ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2016Von schräg unten: Tschuldigung

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Tschuldigung

Dtsch Arztebl 2016; 113(27-28): [60]

Böhmeke, Thomas

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Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich darf es, auch wenn ich nur das Letzte im DÄ bin, einmal laut sagen: Wir deutschen Ärzte sind einfach wunderbar, um nicht zu sagen: Ganz besonders!

Besonders deshalb, weil es kaum eine Profession gibt, deren Ratschlag sogar von der Werbung eingefordert wird. Damit, also der televisionär verbreiteten Aufforderung, immer den betreuenden Arzt zu befragen, nicht genug: Unsere Expertise ist für die meisten unserer Schutzbefohlenen beliebig oft abrufbar, da wir Pauschalarbeiter sind. Wenn ich bedenke, welche Kurse beispielsweise von Juristen eingefordert werden, kann ich nur sagen: Chapeau!

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Um diesen hohen Ansprüchen gerecht zu werden, machen wir den Tag zur 36-Stunden-Bereitschaft, belesen uns am Wochenende und feiertags.

Tschuldigung, mir kommt grade eine Mail dazwischen, der Sohn einer betagten Dame, der mit seiner blutdruckgeplagten Mutter kürzlich in der Sprechstunde vorstellig wurde, wünscht prompte Rückmeldung. Ja, ich habe die aktuellen Blutdruckwerte penibel kontrolliert, sie liegen im Normbereich, er soll sich keine Sorgen machen. Enter, Nachricht versendet.

Wo war ich stehen geblieben.. ach ja: Nicht nur dass unsere Expertise honorarfrei zur Verfügung steht, nein, auch mit Hilfe moderner Kommunikationstechniken ... pardon, besagter besorgter Sohn grätscht mir mit einer besonders brandeiligen Mail dazwischen: Ob der einmalig erhöhte Blutdruckwert von 150/90 mmHg nicht dramatisch sei. Nein, dieser Wert ist aufgrund Beschwerdefreiheit und fehlendem Nachweis gravierender hypertonieassoziierter Herz- und Gefäßschäden nicht als besorgniserregend zu werten. Enter.

Also, wo war ich hängen geblieben.... ja, also, in Zeiten von E-Mail und skype ist es doch ein Segen, dass... was will der jetzt schon wieder? Ob ich mich bei einem Blutdruckwert von 150/90 mmHg nicht doch um eine Maximalbehandlung auf der Intensivstation einer Universitätsklinik bemühen sollte?

Meiner ist mittlerweile höher, und eigentlich wollte ich mich intensiv um die Leserinnen und Leser des DÄ bemühen und keine Unikliniken maximal misshandeln ... wo war ich noch mal... ach ja, Erreichbarkeit ist schön, aber die überbordende Inanspruchnahme hochspezialisierter Fachleute ist beileibe nicht nebenwirkungsfrei.... tut mir leid, schon wieder quäkt mein Postfach dazwischen.... der sorgenvolle Sohn quasselt mir wieder in den Satzbau, er fordert mehr Mühe für die Mutter, weil: Er maile grade aus NEW YORK. Wahrscheinlich hat er das groß geschrieben, weil er der Annahme ist, dass ich als provinzieller Ruhrgebietsdoktor nicht weiß, was das für eine wichtige Stadt ist und ich das doch gefälligst mal googeln sollte. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, umzuziehen und immer nur BÖHMEKE aus BERLIN zu schreiben.

Meine Güte, es ist bald Mitternacht, was erwartet der von mir.... nun ja, die Zeitverschiebung, ich muss nachsichtig sein. Verzeihung. Also, ein Patient hat mir mal berichtet, dass er an einem Wochenende 29 Universitätskliniken zur Begutachtung seines urologischen Problems angemailt hat, 26 haben umgehend ausführlich geantwortet, was ihn dermaßen überfordert hat, dass er sich für eine Außenseitertherapie entschloss und alle erdenklichen Komplikationen erlitt. Verzeihung, das Postfach trötet.... ah, jetzt schreibt er, dass er meine Glossen liest. Es reicht! Er kriegt jetzt eine ganz persönlich! Wie sagte schon Paracelsus: Die Dosis macht’s!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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