ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2016Masterplan Medizinstudium 2020: Blick auf den „großen Wurf“

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Masterplan Medizinstudium 2020: Blick auf den „großen Wurf“

Richter-Kuhlmann, Eva

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Der Masterplan Medizinstudium 2020 nimmt Kontur an: Die Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz beschloss jetzt eine Quartalisierung des praktischen Jahres mit einem Pflichtteil in der ambulanten Medizin.

Ambulante Medizin im praktischen Jahr – künftig soll dies für alle Medizinstudierenden Pflicht sein. Foto: dpa
Ambulante Medizin im praktischen Jahr – künftig soll dies für alle Medizinstudierenden Pflicht sein. Foto: dpa

Bereits im Koalitionsvertrag bekundete die Bundesregierung ihren Willen zu einem „großen Wurf“ bezüglich der Weiterentwicklung des Medizinstudiums. Der Masterplan Medizinstudium 2020 soll dem Vernehmen nach etwa 40 Maßnahmen umfassen. Details sind noch nicht bekannt. Doch jetzt – nach scheinbar endlosen Debatten unter Ausschluss der Öffentlichkeit und monatelangem Ringen zwischen Bund und Ländern – öffnete die Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz der Länder (GMK) die Tür zumindest einen Spalt breit und ließ einen ersten Blick auf die Eckpunkte des Masterplans zu: So soll künftig das praktische Jahr (PJ) in vier Abschnitte zu je drei Monaten geteilt und auf diese Weise ein verpflichtendes Quartal in der ambulanten Versorgung eingeführt werden. Dieses müssen die Studierenden zwar nicht in der Allgemeinmedizin absolvieren, obligatorisch soll künftig für alle jedoch nach dem PJ eine Prüfung (M3) in der Allgemeinmedizin sein. „Dann kann man sich ja vorstellen, wo es sinnvoll ist, das ambulante Quartal zu absolvieren“, sagte die Hamburger Senatorin für Gesundheit, Cornelia Prüfer-Storcks (SPD), im Anschluss an die GMK am 30. Juni in Rostock-Warnemünde.

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Mit ihrem Beschluss folgte die GMK damit offensichtlich in weiten Teilen den Vorschlägen der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM). Diese hatte erst vor wenigen Wochen beim Medizinischen Fakultätentag in Würzburg als Kompromiss vorgeschlagen, den zuvor von ihr geforderten PJ-Pflichtabschnitt Allgemeinmedizin zu streichen und durch ein ambulantes Quartal in vertragsärztlichen Praxen in Verbindung mit einer mündlich-praktischen Prüfung im Fach Allgemeinmedizin im Staatsexamen (M3) für alle Studierenden zu ersetzen. „Die DEGAM hat bewusst Brücken gebaut und sich aktiv für sachgerechte Kompromissformulierungen im Masterplan eingesetzt“, sagte Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach, Präsident der DEGAM, jetzt im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. „Wir sind im Interesse einer besseren, breiteren und versorgungsadäquateren Ausbildung sowie der dringend notwendigen gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung froh, dass sich die Vernunft am Ende durchzusetzen scheint.“

Landarztquote noch fraglich

Noch seien nicht alle Beschlüsse zum Masterplan zwischen den Gesundheits- und Kultusministern der Länder geeint, erklärte Birgit Hesse (SPD), diesjährige GMK-Vorsitzende und Ge­sund­heits­mi­nis­terin in Mecklenburg-Vorpommern. Zudem stehen noch Gespräche mit den Finanzministern der Länder an, deren Resultate erst im Herbst erwartet werden.

Offen ist deshalb derzeit auch noch, ob im Masterplan eine Landarztquote für Bewerber auf Plätze für das Medizinstudium verankert werden soll. Die Ge­sund­heits­mi­nis­ter zumindest halten an dieser Forderung fest. Die 16 Minister sprachen sich jetzt in Rostock konkret dafür aus, dass jedes Land die Option haben soll, eine eigene Landarztquote einzuführen. Auch die Höhe der Quote wollen sie sich offen halten. „Diese hängt vom Bedarf in den einzelnen Ländern ab“, erklärte Hesse.

