklisten und Patientenleit-linien kostenfrei zur Verfügung. Diese Informationsquellen gehören beworben. Kennt der Patient diese Fachseiten, verbessert sich seine Gesundheitskompetenz. Werden ihm diese Angebote auch noch vom Arzt empfohlen, wird dieser zum Ansprechpartner und Vermittler dieser Gesundheitsinformationen. Dann muss er dem Patienten keine fragwürdigen Ratschläge aus dem Netz mehr ausreden, sondern kann gemeinsam mit ihm Entscheidungen treffen. Das bedeutet weniger Stress und schafft Vertrauen. Wenn der Arzt dann noch mehr Zeit hätte und die Vermittlung und Erläuterung von Gesundheitsinformationen aus dem Internet sich als Abrechnungsposition wiederfände, wären alle zufrieden.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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Avatar #84550
gennadij
am Freitag, 1. Juli 2016, 21:35

Herr

Zu der Thema passt auch, gerade bei der aezteblatt-online veröffentlichte Nachricht, dass man in Berlin bei dem Krankenhaus eine Notfallpraxis/Portalpraxis mit den bistimmten Sprechstunden über Wochenende eröffnet wird.
Das ist wirklich toll, für die Patienten, die eine Kran­ken­ver­siche­rung haben.
Denn in unserem Alltag kommen immer wieder kleine Probleme (vergisst man ein Rezept zu erneuern, banale Erkältungen, akut verlaufende GIT Erkrankungen und vieles anderes), die bedürfen der Ärztlichen Behandlung. Und das ist auch große Entlastung für die Kollegen in der Krankenhäuser, in der grossen Städten.
G.Eistrach

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