ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2016Flüchtlinge: Resilienz stärken
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Im öffentlichen Blickwinkel werden Flüchtlinge meist als traumatisierte, nicht resiliente Personen wahrgenommen, das heißt, die Sichtweise ist von Anfang an eher defizitär. Die Studienlage beschäftigt sich deswegen hauptsächlich mit der Traumatisierung von Flüchtlingen und möglicher Therapieansätze. Es sind aber weniger die unmittelbaren traumatischen Kriegserfahrungen vor der Flucht, sondern die gesellschaftlichen gegebenenfalls auch familiären Exilbelastungen mit psychischen Auffälligkeiten verknüpft. Auf dem Hintergrund einer früheren Traumatisierung gewinnt deswegen die Vermeidung einer möglichen weiteren „sequentiellen Traumatisierung“ an Bedeutung und ist wesentlich für einen Dosis-Effekt- Zusammenhang der Symptomatik einer posttraumatischen Belastungsstörung. Es gibt bisher nur sehr wenige wissenschaftliche Arbeiten geschweige denn Handlungsanleitungen und Konzepte für Lehrkräfte und auch Therapeuten, die den Faktor „Resilienz und weiteres Wachstum“ in einen „Behandlungsprozess“ miteinbeziehen.

Resilienzfaktoren wie Widerstandskraft, Anpassungskraft und Veränderungskraft spielen bei der Verarbeitung und Verstärkung von Traumata aber eine wichtige Rolle. Resilienz ist ein Merkmal einer Person, welche sie befähigt, unbeschadet aus Belastungen hervorzugehen. Resilienzfaktoren und Ressourcen der Flüchtlinge werden bisher wenig beachtet, Flüchtlinge können alleine durch die Nichtbeachtung dieser Faktoren auf lange Sicht destabilisiert werden. Aus wenigen Forschungsstudien, die untersuchten, wie die Kinder des Zweiten Weltkrieges heranwuchsen und wie sich der Krieg langfristig auf ihr Leben auswirkte, können Erkenntnisse gezogen werden, dass Kriegs- und Gewalttraumata die Kinder unterschiedlich beeinflusst.

Dies ist zum einen abhängig von der Art der Gewalt, der die Kinder ausgesetzt waren und zum anderen von ihrer Fähigkeit, diese zu verarbeiten. Einige Kriegserfahrungen wirken sich nach diesen Untersuchungen dauerhaft aus: a) schwere Luftangriffe und Kampfhandlungen, b) lange Trennung von der Familie, c) Internierung in Flüchtlings- oder Straflagern, d) Verlust geliebter Menschen durch Gewalt und e) Mangel an Schule. (. . .) Auf Dauer waren es der regelmäßige Schulbesuch, die Wiederaufnahme und Stärkung familiärer Bindungen und eine nützliche Arbeit, die es vielen Kindern ermöglichten, eine positive Lebensperspektive zu entwickeln. In der Arbeit mit (jugendlichen) Flüchtlingen ist es deswegen wichtig, den Blickwinkel nicht alleine auf die Faktoren „Trauma“ und Probleme zu beschränken, sondern Stärken, Kompetenzen und Ressourcen, das heißt Resilienzfaktoren, zu identifizieren. (. . .) Lehrkräfte benötigen nach Möglichkeit „messbare“ Informationen zur individuellen Resilienz (Ressourcen), die sich je nach Herkunft und Umwelt der Betroffenen unterschiedlich manifestieren kann. Weiterhin benötigen sie Instrumente, um zu erkennen, wie unterschiedliche Reaktionen der Betroffenen eingeordnet werden können und welche gezielten Unterstützungsmöglichkeiten hinsichtlich einer ressourcenorientierten Vorgehensweise differenzierend seitens der Schule angeboten werden können. Solche präventiven Strategien müssen aus einer Perspektive des Betroffenen im Vordergrund der ersten Aktionen bei den Betroffenen stehen. Gerade in der Schule müssen Sockel geschaffen werden, um auch Flüchtlingen mit ihren besonderen Rahmenbedingungen adäquat begegnen zu können. (. . .) Ein wesentliches Ziel der Arbeit in der Schule ist es, ein professionelles Gesundheits- und Ressourcenmanagement gerade auch im Flüchtlingsbereich zu entwickeln, welches den Resilienzprozess und die Bedingungen für Resilienz miteinschließt (. . .).

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Prof. Dr. med. Edgar Friederichs, Honorarprofessor am Lehrstuhl für Wirtschaftpädagogik der Otto-Friedrich-Universität Bamberg mit Schwerpunkt Neurobiologie des Lernens und der Arbeit, 96047 Bamberg

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