Dass die Debatte um die Quote immer noch nicht vom Tisch ist, bedauert unter anderem der Medizinische Fakultätentag (MFT): „Die Landarztquote halten wir – egal ob bundesweit oder nur auf der Ebene einzelner Länder – für das falsche Instrument“, sagte Dr. rer. soc. Frank Wissing, Generalsekretär des MFT, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „An dem eigentlichen Problem der fehlenden Anreize in den derzeitigen Strukturen unseres Gesundheitssystems ändert das wenig. Dieses Problem wird vielmehr bei den Universitäten abgeladen und auf dem Rücken der Studierenden ausgetragen.“

Auch diese zweifeln an der Sinnhaftigkeit einer Landarztquote: „In anderen Ländern sind ähnliche Maßnahmen bereits gescheitert – die Landärzte selbst beklagten einen hohen Imageverlust“, erklärte Sukhdeep Arora, Präsident der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd). Da- neben sieht die bvmd Schwierigkeiten in der länderspezifischen Umsetzung. „Die unterschiedlichen Vorabquoten machen das Zulassungsverfahren nur noch komplizierter“, so Arora. Zudem sei es „eine Zumutung“, jungen Menschen nach der Schule abzuverlangen, sich für eine Tätigkeit als Hausarzt in einer unterversorgten Region zu verpflichten.

Auch bezüglich des ambulanten Quartals im PJ gibt es verschiedene Ansichten. Der MFT verweist auf die Hochschulambulanzen: „Wir sind gut aufgestellt“, meinte Wissing. Eine für alle verpflichtende Prüfung nach dem PJ in der Allgemeinmedizin halte er jedoch nicht für zielführend und derzeit kaum umsetzbar. „Die Auswahl und Ausbildung der Prüfer muss klar in der Hand der primärärztlichen Lehrstühle an den medizinischen Fakultäten liegen.“ Dazu müssten jedoch umfangreiche allgemeinmedizinische Netzwerke für Forschung und Lehre um die Universitäten herum aufgebaut werden. „Es wird noch Jahre dauern, bis wir alle Medizinstudierenden in dem Fach prüfen können“, so Wissing.

Kritik durch Studierende

Geduld mahnt auch Moritz Völker an, Sprecher der Studierenden im Hartmannbund: „Wir haben immer gesagt, dass wir eine Stärkung der ambulanten Medizin im Studium für sinnvoll erachten, aber nicht durch weitere Verpflichtungen. Es sollte erst einmal abgewartet werden, ob die bereits eingeführten Maßnahmen, wie zum Beispiel die hausärztliche Famulatur, Früchte tragen“, sagte er. „Wir fordern alle am Prozess Beteiligten auf, die einhellig vorgetragenen Bedenken und konstruktiven Alternativvorschläge der Medizinstudierenden zu berücksichtigen und die Sinnhaftigkeit der geplanten Maßnahmen zu überprüfen“, betonte Völker.

Ähnlicher Ansicht sind auch die Medizinstudierenden im Marburger Bund: „Studieninhalte müssen aus sich heraus begründet sein, weil es die Medizin erfordert, und nicht, weil eine Fachgruppe besonders laut nach ärztlichem Nachwuchs ruft“, sagte Stephanie Weber, Vorsitzende des Sprecherrats der Medizinstudierenden im Marburger Bund. „Anstatt die bisherigen Reformen und Modellversuche auszuwerten, soll gleich das nächste Experiment zu Lasten der ohnehin geringen Wahlfreiheit im Studium gestartet werden. Das ist Politik auf Zuruf der allgemeinmedizinischen Fachgesellschaft und widerspricht eklatant Bedürfnissen der Medizinstudierenden“, bedauerte sie. Sollten die Beschlüsse Wirklichkeit werden, bliebe nur noch ein dreimonatiger Wahlabschnitt im PJ zur freien Verfügung und damit kaum ausreichend Zeit, um eigenen fachlichen Interessen nachzugehen.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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