ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2016Brexit: „Damit hatte niemand gerechnet!“

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Brexit: „Damit hatte niemand gerechnet!“

Dtsch Arztebl 2016; 113(26): A-1248 / B-1045 / C-1029

Maybaum, Thorsten; Hillienhof, Arne

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Es war eine kurze Nacht nach dem Referendum über den EU-Austritt in Großbritannien: Um 4.40 Uhr kam am 24. Juni die Nachricht über die Sender: „Out“ führt und kann nicht mehr kippen. Ärzte und Forscher sind besorgt.

Mit einer Umverteilung von Geldern hin zum britischen Gesundheitssystem hatten die Brexit-Befürworter geworben. Foto: dpa
Mit einer Umverteilung von Geldern hin zum britischen Gesundheitssystem hatten die Brexit-Befürworter geworben. Foto: dpa

Die Briten haben mit einer Mehrheit von 52 zu 48 Prozent dafür gestimmt, aus der EU auszutreten. Nachdem das Ergebnis am anderen Morgen kurz nach halb fünf klar war, liefen die Handys heiß. So beschreibt die Ärztin Anna Sauerbier die Ereignisse. Sie arbeitet am King’s College Hospital und lebt seit fast vier Jahren in London. Viele Kollegen kommen aus dem Ausland. „Einige von uns waren früh aufgestanden – schon ab Mitternacht wurde deutlich, dass es knapp werden könnte. Aber wir alle dachten: Ein EU-Ausstieg – das kann nicht sein!“, sagte Sauerbier.

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Große Unsicherheit

In London hätten alle fest mit einer Entscheidung für die EU gerechnet. „Aber Kollegen und Freunde, die im Umland leben, waren skeptischer. Zu Recht, wie sich gezeigt hat“, so Sauerbier. Sie betonte, nach dem Referendum herrschten große Ratlosigkeit und Unsicherheit. „Viele meiner Kollegen arbeiten in der Forschung und sind natürlich auf Forschungsgelder und Stipendien angewiesen. Die kommen zu einem großen Teil aus der EU“, sagte sie. Mit dieser Sorge stehen Sauerbier und ihre Kollegen nicht allein. Dr. Sarah Main, Director of the Campaign for Science & Engineering, sieht das Ergebnis als „echte Herausforderung“. Gerade die Forschung in Großbritannien habe von der EU profitiert. Main glaubt, der Brexit werde große Auswirkungen auf Universitäten und Forschung haben.

Offene Fragen gibt es viele. Diese müssen nun in den kommenden zwei Jahren zwischen Großbritannien und der EU in den Austrittsverhandlungen erörtert werden. Das dürfte auch Aspekte des Gesundheitswesens betreffen. Der Brexit sei „ein Schlag für die Errungenschaften der Arzneimittelversorgung in Europa“, erklärte der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie. Es werde große Anstrengungen kosten, die neuen bürokratischen Hürden zu nehmen. Der Bundesverband der Arzneimittelhersteller forderte, den Sitz der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) von London nach Bonn zu verlegen. Interesse hatten zuvor bereits Pharmaverbände anderer EU-Staaten bekundet.

Der britische Premierminister David Cameron betonte in einer emotionalen Rede, es werde für die in Großbritannien lebenden EU-Ausländer keine unmittelbaren Konsequenzen geben. Es dürfte auch von den Austrittverhandlungen abhängen, wie diese mittelfristig aussehen. Klar ist, dass Cameron die Gespräche nicht leiten wird. Er hat seinen Rücktritt für Oktober angekündigt. Wer an der Spitze der Briten verhandeln wird, ist unklar. Ebenso offen ist, wie glücklich die Briten, die nach dem Votum mehr als zuvor gespalten sind, letztlich mit der Entscheidung sein werden. In England haben bereits drei Millionen Menschen in einer Petition eine zweite Abstimmung gefordert. Das dürfte unwahrscheinlich sein. Wahrscheinlicher ist, dass viele Brexit-Befürworter am Ende ernüchtert sein werden. Viele Versprechungen der EU-Gegner könnten sich als unhaltbar herausstellen.

Versprechen nicht zu halten?

Der UKIP-Politiker Nigel Farage hatte etwa dem Sender ITV gesagt, er könne nicht garantieren, dass 350 Millionen Pfund pro Woche statt an die EU an das Gesundheitssystem NHS flössen. Die Initiatoren der Leave-Kampagne hatten im Wahlkampf angekündigt, diese Summe, die aus deren Sicht wöchentlich von den Briten an die EU fließe, in das NHS zu investieren. Allerdings wird diese Summe gar nicht bereitgestellt. Der Spiegel hatte berichtet, die Briten würden aufgrund eines Sonderstatus nur 250 Millionen Pfund an die EU überweisen. Ziehe man die Milliarden der EU für die Insel ab, blieben noch 110 Millionen Pfund, die Großbritannien netto pro Woche zahle, hieß es.

Thorsten Maybaum, Arne Hillienhof

@Ein Interview mit Anna Sauerbier:
www.aerzteblatt.de/n69293
oder über QR-Code.

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